
In den Schwefelquellen Südmexikos leben dichte Schwärme sogenannter Schwefelmollys, die sich bevorzugt nahe der Wasseroberfläche aufhalten. Diese Strategie sichert ihnen zwar den nötigen Sauerstoff, macht sie jedoch gleichzeitig besonders anfällig für Angriffe durch räuberische Vögel. Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich in diesem komplexen Räuber-Beute-System beide Seiten kontinuierlich aneinander anpassen – mit überraschenden Erkenntnissen zum kollektiven Verhalten.
Spektakuläre Abwehr durch kollektive Wellen
Bei Angriffen reagieren die Fischschwärme mit auffälligen, synchronisierten Tauchbewegungen. Diese breiten sich wie Wellen über die Wasseroberfläche aus und erinnern an eine „La-Ola“ im Stadion. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass diese kollektive Reaktion eine effektive Verteidigungsstrategie darstellt: Sie reduziert den Jagderfolg der Vögel und verlängert die Zeit bis zum nächsten Angriff.
Räuber passen ihre Jagdstrategie an
Die aktuelle Studie untersuchte rund 800 dokumentierte Angriffe verschiedener Vogelarten und analysierte deren Vorgehensweise. Dabei zeigte sich, dass die Räuber gezielt Strategien entwickeln, um die kollektive Verteidigung zu umgehen.
Eisvögel etwa griffen bevorzugt die Randbereiche der Schwärme an, wo weniger starke Wellen ausgelöst werden. Zwar waren Angriffe im Zentrum erfolgreicher, führten jedoch zu intensiveren kollektiven Reaktionen und damit längeren Pausen zwischen den Jagdversuchen.
„Indem die Eisvögel die Randbereiche attackierten, verzichteten sie offenbar auf unmittelbaren Jagderfolg, um die störenden Effekte der Wellen zu vermeiden. Die Räuber schienen also gezielt Schwachstellen in der kollektiven Verteidigung der Beute auszunutzen“, sagt Korbinian Pacher, Erstautor der Studie.
Der Schwefelmaskentyrann wiederum setzte auf eine andere Taktik: schnelle, unauffällige Überflüge, bei denen die Fische oft gefangen wurden, bevor sie kollektiv reagieren konnten. Dadurch konnte dieser Räuber sogar das Zentrum des Schwarms erfolgreich attackieren.
Hinweise auf ein „Schwarmgedächtnis“
Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund der Untersuchung: Die Fischschwärme scheinen Informationen über frühere Angriffe kurzfristig zu speichern. Wenn Angriffe räumlich oder zeitlich dicht aufeinander folgen, reagieren die Tiere beim zweiten Ereignis mit deutlich stärkeren Wellen.
Das Forschungsteam beschreibt diesen Effekt als „Priming“, ein Phänomen, das aus anderen biologischen Systemen bekannt ist.
„Normalerweise verstehen wir Gedächtnis als etwas, das in einzelnen Gehirnen oder Individuen gespeichert wird“, erklärt Korbinian Pacher. „Hier sehen wir Hinweise darauf, dass frühere Räuberangriffe das Kollektiv vorübergehend so verändern können, dass es anders reagiert. Der Schwarm scheint sozusagen Informationen über vergangene Gefahren kurzfristig im kollektiven Gedächtnis zu speichern.“
Dynamisches Wechselspiel zwischen Räuber und Beute
Auch die Vögel reagieren auf diese verstärkten Abwehrreaktionen: Nach intensiven Wellenattacken wählen sie ihre nächsten Angriffe häufig weiter entfernt. Damit entsteht ein dynamisches Wechselspiel, bei dem sich beide Seiten kontinuierlich anpassen.
„Was dieses System so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass sich beide Seiten ständig aneinander anpassen“, sagt Studienleiter Prof. Jens Krause. „Die Räuber verändern ihre Angriffspunkte, um starke Wellen zu vermeiden, während die Fische offenbar kollektiv Informationen über frühere Angriffe speichern. Das zeigt, wie dynamisch und komplex kollektives Verhalten in der Natur sein kann.“
Neue Perspektiven auf kollektives Verhalten
Die Ergebnisse zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild von Schwarmverhalten: Nicht nur koordinierte Bewegung im Moment, sondern auch die temporäre Speicherung von Informationen im Kollektiv scheinen eine Rolle zu spielen. Frühere Erfahrungen können demnach zukünftige Reaktionen beeinflussen – selbst ohne zentrale Steuerung.
Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Forschungsverbund Berlin e.V.
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