TiermedizinVon A wie Auskultation bis Z wie Zahnaltersschätzung – Die studentische Ausbildung im Skills Lab

Untersuchen, diagnostizieren, üben: Im Skills Lab trainieren Studierende klinische Handgriffe und werden gezielt auf den Praxisalltag vorbereitet.

J. Dittes
Lernen im Skills Lab.

„Sage es mir, und ich vergesse es. Zeige es mir, und ich erinnere mich. Lass es mich tun, und ich behalte es.“, sagte einst Konfuzius. Dies ist heute das Motto von PAUL (Praktisches Ausbildungs- und Lernzentrum), dem Skills Lab der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Einflussfaktoren auf die praktische Ausbildung der Tiermedizinstudierenden in Deutschland

Rund 8000 Studierende sind an Deutschlands Universitäten je Wintersemester im Studiengang Veterinärmedizin eingeschrieben und möchten zu Tierärzten ausgebildet werden [1]. Die praktische Ausbildung der Studierenden muss einer Vielzahl an Anforderungen gerecht werden: Tierschutzrechtliche Aspekte beeinflussen die Art und Weise der Lehre, die praktizierenden Tierärzte außerhalb der Universität haben Erwartungen an Absolventen und nicht zuletzt sind die rechtlichen Vorgaben der Tierärztlichen Approbationsverordnung (TAppV) und der europäischen Vereinigung zur Evaluation veterinärmedizinischer Bildungseinrichtungen (EAEVE = European Association for Evaluation of Veterinary Establishments) zu erfüllen. Dieses Gremium, das die europäischen Fakultäten alle 7 Jahre akkreditiert, gibt eine Liste an Ersttagskompetenzen vor, die ein Absolvent der Tiermedizin im Laufe seines Studiums erlangen sollte [2].

Seit 2013 gelten auch Lehrprogramme als Tierversuche , die je nach Grad der Belastung anzuzeigen oder aber zu genehmigen sind und nach Tierschutzgesetz § 10 Abs. 1 S. 2 „nur vorgenommen werden (dürfen), soweit ihr Zweck nicht auf andere Weise, insbesondere durch filmische Darstellungen, erreicht werden kann“ [3]. Wurden früher die Ersttagskompetenzen hauptsächlich an lebenden Tieren und echtem Tiermaterial gelehrt und trainiert, so geht die Tendenz heute eher zu tierschutzgerechten Alternativen, ohne dabei den Wert des „echten“ Patienten hinten anzustellen.

Wie funktioniert ein Skills Lab?

In einem Skills Lab stehen den Studierenden verschiedene Simulatoren, Modelle und Lernstationen zur Verfügung, um das theoretisch erworbene Wissen praktisch umzusetzen und zu wiederholen ([Abb. 1]).

Simulatoren und Modelle

Ein Simulator wird definiert als „device or set of conditions that aims to imitate real patients, anatomic regions, or clinical tasks“. Es handelt sich dabei also um eine Vorrichtung, die darauf abzielt, echte Patienten, anatomische Regionen oder klinische Tätigkeiten zu imitieren [4]. Dabei werden die Handgriffe verschiedenster tierärztlicher Tätigkeiten bei unterschiedlichsten Tierarten und Fächern abgebildet.

Für die Ausbildung der Studierenden stehen sowohl einfache, sogenannte Low-Fidelity-Modelle, die oft selbst gebaut und auf das Wesentliche beschränkt sind ([Abb. 2]), als auch komplexere High-Fidelity-Simulatoren (meist kommerziell erhältlich) zur Verfügung.

In den klinischen Unterweisungen steht einer Gruppe von 30 Studierenden meist ein Patient gegenüber, d. h. nur wenige Studierende können diesen untersuchen, vielleicht einer aus der Gruppe Blut abnehmen oder einen Venenkatheter schieben. Was jedoch zur Perfektion führt, ist die regelmäßige Wiederholung, bis die einzelnen Schritte einer klinischen Fertigkeit vollständig verinnerlicht sind. Die Simulatoren sind genügsam und ermöglichen allen Studierenden, die Aufgabe so lange zu üben, wie es abhängig vom individuellen Lernfortschritt erforderlich ist.

Silikonhundebeine mit eingebauten Venen ([Abb. 3]), Kunsthundebeine zum Verbandanlegen, Nahtpads und Injektionspads, Erste-Hilfe-Simulatoren und viele weitere Modelle ([Abb. 4]) helfen den Studierenden bei der Vorbereitung auf Praktika, Prüfungen und den 1. Tag als Tierarzt in der Praxis.

Mit verschiedenen Kuscheltieren werden Handling und Fixation simuliert, sodass beim ersten lebenden Patienten die Handgriffe sitzen und eine sichere Untersuchung und Behandlung für alle Beteiligten gewährleistet werden kann. Die Modelle tragen dazu bei, dass Studierende selbstsicherer auftreten, besser vorbereitet und beruhigter zur Prüfung kommen und besser abschneiden als Vergleichsgruppen der Jahre zuvor ohne zusätzliche Übung [5], [6].

Info

Skills Labs in Deutschland

Das Praktische Ausbildungs- und Lernzentrum (PAUL) ist eines von 5 veterinärmedizinischen Skills Labs in Deutschland. Skills Labs sind in der Humanmedizin schon länger bekannt und wurden seit der Novellierung der Ärztlichen Approbationsordnung im Jahr 2002 zunehmend im deutschsprachigen Raum eingerichtet [10].

Die Änderung der TappO (Approbationsordnung für Tierärztinnen und Tierärzte) zur TAppV (Tierärztliche Approbationsverordnung) hatte einen vergleichbaren Effekt in der Tiermedizin. Die Tierärztliche Hochschule Hannover implementierte 2014 als erste deutsche tiermedizinische Bildungseinrichtung ein Clinical Skills Lab [11]. Im Oktober 2014 begann auch in Leipzig die Geschichte des Skills Labs PAUL.

Lernstationen im PAUL

Im PAUL stehen den Studierenden derzeit 60 Lernstationen wie z. B. Venenpunktion, Verbandstechniken, Auskultation oder Ohruntersuchung zur Verfügung, viele davon sind mit einem Modell ausgestattet ([Abb. 1]). Die meisten dieser Stationen widmen sich der Kleintiermedizin, jedoch sind fast alle Haussäugetiere sowie Vögel und Reptilien vertreten. Zu den Stationen gehören vielfach auch Lehrvideos und Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit Bildern und Texten, sodass auch das Üben ohne Supervision möglich wird ([Abb. 5]). Studierende können so in ihrem eigenen Tempo lernen, sich in der Anleitung vergewissern, ob sie die Tätigkeit korrekt ausführen, und ihre Fertigkeiten trainieren, ohne Druck, dass ihnen direkt ein Lehrender über die Schulter schaut. Daneben kann jederzeit ein Termin mit einem Tutor aus dem PAUL-Team, das derzeit aus einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin und 3 studentischen Hilfskräften besteht, vereinbart werden, falls Hilfestellung erforderlich ist.

Das Equipment vervollständigen Computersimulationen, z. B. zur schichtweisen Anatomie der verschiedenen Haussäugetiere und Vögel, sowie Zugriffsmöglichkeiten auf weitere Online-Lernressourcen und die virtuelle Mikroskopie (Core Unit Veterinärmedizin).

Alle Lerninhalte werden regelmäßig mit den Kliniken abgeglichen, sodass Redundanz zwischen den Lehrveranstaltungen, den Zusatzkursen und dem freien Üben besteht. Ausgediente Altgeräte unterstützen die Ausbildung in der Bildgebung oder Anästhesie und erzeugen ein Grundverständnis für den Aufbau und die Funktion des Gerätes und den Umgang mit einem solchen.

Wie wird das Skills Lab ins Studium integriert?

Das PAUL wird durch die Studierenden bisher hauptsächlich freiwillig studienbegleitend genutzt. Vereinzelt finden aber auch Lehrveranstaltungen der Kliniken in den Räumlichkeiten statt, oder Stationen werden in die Propädeutik-Ausbildung in der Klinik integriert. Diese Zusammenarbeit soll noch weiter intensiviert werden.

Um die Studierenden vom 1. Semester an zu begleiten, umfasst das Angebot des PAUL auch freiwillige Erstsemesterkurse zum einfachen Reinschnuppern in den klinischen Teil des Studiums und Wahlpflichtangebote im 3. und 4. Fachsemester (Kurse „Veterinary Clinical Skills“ und „Veterinary Clinical Skills Advanced“), in denen Grundlagen zu klinischen Fertigkeiten vermittelt werden. Auch während der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen in der Präsenzlehre wurde der Kurs „Veterinary Clinical Skills“ als praktischer Online-Kurs weitergeführt und mit dem Versand eines „Survival Kits“ mit einfachen Materialien zum Stationenbau und Einmalartikeln wie Spritzen oder Verbandsmaterial unterstützt.

VetSkillsLabChallenge und selbstgebaute Modelle

Bereits zum 2. Mal konnte 2022 auch ein Standort- und Semester-übergreifender Wahlpflichtkurs der Skills Labs aller deutschen Fakultäten als VetSkillsLabChallenge erfolgreich durchgeführt werden, um die Vernetzung zu verbessern. Aus jedem Standort konnten 10 Veterinärmedizinstudierende teilnehmen, die dann zu Gruppen gemischt aus Standorten und Semestern eingeteilt wurden und gemeinschaftlich zunächst einen Kleintier- und in der folgenden Woche einen Großtierfall auf einer Online-Lernplattform bearbeiten mussten. Dabei war sowohl der Einsatz ihrer theoretischen Kenntnisse als auch ihrer praktischen Fertigkeiten gefragt. Kleine praktische Aufgaben passend zum jeweiligen Fall mussten per Video oder Foto dokumentiert und auf die Plattform hochgeladen werden. Da die Aufgaben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade hatten, mussten sich die Studierenden austauschen, gegenseitig unterstützen und im Sinne des Peer-to-Peer-Trainings miteinander lernen. Am Ende jeder Woche gab es dann ein direktes Feedback durch die Skills-Lab-Leiterinnen der verschiedenen Standorte.

Den Abschluss dieser Veranstaltung stellte die Entwicklung eines einfachen Modells dar, das am Ende vorgestellt werden musste und mit der ein oder anderen Idee vielleicht auch schon Eingang in die Auswahl der Skills-Lab-Modelle gefunden hat. Da sich die Sparte der Simulatoren für die Veterinärmedizin noch im Wachstum befindet und längst nicht für alle Fertigkeiten (gute) Modelle auf dem Markt zur Verfügung stehen, ist viel Kreativität beim Bau eigener Stationen gefragt. Viele Modelle im PAUL gehen darauf zurück, denn verschiedene Studien haben gezeigt, dass auch ein abstrakter Low-Cost- und Low-Fidelity-Simulator den gleichen Lerneffekt erzielen kann wie ein vielleicht anatomisch realistischeres aber weitaus teureres Modell [7]. Beispiele für solche einfachen Modelle sind das Rektusscheide- und Leistenringmodell aus Wischlappen, Schaumstoff, Folien, Fäden, Heftklammern und Gummihandschuhen ([Abb. 6]), das kürzlich auf verschiedenen Konferenzen vorgestellt wurde [8], [9], oder ein Modell zur Venenpunktion aus Papprolle, Schlauchluftballon und einem Wischtuch, das im Wahlpflichtkurs seinen Einsatz fand. Darüber hinaus kann auch mit einfachen Materialien ein Hundekuscheltier in einen Simulator umgebaut werden ([Abb. 7]).

Projektarbeiten

Selbstgebaute Stationen entwickeln sich auch gemeinsam mit den Studierenden im Rahmen von Projektarbeiten und kleinen Forschungsprojekten, die Studierende in Leipzig als Teil ihrer Wahlpflichtstunden absolvieren müssen und die einige als Lehr-Lern-Forschung mit dem Bau und der Evaluation einer Lernstation ableisten. 

So konnten z. B. folgende Stationen entwickelt werden:

  • eine Station mit Modell zur Zystozentese bei Hund und Katze, das sogar ultraschallgestützt nutzbar ist

  • eine Station zum Röntgen der distalen Gliedmaße beim Pferd [6]

    eine Station zum Ortolani- und Barlow-Test

sowie zahlreiche Lehrvideos hergestellt und ein mikrobiologischer Escape Room ins Leben gerufen werden.

Neben echten Hands-on-Stationen gibt es inzwischen auch einige fallorientierte Lernstationen, die sich beispielsweise mit internistischen Fragestellungen und bestimmten Laborparametern beschäftigen oder auf rassespezifische Erkrankungen eingehen. Gezielte Fragen führen auf laminierten Karten durch einen klinischen Fall, ein Schieber verdeckt jeweils die Lösung und regt zum eigenen Nachdenken an. Auch diese Stationen sind in Zusammenarbeit mit Studierenden entstanden.

Fazit

Auch wenn bereits viele neue Möglichkeiten in der Ausbildung der Veterinärmedizin offenstehen, gibt es stetig den Bedarf nach weiteren Wegen, um die Lehre und praktische Ausbildung kontinuierlich zu verbessern. Daher heißt das Ziel für die nächsten Jahre, weitere Modelle und Stationen zu entwickeln, die die jeweiligen Bedürfnisse Lehrender, Studierender und späterer Arbeitgeber abdecken. Dies muss ein gemeinsamer Vorgang sein, sodass optimale Bedingungen für die veterinärmedizinische Ausbildung geschaffen und erhalten werden können und jederzeit bestens ausgebildeter Nachwuchs in unseren Berufsstand nachrückt.

  1. Statistisches Bundesamt. Anzahl der Studierenden im Fach Veterinärmedizin in Deutschland in den Wintersemestern von 2007/2008 bis 2021/2022 [Graph]. Statista 2022. Im Internet (Stand: März 2023): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1050859/umfrage/studierende-im-fach-veterinaermedizin-in-deutschland (Zugriff: )

  2. EAEVE. List of subjects and Day One Competences. Im Internet (Stand: März 2023): https://www.eaeve.org/fileadmin/downloads/eccvt/List_of_subjects_and_Day_One_Competences_approved_on_17_January_2019.pdf (Zugriff: )

  3. Tierschutzgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das zuletzt durch Artikel 1 des Gesetzes vom 18. Juni 2021 (BGBl. I S. 1828) geändert worden ist. http:// (Zugriff: ) Im Internet: TierSchG – Tierschutzgesetz (gesetze-im-internet.de) Stand: März 2023

  4. Braid HR. The Use of Simulators for Teaching Practical Clinical Skills to Veterinary Students – A Review. Altern Lab Anim 2022; 50 (03) 184-194

  5. Annandale A, Goddard A, Scheepers E. Did unsupervised practice of clinical pathology procedures in a Clinical Skills Laboratory improve examination confidence and performance? InVeST 2015: International Veterinary Simulation in Teaching Conference, Hannover, 14.–16.09.2015. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2015

  6. Hattenhauer A, Tzschoppe M, Pelli A. et al. Development and evaluation of an x-ray simulation model of the equine distal limb [Kongressbeitrag]. VetEd Symposium 2022, Nottingham, 6.–8.7.2022.

  7. Aulmann M, März M, Burgener IA. et al. Development and Evaluation of Two Canine Low-Fidelity Simulation Models. JVME 2022; 42 (02) 151-160

  8. Dittes J. Anatomy is everywhere – how everyday objects help to grasp anatomy [Kongressbeitrag]. 11th Meeting of Young Generation of Veterinary Anatomists, Zürich (Schweiz), 20.–22.7.2022.

  9. Dittes J. Keep it simple – teaching Veterinary Clinical Skills with everyday materials [Kongressbeitrag] 1st Annual VetEd Africa Conference, Pretoria (South Africa), 1.–3. November 2022.

  10. Segarra LM, Schwedler A, Weih M. et al. Der Einsatz von medizinischen Trainingszentren für die Ausbildung zum Arzt in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz. GMS Z Med Aus 2008; 25 (02) 1-7

  11. Dilly M, Tipold A, Schaper E. et al. Setting up a veterinary medicine skills lab in Germany. GMS Z Med Ausbild 2014; 31 (02) Doc20

Quelle (nach Angaben von): 
Dittes J. Von A wie Auskultation bis Z wie Zahnaltersschätzung – Die studentische Ausbildung im Skills Lab. kleintier konkret 2023; 26(02): 49 - 53. doi:10.1055/a-2044-3564

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