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Wichtige Vorbereitungen
Eine durchdachte Zuchtplanung mit frühzeitiger gynäkologischer Untersuchung, gezielter Impfung und Entwurmung der Stute sowie der sichere Ausschluss einer Zwillingsträchtigkeit bilden die Grundlage für eine komplikationsfreie Geburt und ein gesundes, vitales Fohlen. Die Erstversorgung eines neugeborenen Fohlens zählt dabei zu den wichtigsten Aufgaben in der Pferdepraxis – sie erfordert strukturiertes Vorgehen, genaue Beobachtung und sicheres Handeln. Neben medizinischem Fachwissen spielen auch Erfahrung und ein geschulter Blick für klinische Details eine zentrale Rolle.
Bereits vor dem Geburtstermin sollte die Abfohlbox sorgfältig vorbereitet werden: Eine gründliche Reinigung, Desinfektion sowie tiefe, saubere Einstreu sind unerlässlich, da neugeborene Fohlen in den ersten Lebensstunden ihre Umgebung intensiv mit Maul und Zunge erkunden – einschließlich der Boxenwände, Tränke und der Mutterstute. Eine hygienische Umgebung trägt entscheidend zur Infektionsprophylaxe bei und legt den Grundstein für einen gesunden Start ins Leben.
Geburt und erste Maßnahmen
Unmittelbar nach der Geburt beginnt für das Fohlen die physiologische Umstellung auf das Leben außerhalb der Gebärmutter. Es muss grundlegende Körperfunktionen wie Atmung, Kreislauf und Temperaturregulation eigenständig übernehmen. In dieser sensiblen Phase sollte das Neugeborene möglichst ungestört bei der Stute verbleiben, damit sich Bindung sowie erste Anpassungsvorgänge stabil entwickeln können (Abb. 1). Das Abtrocknen durch die Stute sowie die körpereigene Wärmeregulation bieten wichtigen Schutz vor Auskühlung. Bei niedrigen Umgebungstemperaturen kann es jedoch notwendig sein, das Fohlen zusätzlich manuell abzutrocknen und vor Kälte oder Zugluft zu schützen.

Bereits wenige Sekunden nach der Geburt sollten erste Vitalitätszeichen erkennbar sein. Innerhalb von 2 Minuten nimmt das Fohlen typischerweise die Sternallage ein und in den folgenden 20 Minuten folgen erste Suchbewegungen und der Saugreflex. Nach 1 – 2 Stunden sollte das Fohlen selbstständig stehen und das Euter der Stute aufsuchen. Verzögerungen in diesem Ablauf erfordern eine zeitnahe tierärztliche Abklärung.
Mutter-Kind-Beziehung
Wichtig ist in dieser frühen Phase die Beobachtung der Beziehung zwischen Stute und Fohlen: Ablehnung, mangelnde Fürsorge oder aggressives Verhalten der Stute können das Trinkverhalten sowie die Thermoregulation des Fohlens erheblich beeinträchtigen und erfordern gegebenenfalls ein rasches Eingreifen (Abb. 1).
Ein physiologischer Geburtsverlauf beim Fohlen erstreckt sich über 2 – 3 Stunden, wobei die eigentliche Austreibungsphase – der Geburtsvorgang ab Fruchtblaseneröffnung – innerhalb von 20 Minuten abgeschlossen sein sollte. Verzögert sich dieser Vorgang, besteht der Verdacht auf eine Dystokie – ein tierärztlicher Notfall, der sofortiges Eingreifen erfordert.
Nabelschnurkontrolle
Die Nabelschnur sollte spontan reißen, was meist beim Aufstehen der Stute geschieht. Dieser natürliche Abriss erfolgt an einer biologischen Sollbruchstelle und unterstützt die physiologische Abheilung. Nur in seltenen Fällen – etwa, wenn das Fohlen in einer ungünstigen Position liegt oder die Stute unruhig ist – sollte vorsichtig eingegriffen und die Nabelschnur manuell, durch Eindrehen unter leichtem Zug, durchtrennt werden.
Nach dem Abreißen muss die Nabelregion desinfiziert werden – bevorzugt mit einer 1%-igen Chlorhexidinlösung, die antiseptisch wirkt und gegenüber Iod den Vorteil bietet, die empfindlichen Schleimhäute weniger auszutrocknen. Tritt eine stärkere Blutung auf, lässt sich diese durch das vorübergehende Anlegen eines sterilen Clips (für ca. 2 Stunden) meist effektiv stillen.
Kolostrumaufnahme und passive Immunität
Das korrekte Ansetzen und Trinken ist von zentraler Bedeutung, da Fohlen den notwendigen Immunschutz über die frühzeitige Aufnahme von Kolostrum erhalten. Sie werden hypogammaglobulinämisch geboren und sind in den ersten Lebenswochen auf den passiven Transfer maternaler Antikörper angewiesen. Die zur passiven Immunisierung erforderliche Kolostrummenge richtet sich nach dem Geburtsgewicht des Fohlens. Warmblutfohlen benötigen in den ersten zwölf Lebensstunden etwa 3,5 – 4,0 l hochwertiges Kolostrum, während bei Kleinpferdefohlen eine Menge von rund 2,0 l ausreicht, um einen adäquaten humoralen Immunschutz aufzubauen.
Ob die passive Immunisierung erfolgreich war, wird in der Regel durch einen SNAP-Test oder mittels Serum-Elektrophorese frühestens 12 h nach der Geburt überprüft. Ein IgG-Serumspiegel von über 800 mg/dl gilt als ausreichend. Wird dieses Ziel nicht erreicht spricht man von einem Failure of Passive Transfer (FPT). In solchen Fällen ist eine intravenöse Gabe von equinem Plasmaprodukt angezeigt.
Merke
Die klinischen Folgen eines FPT können erheblich sein: Neben einer erhöhten Infektanfälligkeit kann es durch subklinische oder manifeste Erkrankungen auch zu Wachstumsverzögerungen kommen; im schlimmsten Fall steigt die Mortalität deutlich an.
Erste tierärztliche Untersuchung
Spätestens innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt sollte zur Vitalitätskontrolle eine vollständige klinische Untersuchung durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt erfolgen. Zur Beurteilung des Allgemeinbefindens werden Temperatur, Herz- und Atemfrequenz kontrolliert. Eine Körpertemperatur um 38,5 °C, eine Atemfrequenz über 60 Züge/min sowie eine ebenfalls über 60 Schläge/min liegende Herzfrequenz sind Zeichen für eine stabile Vitalität. Kapilläre Rückfüllzeit, Muskeltonus, Reflexe sowie die periphere Durchblutung liefern weitere wichtige Hinweise auf den gesundheitlichen Zustand des Fohlens. Kalte Gliedmaßen können dabei auf eine periphere Hypoperfusion und somit auf eine beginnende Kreislaufinsuffizienz hindeuten.
Die Schleimhäute sollten innerhalb kurzer Zeit rosig erscheinen; unmittelbar nach der Geburt sind sie häufig gerötet, was sich jedoch rasch normalisieren sollte. Der Hautturgor – am besten durch sanftes Ziehen einer Hautfalte am Oberlid überprüft – sowie die Augentopografie liefern wichtige Hinweise auf den Hydratationsstatus (Abb. 2).

Spezielle Untersuchungen
Im Rahmen der Erstuntersuchung ist auch eine anatomische Beurteilung der Augen erforderlich. Hierbei wird auf angeborene Fehlbildungen, Schwellungen und Konjunktivalveränderungen geachtet. Die Maulhöhle sollte ebenfalls gründlich inspiziert werden – insbesondere auf Gaumenspalten, Kieferanomalien sowie Auffälligkeiten an Zunge und Schleimhäuten.
In den ersten Lebenstagen stellt der Nabel eine bedeutende Eintrittspforte für Keime dar. Daher ist nicht nur die initiale Desinfektion wichtig, sondern auch die tägliche Kontrolle auf pathologische Veränderungen. Um das Infektionsrisiko zu minimieren, sollte der Nabelstumpf in den ersten drei Tagen einmal täglich in die bereits erwähnte 1%ige Chlorhexidinlösung gedippt werden. Die Nabelregion ist zudem sorgfältig auf Hernien, Schwellung, Überwärmung und Ausfluss zu untersuchen.
Merke
Beim Hengstfohlen ist zusätzlich der Leistenkanal zu kontrollieren, um einen möglichen Vorfall von Darmschlingen frühzeitig zu erkennen. Bei vorhandener Problematik muss der Vorfall mehrmals täglich reponiert werden, bis sich der Leistenring schließt. Auch dem Bewegungsapparat sollte besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden: Angeborene Fehlstellungen sind frühzeitig zu identifizieren und zu behandeln.
Kot, Harn und Blut
Zusätzlich sollten in den ersten Lebensstunden Kot- und Harnabsatz beobachtet und dokumentiert werden. Ein gesunder Mekoniumabgang erfolgt in der Regel innerhalb der ersten 6 Stunden. Zur Erleichterung kann etwa eine Stunde nach der Geburt ein Klistier verabreicht werden. Verkrampfungen oder Schmerzäußerungen beim Absetzen müssen abgeklärt werden. Auch die Kontrolle der Miktion ist entscheidend, da ein ausbleibender Harnabsatz innerhalb der ersten zwölf Stunden Hinweise auf eine Verletzung der Blase bzw. Uroperitoneumsbildung geben kann.
Blutuntersuchungen liefern wertvolle Zusatzinformationen zur Einschätzung des Gesundheitsstatus. Zur Beurteilung der Lungenfunktion und des Säure-Basen-Haushalts kann eine Blutgasanalyse herangezogen werden – insbesondere über den pH-Wert sowie den arteriellen pO2- und pCO2-Partialdruck. Auch ein weißes Differenzialblutbild liefert wichtige Hinweise. Bereits ein oder zwei pathologische Parameter können auf eine beginnende septische Entwicklung hinweisen und sollten entsprechend ernst genommen werden.
Prophylaxe und Hygiene
Zur Stärkung des Immunstatus und zur Deckung des anfänglichen Mikronährstoffbedarfs erhalten neugeborene Fohlen häufig per Injektion eine gezielte Grundversorgung mit Vitaminen, Spurenelementen und Immunpräparaten. Ergänzend wird zur unspezifischen Immunstimulation ein Tetanusserum (5.000 IE/Tier, unabhängig vom Impfstatus der Stute) verabreicht. Wurde die Stute im letzten Trächtigkeitsdrittel nicht gegen Tetanus geimpft, sollte das Fohlen frühzeitig aktiv immunisiert werden. Bei bekannten Problemen im Bestand kann zusätzlich ein Fohlenlähmeserum sinnvoll sein.
Für eine gute Hygiene ist ein sauberes Stallmanagement unverzichtbar: Regelmäßiges Ausmisten, ausreichende Belüftung und trockene Einstreu sind einfache, aber effektive Mittel zur Keimreduzierung.
Neonatale Erkrankungen
Trotz optimaler Erstversorgung können neugeborene Fohlen in den ersten Lebenstagen an spezifischen Erkrankungen leiden, die rasches Erkennen und gezieltes Handeln erfordern. Viele dieser Störungen entwickeln sich aus subklinischen Schwächen im Anpassungsprozess nach der Geburt oder sind Folge unzureichender passiver Immunisierung.
Kolik und Kotverhalten
Im Gegensatz zu adulten Pferden zeigen Fohlen Schmerzen häufig unspezifisch und weniger ausgeprägt, d. h. typische Koliksymptome wie Wälzen oder Schwitzen fehlen oft. Stattdessen äußert sich Unwohlsein beim Fohlen eher durch Zähneknirschen, Unruhe, vermehrtes Liegen – mitunter in Rückenlage – oder Saugunlust. Diese feinen Anzeichen werden leicht übersehen, weshalb eine gezielte Schulung in der Erkennung neonataler Schmerzsymptome für alle Betreuungspersonen essenziell ist.
Mekoniumverhaltung tritt auf, wenn der erste Darminhalt (Mekonium) nicht oder nur unvollständig abgesetzt wird. Die Folgen sind Abdominalschmerzen, Pressen, Unruhe und im Verlauf eine zunehmende Kolik-Symptomatik. Frühzeitige Klistiergaben und eine klinische Überwachung des Kotabsatzes sind entscheidend zur Prophylaxe. Das Erscheinen von hellem, pastösem Milchkot spricht für einen bereits abgeschlossenen Mekoniumabgang – in solchen Fällen kann der Verdacht auf eine Verhaltung meist entkräftet werden.
Störung im Harnabfluss
Harnabflussstörungen zeigen sich durch ausbleibende Miktion innerhalb der ersten 12 Lebensstunden, Bauchumfangszunahme oder Nabelausfluss. Mögliche Ursachen sind ein persistierender Urachus und ein Uroperitoneum infolge von Blasenruptur. Das Uroperitoneum stellt – nach der Mekoniumobstipation – die zweithäufigste Ursache für kolikartige Beschwerden bei Fohlen in den ersten drei Lebenstagen dar. Klinische Symptome treten typischerweise ab einem Alter von über 24 Stunden auf. Besonders häufig sind männliche Fohlen betroffen, da bei ihnen die Blase anatomisch bedingt anfälliger für Rupturen ist. Die sonografische Untersuchung des Abdomens sowie eine Analyse der Punktionsflüssigkeit (Kreatinin) sichern die Diagnose.
Omphalophlebitis
Die Omphalophlebitis beschreibt eine Entzündung der Vena umbilicalis, die sich häufig aus einer unzureichend behandelten oder nicht erkannten Nabelinfektion entwickelt. Klinisch zeigt sich die Erkrankung durch eine verdickte, schmerzhafte Nabelregion, eventuell begleitet von Fieber, Apathie oder systemischen Infektionszeichen. Die Diagnose erfolgt in der Regel sonografisch, da die Entzündung häufig in die Tiefe zieht – teils bis zur Leber. Eine frühzeitige, systemische Antibiose ist entscheidend; in fortgeschrittenen Fällen kann eine chirurgische Entfernung des infizierten Nabelkomplexes erforderlich sein.
Dummy Foal Syndrome und Septikämie
Das Dummy Foal Syndrome beschreibt eine neurologische Funktionsstörung beim neugeborenen Fohlen, die häufig innerhalb der ersten 24 – 48 Stunden nach der Geburt auffällt. Typische Symptome sind Desorientierung, fehlender Saugreflex, gestörte Interaktion mit der Stute und ein verzögertes Aufstehen. Die Ursache wird in einer perinatalen Hypoxie vermutet, die zu einer vorübergehenden Hirndysfunktion führt. Bei intensiver symptomatischer Behandlung zeigen sich häufig innerhalb weniger Tage klinische Verbesserungen.
Eine Septikämie zählt zu den bedrohlichsten Erkrankungen beim neugeborenen Fohlen. Sie entsteht meist durch eine Kombination aus unzureichender Kolostrumaufnahme (FPT) und einer hohen Umweltbelastung mit Erregern, insbesondere gramnegativen Bakterien wie E. coli. Erste Anzeichen sind Teilnahmslosigkeit, Inappetenz, Fieber, Tachypnoe, Tachykardie und gerötete Schleimhäute. Ohne rasche Therapie kann es zu Multiorganversagen, Polyarthritis, Pneumonie oder Meningitis kommen. Die Prognose ist ungünstig: Selbst unter intensiver Behandlung liegt die Letalitätsrate bei über 60%. Auch bei überlebenden Fohlen kann die Beteiligung mehrerer Organsysteme langfristige Einschränkungen mit sich bringen.
Take Home
Trotz möglicher Komplikationen in der Neonatalphase verlaufen die meisten Geburten und die darauffolgenden Lebenstage ohne größere Zwischenfälle. Wenn Geburt, Erstversorgung und die weitere Betreuung gut aufeinander abgestimmt sind, entsteht eine solide Basis für eine ungestörte Entwicklung. Ziel ist es, potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen, um ihnen gezielt entgegenzuwirken – damit aus einem guten Start ein gesunder Weg ins Pferdeleben werden kann.
Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
Gronenberg M. Optimale Fohlenerstversorgung – Grundpfeiler für einen gesunden Start ins Leben.team.konkret 2025; 21(04): 11 - 15. doi:10.1055/a-2674-7806
(IR)



