
Zeigen „mutige“ Tiere in freier Wildbahn zwangsläufig ein höheres Tempo im Lebensverlauf und sterben früher? Eine neue Studie aus dem Max Planck Institut für Evolutionsbiologie stellt diese verbreitete Annahme infrage. Die Forschungsergebnisse, veröffentlicht in Ecology and Evolution, verdeutlichen: Der Zusammenhang zwischen Risikobereitschaft und Lebensdauer ist stark vom Umfeld abhängig.
Viele Tierarten weisen stabile Persönlichkeitsunterschiede auf. Manche Individuen handeln dauerhaft explorativer oder risikofreudiger als andere. Die nun vorliegenden Daten zeigen jedoch, dass sich diese Unterschiede nur unter bestimmten Umweltbedingungen tatsächlich auf Wachstum, Fortpflanzung oder Überleben auswirken.
Tierpersönlichkeit im Spannungsfeld der POLS Hypothese
Seit Langem diskutieren Fachleute die sogenannte Pace of Life Syndrome Hypothese (POLS). Sie geht davon aus, dass sich Verhaltenstendenzen und lebensgeschichtliche Merkmale gegenseitig beeinflussen. „Schnelle“ Tiere investieren demnach früh in Fortpflanzung und gehen mehr Risiken ein, während „langsame“ Tiere vorsichtiger agieren und sich langsamer entwickeln.
Empirische Belege für diese Zusammenhänge sind jedoch bisher widersprüchlich. Die neue Untersuchung liefert nun Hinweise darauf, dass der ökologische Kontext ein entscheidender Faktor sein könnte.
Vier Mäusepopulationen, zwei Futterqualitäten
Um diesen Einfluss zu testen, beobachtete das Forschungsteam vier Hausmaus Populationen über deren gesamten Lebensverlauf. Zwei Gruppen erhielten hochwertiges Futter, zwei weitere wurden mit Standardfutter versorgt, das weniger Nährstoffe enthielt.
Erfasst wurden unter anderem Explorationsverhalten, Risikobereitschaft, Alter bei Geschlechtsreife, Fortpflanzungsleistung und Überlebensdauer.
Persönlichkeit wirkt nur unter nährstoffärmeren Bedingungen
Die Auswertung zeigt: Ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebensgeschichte trat ausschließlich in den Gruppen mit Standardfutter auf. In diesen ungünstigeren Umwelten verhielten sich besonders explorative Weibchen im Sinne einer „schnellen“ Lebensstrategie — sie erreichten früher die Geschlechtsreife und reproduzierten schneller.
Wenn hochwertiges Futter verfügbar war, änderte sich dieses Muster. In diesen Gruppen spielten stattdessen Merkmale eine Rolle, die mit Stressbewältigung zusammenhängen. Tiere, die aktiver mit Stress umgingen, zeigten eher eine langsamere, langlebigere Lebensstrategie.
Ressourcenqualität als Schlüsselfaktor
Die Studie legt somit nahe, dass Persönlichkeitsunterschiede nur dann lebensgeschichtlich relevant werden, wenn die Umweltbedingungen dies zulassen. Insbesondere die Verfügbarkeit von Energie scheint zu entscheiden, ob bestimmte Verhaltensweisen zu unterschiedlichen Lebensverläufen führen.
„Mutig zu sein bedeutet nicht automatisch, schnell zu leben — entscheidend ist der ökologische Kontext“, fasst das Team zusammen.
Bedeutung für Forschung und Praxis
Für die Verhaltensökologie sind die Ergebnisse ein Hinweis darauf, warum POLS Zusammenhänge in manchen Populationen nachweisbar sind und in anderen nicht. Umweltbedingungen können diese Muster überlagern oder verstärken.
Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, bei der Analyse von Tierpersönlichkeiten immer auch die ökologischen Rahmenbedingungen einzubeziehen.
Quelle: Evidence for Environment-Specific Pace-of-Life Syndromes
kcl

