
In deutschen Gewässern dominieren nicht-heimische Schildkrötenarten. Das zeigt eine aktuelle Studie der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, die auf 1.770 Nachweisen basiert. Demnach kommen hierzulande insgesamt 14 eingeschleppte Wasserschildkrötenarten in freier Natur vor. Als ursprünglich heimisch gilt lediglich die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis).
Datenauswertung zeigt hohe Artenvielfalt
Für die Analyse kombinierte das Forschungsteam wissenschaftliche Publikationen mit Daten aus Citizen-Science-Projekten. Im Fokus standen Fragen zur Artenvielfalt, zur Verbreitung sowie zum Einfluss menschlicher Aktivitäten.
„Im Mittelpunkt unserer Untersuchung standen drei Fragen: Wie groß ist die Vielfalt nichtheimischer Wasserschildkrötenarten? Wie sind diese Arten in Deutschland verbreitet? Und wie stark hängt ihre Verbreitung mit menschlichen Faktoren zusammen?“, erklärt Hedi Schloddarick.
Die Ergebnisse zeigen, dass neben den eingeschleppten Arten auch Bestände der Europäischen Sumpfschildkröte häufig auf Aussetzungen zurückgehen und damit nicht immer als ursprünglich einheimisch gelten.
Schmuckschildkröte am häufigsten nachgewiesen
Mit großem Abstand am häufigsten tritt die Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta) auf. Sie macht rund 70 % aller erfassten Beobachtungen aus.
„Die mit Abstand häufigste in Deutschland auftretende Art ist mit 1237 Nachweisen Trachemys scripta – die Art macht rund 70 Prozent aller Beobachtungen aus. Danach folgen die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) und die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica)“, ergänzt Johannes Penner.
Die ursprünglich aus Nordamerika stammende Art ist heute weltweit verbreitet. Ihre Präsenz in Deutschland wird vor allem auf ausgesetzte Haustiere zurückgeführt. Bereits 2016 wurde sie in die EU-Liste invasiver Arten aufgenommen.
Urbanisierung fördert die Verbreitung
Die Untersuchung zeigt deutlich, dass sich nicht-heimische Schildkröten vor allem in urbanen und stadtnahen Regionen häufen. Verbreitungsschwerpunkte liegen insbesondere im Westen Deutschlands sowie in Ballungsräumen wie Hamburg, dem Ruhrgebiet, Frankfurt am Main, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und München. In Ostdeutschland konzentrieren sich größere Vorkommen vor allem auf den Raum Berlin.
„Das Muster bestätigt einen engen Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Tiere und menschlicher Präsenz. Es deutet stark darauf hin, dass menschliche Aktivitäten – insbesondere das Aussetzen von Haustieren – eine entscheidende Rolle spielen“, so Schloddarick.
Handel und Haustierhaltung als Treiber
Ein wesentlicher Faktor für die Ausbreitung ist die Beliebtheit bestimmter Arten im Heimtierhandel. Besonders die Rotwangen-Schmuckschildkröte wurde seit den 1950er Jahren weltweit in großen Stückzahlen gehandelt. Nach einem Importverbot durch die EU im Jahr 1997 verlagerte sich der Markt zunehmend auf andere Unterarten und Hybride.
„Die weite Verbreitung mancher Arten wie Trachemys scripta, Pseudemys concinna und Graptemys pseudogeographica lässt sich vermutlich durch ihre große Beliebtheit als Haustiere erklären. Sie gelten als vergleichsweise pflegeleicht, sehen attraktiv aus und waren lange Zeit günstig erhältlich.“
Etablierung und mögliche Folgen
Von den nachgewiesenen 14 nicht-heimischen Arten haben sich bereits drei in Deutschland dauerhaft etabliert und pflanzen sich eigenständig fort. Bislang gilt jedoch nur Trachemys scripta offiziell als invasiv.
Mit Blick auf zukünftige Entwicklungen warnen die Forschenden vor möglichen Effekten durch den Klimawandel. Steigende Temperaturen könnten die Fortpflanzung weiterer Arten begünstigen und ihre Ausbreitung beschleunigen.
„Durch den Klimawandel könnten sich jedoch künftig mehr Arten erfolgreich vermehren, eventuell ausbreiten und stärkere Auswirkungen auf heimische Ökosysteme verursachen. Deshalb fordern wir einen Dialog mit allen beteiligten Stakeholdern, um effiziente Lösungen für Tiere und Haltende zu finden sowie eine stärkere Aufklärung der Öffentlichkeit.“
Monitoring und Beteiligung der Öffentlichkeit
Um die Entwicklung besser verfolgen zu können, setzen die Forschenden auch auf die Unterstützung der Bevölkerung. Beobachtungen können über Citizen-Science-Plattformen gemeldet werden.
„Zudem können Schildkrötenbeobachtungen über iNaturalist und das dortige Projekt ‚Turtles of Germany‘ gemeldet werden. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser lassen sich Verbreitung und Ausbreitung nicht-heimischer Schildkrötenarten in Deutschland nachvollziehen und gezielt Schutzmaßnahmen für Tiere und Ökosysteme entwickeln.“
Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
kcl


