MinischweinDas Minischwein als Patient – was Tierärzt*innen wissen sollten

Nicht selten werden Minischweine in der Kleintierpraxis vorgestellt. Die wichtigsten Grundlagen zu Haltung, Pflege und medizinischer Versorgung erhalten Sie hier.

Inhalt
Drei Ferkel stehen draußen auf ihrem Auslauf und fressen Äpfel vom Boden. Die Schweine haben braunes und geflecktes Fell.
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Fütterungsfehler und unzureichendes Wissen der Tierhalter*innen führt häufig zu haltungsbedingten Erkrankungen bei Minischweinen. - Symbolbild

Einleitung

Seit den 1950er Jahren wurden Minischweine zu Versuchszwecken gezüchtet. Ziel waren kleinwüchsige Schweine, die als Tiermodell in Laboren verwendet werden konnten [1]. In den USA wurden ab 1990 vietnamesische Hängebauchschweine und Minischweinlinien als Heimtiere in privaten Haushalten gehalten. Insgesamt wurden 2002 rund 35 000 Minischweine in den USA registriert. Allerdings wurde eine geschätzte Dunkelziffer von rund 200 000 nicht-registrierten Tieren angenommen [2]. Konkrete Zahlen über gehaltene Minischweine liegen für Deutschland nicht vor. Schätzungsweise werden mehrere tausend Minischweine privat als Hobbytiere gehalten. Die besonderen Bedürfnisse der Minischweine und fehlendes Wissen der Tierhalter über ihre Tiere führen häufig zu Problemen bei der Haltung, der Fütterung und beim Gesundheitsmanagement. Im Rahmen der EXOPET-Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bemängelten 11 von 15 Veterinärämtern unzureichende Haltungssysteme für Minischweine [3].

Tierhalter wenden sich im Krankheitsfall und zur Beratung meist an Kleintierpraktiker, die nicht auf Schweine spezialisiert sind. Im Gegensatz dazu sind Fachtierärzte für Schweine auf die Betreuung landwirtschaftlicher Tierbestände ausgerichtet. Die Betreuung von Individualpatienten ist für Großtierpraktiker nicht alltäglich und aufgrund eingeschränkter diagnostischer Möglichkeiten erschwert [4]. In dieser Übersichtsarbeit werden wichtige Grundlagen zur Haltung, Pflege und tiermedizinischen Versorgung von Minischweinen für die Kleintierpraxis herausgearbeitet.

Herkunft und Zucht von Minischweinen

Das Minischwein zählt zu den Hausschweinen (Sus scrofa domestica) und stammt somit vom Wildschwein (Sus scrofa) ab. Viele der heutigen Minischwein-Zuchtlinien gehen auf das Minnesota Minischwein zurück, dass in den 1950er Jahren im Hormel Institut in Austin gezüchtet wurde [5]. Es handelt sich um eine Vier-Rassenkreuzung aus Black Guinea Hog (Alabama, USA), Wildschweinen von Catalina Island (Kalifornien, USA) und aus den Piney Woods (Louisiana, USA) sowie Ras-n-Lansa-Schweinen aus Guam, Indien. Insbesondere die Ras-n-Lansa-Genetik wurde wegen ihrem ausgeprägten Zwergwuchs eingekreuzt. In Deutschland wurde in den 1960er Jahren basierend auf der Minnesota-Linie das Göttinger Minischwein für Laborzwecke etabliert. Unter Einkreuzung des vietnamesischen Hängebauchschweines und der Deutschen Landrasse wurde ein unpigmentiertes Minischwein mit proportionalem Zwergwuchs gezüchtet. Dieser beruht auf einer genetisch bedingten, verminderten Sekretion des Insulin-like growth factor 1 (IGF-1) [1]. Außerdem wird eine Insulin-Resistenz der Zielgewebe als mögliche Ursache des Zwergwuchses diskutiert [6]. Weitere Linien wie Sinclair S-1 (ehemals Minnesota Minischwein), Hanford, Yucatan, Ossabow, Wuzhishan, Juliana, Berlin und München wurden etabliert [7] [8] [9]. Privat gehaltene Minischweine gingen aus den verschiedenen Zuchtlinien hervor. Außerdem werden vietnamesische Hängebauchschweine und die neuseeländische Rasse Kunekune als Heimtiere gehalten. Die verschiedenen Zuchtlinien zeichnen sich durch unterschiedliche Farbschläge und Gewichte aus [10] (Tab. 1).

Minischwein Zuchtlinie Geburtsgewicht (g) Gewicht zur Geschlechtsreife (kg) Adultes Gewicht (kg) Farbschlag
Vietnamesisches Hängebauchschwein 400–600 15–20 50–60 schwarz, schwarz mit weißen Zeichnungen
Kunekune 800–900 50–80 schwarz, rot-weiß, orange-rot, cremefarben, tricolor
Göttinger 450 10–14 30–45 weiß, unpigmentiert
Sinclair S-1 590 16–22 55–70 schwarz, rot, weiß, rötlich-grau
Juliana 6–20 rot, rot-schwarz, rot-weiß, weiß-schwarz, schwarz, silber, silber-weiß
Guinea Hog 10–20 rot
Miniature Yucatan 500–900 20–30 70–80 schiefergrau bis schwarz
Micro Yucatan 600–700 14–20 55–70 schiefergrau bis schwarz
Wuzhishan 1000 12–14 25 schwarz mit weißem Bauch und Flanken
Hanford 730 20–40 80–95 weißes Haarkleid
Panepinto 500–800 25–30 dunkelgrau, schwarz
München 600–900 60–100 weiß, schwarz, rot, dunkelbraun, gefleckt
Clawn 500 40 weiß, vereinzelt schwarz und gefleckt

Konkrete Rassestandards sind für das Vietnamesische Hängebauchschwein, Sinclair S-1 (Minnesota Minischwein) und das Göttinger Minischwein festgelegt. In Deutschland gingen aus den genannten Minischweinen weitere Zuchtlinien hervor, die allerdings nicht als Herdbuchzucht geführt werden. Das Wiesenauer Minischwein wurde aus Kreuzungen mit dem Bunten Bentheimer Schwein gezüchtet. Die Tiere sind meist einfarbig, schwarz-weiß oder braun gescheckt (Abb. 1) [11].

Als kleinste Zuchtlinie wird der Bergsträsser Knirps beschrieben. Diese Linie entstand aus einer Kreuzung von Wiesenauer und Göttinger Minischwein sowie vietnamesischem Hängebauchschwein. Mit Gewichten zwischen 12–30 kg im ausgewachsenen Alter bleiben die Tiere vergleichsweise klein [11].

Eigenschaften von Minischweinen

Minischweine unterscheiden sich physiologisch und anatomisch kaum von Hausschweinen. Zwischen den Zuchtlinien der Minischweine gibt es Unterschiede in Gewicht, Pigmentierung (Tab. 1) und Größe. Typisch für alle Minischweine sind kleine Stehohren und ein hängender Schwanz. Der beim Hausschwein vorkommende Ringelschwanz ist nicht ausgeprägt. Die Widerristhöhe schwankt je nach Zuchtlinie zwischen 25 und 60 cm [12]. Das durchschnittliche Höchstalter von Minischweinen bewegt sich zwischen 15–18 Jahren. In Einzelfällen wurde ein Alter von bis zu 23 Jahren erreicht [13]. Die Geschlechtsreife wird für Minischweine mit durchschnittlich 4 Monaten angegeben [12]. Howroyd et al. [14] beschreiben bei weiblichen Göttinger Minischweinen, die von einem Eber stimuliert wurden, eine Geschlechtsreife im Alter von 3,7–6,5 Monaten. Im Vergleich dazu entwickelten weibliche Tiere bei Abwesenheit eines Ebers erst im Alter von 7,7 Monaten eine Geschlechtsreife. Die Zeitfenster wurden anhand des Progesterongehaltes im Blut bestimmt. Bei männlichen Göttinger Minischweinen tritt eine Geschlechtsreife mit 2 Monaten und bei männlichen Yucatan mit 4,4 Monaten ein [14]. Weibliche Minischweine sind asaisonal polyöstrisch und weisen eine Zykluslänge von 20–21 Tagen auf [15]. Die Wurfgröße ist bei Minischweinen durch ihre Körpergröße limitiert [16]. Anders als bei landwirtschaftlichen Hausschweinen bewegt sich die Anzahl geborener Ferkel zwischen 6–8 pro Wurf [17].

Minischweine leben bevorzugt in sozialen Gruppen mit einer hierarchischen Struktur. Das Sozialverhalten umfasst gegenseitiges Beschnüffeln, Bewühlen und Körperkontakt im Ruhen. Aggressives Verhalten zeigt sich durch Kopfschlagen, Beißen und Aufspringen. Während der Rausche kann es ebenfalls zu vermehrtem Aufspringen durch männliche und weibliche Tiere kommen. Natürlicherweise zeigen die Tiere ein ausgeprägtes Explorationsverhalten, indem Gegenstände und Einrichtungen oral manipuliert werden [18]. Im sozialen Kontakt mit dem Menschen setzt eine Akklimatisierung ein, die einen stressfreieren Umgang mit den Minischweinen ermöglicht [19]. Fremden Personen gegenüber zeigen Minischweine Rückzugsverhalten, auch wenn sich Bezugspersonen im gleichen Raum befinden [20] [21]. Bestimmte Verhaltensweisen im Umgang mit den Tieren können durch Clicker-Training verstärkt oder reduziert werden. Gleichzeitig fordert es die kognitiven Fähigkeiten der Tiere und dient der Beschäftigung [22] [23].

Aggressives Verhalten gegenüber Menschen kommt unabhängig des Geschlechts bei Minischweinen vor. Tynes et al. [24] beschreiben Schnappen, Stoßen und Beißen als typische Aggressionen gegenüber Tierhaltern. Minischweine in Einzelhaltung zeigten signifikant häufiger aggressives Verhalten als Tiere in Gruppenhaltung. Verschiedene Maßnahmen zur Kompensation, wie zusätzliche Futterangebote, Decken, Stofftiere oder Stroh, hatten keinen Einfluss auf die unerwünschten Verhaltensweisen [24]. Die Eingewöhnung an eine neue Umgebung und Personen unterliegt tierindividuellen Schwankungen [19]. Adcock et al. [25] beschreiben Unterschiede in der physiologischen Stressreaktion innerhalb einer sozialen Gruppenstruktur von Yucatan Minischweinen. Die Autoren führen dies auf variierende Erregbarkeit der Einzeltiere gegenüber Umwelteinflüssen zurück [25]. Im Umgang mit Minischweinen wirken Haltungswechsel und -änderungen [26] sowie äußere Reize als Stressoren. Lärm oder laute Musik führen ohne Gewöhnung zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks [27].

Private Haltung von Minischweinen

Minischweine unterliegen in Deutschland den rechtlichen Vorgaben für Hausschweine. Hierbei kommen Gesetze zu Tierschutz, Haltung und tierärztlicher Versorgung zur Anwendung. Dabei muss zwischen übergeordnetem europäischem und nationalem Recht unterschieden werden (Tab. 2).

  Rechtsgrundlage Anwendungsbereich
Europäische Gesetzgebung Delegierte Verordnung zur Ergänzung der VO (EU) 2016/429 hinsichtlich Vorschriften für die Prävention und Bekämpfung bestimmter gelisteter Seuchen (DelVO (EU) 2020/687) Ergänzende Vorschriften zu Seuchenbekämpfungsmaßnahmen
  Durchführungsverordnung mit besonderen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen in Bezug auf die Afrikanische Schweinepest (DVO (EU) 2023/594) Besondere Seuchenbekämpfungsmaßnahmen in Bezug auf die Afrikanische Schweinepest
  Richtlinie über Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen (RL 2008/120/EG) Gültigkeit für Schweine, die zu Aufzucht- und Mastzwecken gehalten werden (Art. 1)
    Mindestanforderungen an die Haltung von Schweinen
  Richtlinie über den Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere (RL 98/58/EG) Vorschriften zu Mindestnormen zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere (Art. 1)
  Verordnung über den Schutz von Tieren beim Transport und damit zusammenhängenden Vorgänge (VO (EG) 1/2005) Vorschriften zum Transport von Wirbeltieren innerhalb der EU sowie bei Ein- und Ausfuhr in Drittstaaten
  Verordnung über die Schaffung eines Gemeinschaftsverfahrens für die Festsetzung von Höchstmengen für Rückstände pharmakologisch wirksamer Stoffe in Lebensmitteln tierischen Ursprungs (VO (EG) 470/2009) Definition „lebensmittelliefernde Tiere“ (Art. 2)
    Festlegung von Rückstandshöchstmengen, Risikobewertung, Risikomanagement, Referenzwerte für Maßnahmen
  Verordnung über pharmakologisch wirksame Stoffe und ihre Einstufung hinsichtlich der Rückstandshöchstmengen in Lebensmitteln tierischen Ursprungs (VO (EU) 37/2010) [Tabelle 1] Zulässige Wirkstoffe
    [Tabelle 2] Verbotene Wirkstoffe
  Verordnung über Tierarzneimittel und zur Aufhebung der Richtlinie 2001/82/EG (VO (EU) 6/2019) Umwidmungskaskade für Tierarzneimittel bei Therapienotstand (Art. 113)
  Verordnung zu Tierseuchen und zur Änderung und Aufhebung einiger Rechtsakte im Bereich der Tiergesundheit („Tiergesundheitsrecht“) (VO (EU) 2016/429) Verpflichtung privater Tierhalter zur Minimierung des Risikos der Verbreitung von Tierseuchen (Art. 10)
Nationale Gesetzgebung Tierschutzgesetz (TierSchG) Anforderungen an die Haltung und Pflege von Schweinen (§§ 1–3)
    Regelungen zu Eingriffen (z. B. Kastration) (§§ 5,6)
  Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) Anforderungen an Haltungseinrichtungen und die Haltung von Schweinen verschiedener Altersgruppen (§§ 21–30)
  Schweinhaltungshygieneverordnung (SchwHaltHygV) Gültigkeit für Zucht- und Mastschweine (§ 1), keine Anwendung bei privat gehaltenen Minischweine
    Klinische Symptome, die eine Untersuchung zum Ausschluss anzeigepflichtiger Tierseuchen notwendig machen (§ 8)
    Seuchenhygienische Vorgaben zu Stall-, Auslauf- und Freilandhaltung (Anlagen 1–3)
    Hygienevorschriften für schweinehaltende Betriebe
    Doppelte Einfriedung von Ausläufen und Freilandhaltungen
  Viehverkehrsverordnung (VVVO) Anzeige und Registrierung der Schweinehaltung (§ 26)
    Kennzeichnung von Schweinen (§ 39)
    Übernahme von Schweinen (§ 40)
  Tierschutz-Transportverordnung (TierSchTrV) Anforderungen an Transportbehältnisse (§§ 6,7)
    Vorgaben zum Transport von Schweinen (§ 9 und Anlage 2)
  Tierarzneimittelgesetz (TAMG) Vorgaben zur Anwendung für Schweine zugelassener Tierarzneimittel (§ 39)
    Abgabe von Tierarzneimitteln (§§ 44,47,49,50)
  Tierhalter Anwendungs- und Nachweisverordnung (THAMNV) Dokumentation angewendeter Tierarzneimittel durch den Tierhalter (Bestandsbuch) (§ 2)
  Tiergesundheitsgesetz (TierGesG) Pflichten des Tierhalters zur Erkennung und Vermeidung von Seuchen (§ 3)
  Verordnung über anzeigepflichtige Tierseuchen (TierSeuchAnzV) Anzeigepflichtige Tierseuchen bei Schweinen: Europäische Schweinepest, Afrikanische Schweinepest, Aujeszkyʼsche Krankheit, Maul- und Klauenseuche, Stomatitis vesicularis, Vesikuläre Schweinekrankheiz, Brucellose
  Schweinepestverordnung (SchwPestV) Verbot des Verfütterns von Küchen- und Speiseabfällen an Schweine (§ 2a)
  Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz (TierNebG) Pflichten des Tierhalters zur Meldung, Aufbewahrung und unschädlichen Beseitigung von toten Schweinen (§§ 7–10)

Der deutsche Gesetzgeber unterscheidet nicht zwischen lebensmittelliefernden und privat gehaltenen Schweinen. Daraus ergeben sich Haltungsvorgaben, die im TierSchG und in der TierSchNutztV bergründet sind. Zusätzliche Anforderungen der SchwHaltHygV gelten lediglich für Tierhalter, die mindestens 3 Minischweine zu Zuchtzwecken halten. Hier werden konkrete Hygienevorschriften für Schweinehaltungen gemacht, die der Prävention und Früherkennung von Tierseuchen dienen. Allerdings haben amtliche Anweisungen zu Haltungs- und Biosicherheitsmaßnahmen vor Gericht oft keinen Bestand [28] [29]. Eine Einhaltung beschriebener Maßnahmen zur Seuchenprävention, insbesondere in der Auslauf- und Freilandhaltung, ist dennoch zu empfehlen. Das europäische Recht nimmt in der VO (EU) 2016/429 private Tierhalter in die Pflicht, gehaltene Tiere vor einem Seucheneintrag zu schützen. Konkrete Maßnahmen (z. B. doppelte Einfriedung) werden in der EU-Verordnung nicht vorgeschrieben. Im Falle eines Seuchenausbruchs unterliegen Minischweine den gesetzlichen Vorgaben zur Seuchenbekämpfung bei Hausschweinen. Diese können per Erlass amtlich angeordnete Aufstallungs- und Meldepflichten, Beprobungen für Ausschlussuntersuchungen oder Tötungen von gehaltenen Minischweinen bedeuten (Tab. 2). Gillespie et al. [30] stufen Minischwein- und Kleinstschweinehalter als potenzielles Risiko für den Eintrag von Tierseuchen ein. Unzureichendes Wissen zur Haltung der Tiere und schlechte Biosicherheitsmaßnahmen werden als Gefahren angeführt [30].

Minischweine dürfen aus tierschutzrechtlichen Gründen nicht einzeln gehalten werden. Verhaltensbiologisch ist aufgrund des Territorialverhaltens von adulten Sauen und Ebern in Einzelfällen eine Vergesellschaftung mit Artgenossen nicht möglich [31] [32]. In der Praxis werden verschiedene Haltungsformen praktiziert. Entgegen weitläufiger Empfehlungen werden Minischweine immer wieder in privaten Wohnräumen gehalten [12]. Haltungen in Stallgebäuden, häufig kombiniert mit einem Auslauf, sowie Freilandhaltungen sind ebenfalls weit verbreitet [10] (Abb. 2).

Eine Außenklimahaltung wirkt sich positiv auf das Verhalten der Tiere, die Haut, das Borstenkleid und die Klauenbeschaffenheit aus. Zum Schutz vor Witterungseinflüssen müssen Hütten oder Unterstände als Rückzugsorte vorhanden sein. Eine direkte Sonneneinstrahlung kann zu hyperthermischen Zuständen führen. Hier ist zu beachten, dass Minischweine, ähnlich wie Hausschweine, anfällig für Hitzestress sind. Bereits bei Umgebungstemperaturen von 25–26°C kommt es bei Hausschweinen zu einem Anstieg der Rektaltemperatur [33]. Die Thermoregulation bei Schweinen ist aufgrund unzureichender funktionaler Schweißdrüsen eingeschränkt. Wichtige thermoregulative Mechanismen stellen Konvektion, Konduktion und Evaporation durch Feuchtigkeit dar. Unterstützend sollten Suhlen oder Bäder im Außenbereich angeboten werden, um eine ausreichende Kühlung und Hautpflege zu ermöglichen [34].

Vor der Anschaffung eines Minischweines muss nach VVVO eine Registrierung des Tieres bei der zuständigen Behörde (z. B. Veterinäramt) und eine Anmeldung bei der Tierseuchenkasse erfolgen. Dem Tierhalter wird eine Betriebsnummer (VVVO-Nr.) zugeteilt. Zur Kennzeichnung der Tiere wird eine Ohrmarke eingezogen. Eine Bestandsmeldung der gehaltenen Minischweine erfolgt jährlich über das Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere (HIT-Datenbank). Bei Aufnahme, Abgabe oder Tod des Tieres sind ebenfalls Meldungen über die HIT-Datenbank vorzunehmen [35]. Beim Verbringen der Tiere müssen die Vorgaben der TierSchTrV eingehalten werden. Für den Transport eignen sich Hundeboxen in passender Größe [36].

Im Falle des Todes eines Minischweins gilt das TierNebG und das Tier muss einer Tierkörperbeseitigungsanstalt zugeführt werden. Das Begraben auf Tierfriedhöfen oder eine Einäscherung sind nicht erlaubt [35].

Fütterung und Pflege

In der Praxis entstehen häufig fütterungsbedingte Erkrankungen. Adipositas ist eine der wichtigsten Erkrankungen bei privat gehaltenen Minischweinen [37]. In der Fütterung von Minischweinen werden 13,5–16,0% Rohprotein, 2,5–3,5% Rohfett und 6,0–14,5% Rohfaser in kommerziellen Futtern eingesetzt. Der metabolische Energiegehalt (ME) liegt bei 10,5–12,2 MJ/kg [38]. Der nutritive Bedarf der Minischweine ist abhängig von Alter [37] [39] und Zuchtlinie [40] [41]. Eine ad libitum Fütterung mit energiehaltigem Grundfutter ist für Minischweine nicht geeignet. Geschlechterübergreifend neigen die Tiere zu einer adipösen Kondition [42]. Die tägliche Grundfuttermenge sollte 1–2% des Körpergewichtes (KGW) nicht übersteigen [43]. Kommerzielle Futter setzen sich meist aus pflanzlichen Komponenten zusammen, die in der Fütterung von Hausschweinen verwendet werden [12]. In der Praxis können Mangelzustände durch einseitige Getreidefütterung oder durch Tierhalter fehlerhaft zusammengestellte Rationen entstehen [30]. Kalzium- und Phosphormangel sind in der Praxis von großer Bedeutung. In der Folge kann eine unzureichende Mineralisierung der Knochen zu Rachitis oder Osteomalazie und Frakturen führen [44] [45] [46]. Neben Auswirkungen auf den Bewegungsapparat steigt das Risiko eines funktionellen Ileus [47] und des Auftretens einer Urolithiasis [48]. Weitere nutritive Mangelzustände können sich in Form atypischen Fressverhaltens (Pica) manifestieren [49]. Ein daraus resultierender Fremdkörper-Ileus kann zu lebensbedrohlichen Zuständen führen [50]. Solche Zustände treten in der Praxis häufig auf. Für eine ausreichende Wasserversorgung muss der tägliche Bedarf von 30–120 ml/kg KGW pro Tier berücksichtigt werden [38]. Angebotenes Wasser muss mehrmals täglich gewechselt werden. Tröge sollten so ausgestaltet sein, dass die Tiere sie nicht umwerfen können [37].

Neben einer ausgewogenen Fütterung sind regelmäßige Pflegemaßnahmen durchzuführen. Abhängig vom Alter und der Haltung der Minischweine ist eine Klauenpflege notwendig. Das Klauenhorn von Schweinen wächst täglich zwischen 0,3–0,5 mm. Bei unzureichendem Abrieb kommt es zu einem überlangen Klauenwachstum [51]. Daraus können Verletzungen, Lahmheiten [52] und Schäden in der Klaue entstehen [53]. Um krankhaften und tierschutzrelevanten Zuständen vorzubeugen, ist eine regelmäßige Klauenpflege erforderlich. Kleine Korrekturen können mit einer Rosenschere durch den Tierhalter vorgenommen werden. Clicker-Training ist geeignet, um Minischweine für eine Klauenpflege ohne Fixation zu trainieren. Regelmäßige und nicht schmerzhafte Pflegemaßnahmen können bei reduzierter Belastung für die Tiere vorgenommen werden [22] [23] [54]. Für eine orthopädische Korrektur ist eine ausreichende Fixierung des Minischweins erforderlich [55]. In Europa werden Klauenpflegestände für Zuchtsauen (Modell Piggytrim, Fa. Farmnology, Dänemark) angeboten. Ähnliche Pflegestände werden in den USA für Minischweine (Modell Panepinto Sling, Fa. Panepinto and Associates, USA) verwendet. Nach einer Eingewöhnung an den Pflegestand lässt sich im wachen Zustand eine Klauenpflege mit geringerer Belastung für das Tier durchführen. Eine manuelle Fixation für eine umfangreiche Klauenpflege ist für die Tiere sehr belastend. In der Praxis ist eine Klauenpflege unter flacher Allgemeinanästhesie für untrainierte Minischweine möglich. Abhängig von Haltung und Alter müssen die Klauen 2–3-mal jährlich gekürzt werden [55].

Fütterungsbedingte Klauenschäden können durch eine Unterversorgung mit bestimmten Mineralien, Vitaminen und Aminosäuren bei fehlerhafter und einseitiger Rationsgestaltung (z. B. kein Einsatz von kommerziellen Futtern) entstehen. Ein Mangel an Biotin, Zink, Selen, Mangan, Kalzium, Kupfer sowie den Aminosäuren Methionin, Cystidin und Histidin im Futter führt zu einer unzureichenden Keratinisierung des Klauenhorns [56]. Biotin hat durch seine zellbindenden Eigenschaften eine entscheidende Bedeutung für die Stabilität des Klauenhorns [57]. Ein Biotinmangel führt zu brüchigem Horn, Rissbildung im Wandhorn, Kronsaumentzündungen und -nekrosen sowie zu Alopezie und Dermatosen. Nutritive Klauenprobleme sind durch eine Anpassung der Fütterung zu behandeln. Biotin- und zinkhaltige Ergänzungsfuttermittel sind geeignet, um Defizite auszugleichen [58] [59].

Bei männlichen und gelegentlich bei ranghohen, dominanten weiblichen Minischweinen ist das Kürzen der zeitlebens wachsenden Canini (Hauer) in verschiedenen Fällen notwendig. Überlange Canini können bei Fehlstellungen in die Gesichtshaut einwachsen. Außerdem besteht die Gefahr, dass Minischweine an Einrichtungsgegenständen oder Zäunen hängen bleiben. Brüche und Abrisse der Canini können zu schmerzhaften Verletzungen sowie Entzündungen führen. Für Partnertiere und Tierhalter besteht ebenfalls ein Verletzungsrisiko. Um eine Kürzung der Canini bei Minischweinen vorzunehmen, ist eine Allgemeinanästhesie notwendig. Die Zähne werden 2 cm oberhalb der Gingiva mit einer Drahtsäge nach Liess abgesetzt. Entstehende Kanten werden mit einem Schleifgerät geglättet [55]. Das Abkneifen mit einer Zange birgt die Gefahr einer Zahnfraktur mit Eröffnung der Pulpa und darf nicht angewendet werden. Aufsteigende Infektionen können zur Abszessbildung führen [60]. Eine Extraktion der Hauer infolge einer Abszessbildung wurde durch Savard et al. [61] beschrieben.

Untersuchung und Probenentnahmen bei Minischweinpatienten

Bei der Untersuchung von Minischweinen ist ein ruhiger Umgang mit den Tieren essenziell, um klinische Parameter nicht zu verfälschen. Im Rahmen der allgemeinen klinischen Untersuchung können Rektaltemperatur, Puls- und Atemfrequenz erhoben werden. Der Puls kann palpatorisch an der Arteria auricularis magna am Ohr erhoben werden. Zu empfehlen ist allerdings eine Auskultation des Herzens. Das Niveau der physiologischen Werte nimmt mit zunehmendem Alter ab (Tab. 3).

Parameter Referenzbereich
Rektaltemperatur (°C) 37,6–39,0
Pulsfrequenz (Schläge/Minute) 70–100
  Neugeborene: 200
Atemfrequenz (Atemzüge/Minute) 12–24
  Ferkel: 40

Der weitere Untersuchungsgang ist vergleichbar mit anderen Kleintieren. Die verschiedenen Organsysteme werden adspektorisch und palpatorisch untersucht. Minischweine reagieren auf Manipulation mit lauter Vokalisation, die nicht im direkten Zusammenhang mit Schmerzen steht. Schmerzanzeichen lassen sich an Lahmheiten, aufgekrümmtem Rücken und Zähneknirschen erkennen [63]. Klauen, Canini und Augen sind haltungsbedingt häufiger von Veränderungen betroffen und sollten genauer untersucht werden [62]. Weiterführende sonografische und radiologische Diagnostik kann bei Minischweinen je nach Umfang im wachen oder anästhesierten Zustand durchgeführt werden [64] [65].

Die Entnahme von Probenmaterial zur weiteren Untersuchung ist identisch mit den Verfahren bei Hausschweinen. Kot und Urin können minimalinvasiv gewonnen werden. Spontanurin kann beim Urinabsatz aufgefangen werden. Die abgesetzte Urinmenge bei weiblichen Minischweinen liegt zwischen 200–900 ml bei einer Absatzfrequenz von 2–9-mal täglich [66]. Kotproben sind direkt aus dem Rektum zu entnehmen [67].

Blutprobenentnahmen können für Minischweine sehr belastend sein. In der Versuchstierhaltung wird Clicker-Training unter anderem bei Blutentnahmen zur Stressreduktion angewendet. Diese Trainingsmethode ist für privat gehaltene Minischweine geeignet, um Blutentnahmen in der Praxis zu erleichtern [34] [68] [69]. Bei Bedarf kann eine Blutprobenentnahme unter Fixation oder im anästhesierten Zustand durchgeführt werden. Je nach Größe des Tieres kann das Minischwein von einer Hilfsperson oder mit einer Oberkieferdrahtseilschlinge fixiert werden. Die Blutentnahme erfolgt aus der Vena jugularis. Bei Minischweinen im Saugferkel- oder Absetzalter ist eine Punktion der Vena cava cranialis möglich. Je nach Größe des Minischweines reicht eine Kanülengröße von 1,2 x 38 mm zur Entnahme aus. Ein geschlossenes Entnahmesystem zur Blutaspiration ist bei Schweinen zu empfehlen [67]. Die Blutprobenqualität wird allerdings durch die Entnahmetechnik beeinflusst. Eine vermehrte Hämolyse [70] sowie erhöhte Creatinkinase-, Bilirubin- und Aspartat-Aminotransferase-Werte [71] wurden beschrieben. Eine Blutentnahme aus der Vena auricularis magna ist ebenfalls möglich, wenn kleinere Blutmengen für die Diagnostik ausreichen [67]. Die Blutwerte können zwischen den Reinzuchtlinien variieren. Referenzwerte sind für einige Reinzuchtlinien ermittelt worden und können für eine Beurteilung von Blutuntersuchungen bei reinrassigen Minischweinen herangezogen werden. Für die Interpretation von Blutergebnissen hybrider Minischweinkreuzungen können die Werte nicht als Referenz zugrunde gelegt werden [72] [73] [74] [75] (Tab. 4).

Parameter Vietnamesisches Hängebauchschwein (73) Göttinger* (74) Micro Yucatan (74) Hanford* (74) Wuzhishan* (75)
Hämatologie          
RBC (106/µl) 3,6–7,8 7,1–8,5 5,6–8,8 6,4–9,3 6,1–9,1
Hämoglobin (g/dl) 7,8–16,2 10,9–12,9 13,1–17,0 11,4–13,5 116,5–194,3
Hämatokrit (%) 22,0–50,0 36,7–41,7 36,3–53,7 36,3–56,0 39,1–64,4
MCV (fl) 55,0–71,0 46,0–57,7 58,2–72,5 48,1–63,9 54,1–71,9
MCH (pg) 18,0–24,0 13,8–16,9 18,9–24,3 13,7–18,8 16,1–20,1
MCHC (g/dl) 31,0–36,0 29,6–31,4 31,1–34,5 30,8–33,7 28,7–30,1
Thrombozyten (10³/µl) 204,0–518,0 406,1–666,4 217,0–770,0 152,0–845,0 186,8–459,7
WBC (10³/µl) 5,2–17,9 8,8–13,6 6,9–21,2 16,8–32,4 10,4–22,8
Neutrophile Granulozyten (10³/µl) 0,0–11,4 1,9–5,6 1,8–6,4 3,4–9,5
Stabkernige Granulozyten (10³/µl) 0,0–0,19 0,0–0,2
Lymphozyten (10³/µl) 0,8–9,8 5,1–8,6 2,1–7,1 5,6–17,9 4,6–14,6
Monozyten (10³/µl) 0,0–0,67 0,2–0,5 0,2–1,5 0,1–1,5 0,3–0,9
Eosinophile Granulozyten (10³/µl) 0,0–0,73 0,0–0,2 0,0–1,3 0,0–0,5 0,2–0,7
Basophile Granulozyten (10³/µl) 0,0–0,67 0,0–0,1 0,0–0,5 0,0–1,5 0,0–0,4
Fibrinogen (g/l) 1,0–4,0 4,2–8,2
Klinische Chemie          
AP (U/l) 37,0–160,0 189,1–345,9 166,0–576,0 103,2–418,2
ALT (U/l) 10,9–95,1 62,3–112,6
AST (U/l) 16,0–64,0 21,7–43,9 15,3–53,0 33,0–90,0 29,5–100,1
Bilirubin, gesamt (mg/dl) 0,2–0,5 0,1–0,4 0,1–0,4 0,1–1,1
Harnstoff (mg/dl) 4,2–15,1 5,7–11,2 10,0–29,0 10,0–17,0 1,0–12,0
Kreatinin (mg/dl) 1,0–2,3 1,0–1,2 1,2–2,0 0,5–1,1 0,9–2,4
Creatinkinase (mg/dl) 212,5–2851,5
Albumin (g/dl) 3,6–5,0 2,9–3,5 4,1–5,6 3,3–4,3 2,7–3,9
Globulin (g/dl) 1,9–2,4 1,4–3,6 2,1–3,7 4,1–5,9
Glukose (mg/dl) 59,8–175,2 84,1–116,1 56,0–153,0 91,0–123,0 51,5–157,8
Natrium (mmol/l) 139,0–148,8 139,0–147,0 142,0–153,0 139,0–146,0
Chlorid (mmol/l) 106,0–113,0 99,6–106,3 95,0–114,0 98,0–102,0
Kalium (mmol/l) 3,7–5,0 5,9–7,7 3,9–5,2 4,6–6,8
Kalzium (mg/dl) 10,9–11,9 9,3–11,6 10,0–11,4
Phosphor (mg/dl) 7,2–10,0 5,0–8,3 5,6–10,7

Bei der Interpretation von Blutergebnissen sind Stresseinflüsse zu beachten. Clark et al. [76] beschreiben eine physiologische Leukozytose bei Minischweinen, die unter Stress bei der Blutentnahme entstehen kann. Erythrozyten neigen in der Blutprobe zu einer gesteigerten Hämolyse und Koagulation. Im Blutausstrich gesunder Tiere können Echinozyten, Rouleaux-Bildung und Anisozytose vorkommen. Im weißen Blutbild kommt im Verhältnis zu neutrophilen Granulozyten ein höherer Gehalt an Lymphozyten physiologischerweise vor. Im Falle einer bakteriellen Infektion kommt es zu einer Neutrophilie mit Linksverschiebung. Virale Infektionen führen zu einer Neutropenie. Neoplasien wie Lymphome und Lymphosarkome verursachen einen Anstieg zirkulierender Lymphoblasten [76]. Als Entzündungsparameter können die Akute-Phase-Proteine Albumin, C-reaktives Protein (CRP) und Haptoglobin zur Beurteilung herangezogen werden. Für einjährige Göttinger Minischweine werden als Orientierungswerte 3,4–7,4 g/dl für Albumin, 2,8–17,9 µg/ml für CRP und 1634,6–4082,3 µg/ml für Haptoglobin angegeben [77].

Weitere Probenentnahmen wie Nasentupfer, Punktionen unter sonografischer Kontrolle, Hautgeschabsel und ähnliches können bei Bedarf unter Fixation oder Sedation durchgeführt werden. Die Techniken sind vergleichbar mit der Anwendung bei anderen Kleintieren [67].

Durchführung von Behandlungen

Minischweine fallen unter die rechtlichen Vorgaben für lebensmittelliefernde Tiere. Es dürfen lediglich Wirkstoffe zur Anwendung kommen, die in [Tabelle 1] der VO (EU) 37/2010 gelistet sind. Equiden können zu Nicht-Schlachttieren erklärt werden. Im Falle von Minischweinen ist dies aufgrund fehlender Rechtsgutachten bislang nicht abschließend geklärt. Emmerich [78] stellt heraus, dass nach Art. 2 der VO (EG) 470/2009 der Begriff des lebensmittelliefernden Tieres auf dem Haltungszweck basiert. Auf Grundlage des EU-Rechts wäre die Anwendung einer Tierhaltererklärung, die privat gehaltene Minischweine vom Lebensmittelzweck ausnimmt, möglich. Allerdings definiert das TAMG lebensmittelliefernde Tiere nach der Tierart und bietet somit keine arzneimittelrechtliche Grundlage [78]. Nach Art. 113 der VO (EU) 6/2019 ist für lebensmittelliefernde Tiere eine Umwidmung von Tierarzneimitteln erlaubt. In der Umwidmungskaskade muss auf der 1. Stufe ein Tierarzneimittel angewendet werden, das in Deutschland oder einem EU-Mitgliedsstaat für dasselbe oder ein anderes Anwendungsgebiet bei Schweinen zugelassen ist. Ist kein Tierarzneimittel zum Erreichen des Therapieziels verfügbar, kann auf in Deutschland zugelassene Präparate für nicht lebensmittelliefernde Tiere zurückgegriffen werden (Stufe 2). Voraussetzung ist eine Zulassung für dasselbe Anwendungsgebiet und die Listung in [Tabelle 1] der VO (EU) 37/2010. Eine Anwendung von Humanarzneimitteln (Stufe 3), auf tierärztliche Verschreibung zubereitete Arzneimittel (Stufe 4) oder in einem Drittland zugelassene Tierarzneimittel (Stufe 5) müssen ebenfalls gelistet sein. Für Minischweine ist eine Angabe der Wartezeit angewendeter Tierarzneimittel im Anwendungs- und Abgabebeleg vorzunehmen. Im Falle einer Umwidmung muss eine Wartezeit für essbare Gewebe angegeben werden. Diese lässt sich aus der längsten zugelassenen Wartezeit multipliziert mit 1,5 berechnen. Ist keine Wartezeit angegeben muss eine Mindestwartezeit von 28 Tagen eingetragen werden. Gemäß dem Tierarzneimittelgesetz (TAMG) sind Anwendungsgebiete und Dosierungen von Tierarzneimitteln für Schweine nach den Fachinformationen der Hersteller einzuhalten [79].

Applikation von Tierarzneimitteln

Das Verabreichen von Medikamenten bei Minischweinen kann intramuskulär (i.m.), intravenös (i. v.), subkutan (s.c.), oral und perkutan vorgenommen werden. Eine i.m.-Injektion wird in waagerechter Stichrichtung in die Muskulatur des Ohrgrundes am Übergang von unbehaarter zu behaarter Haut mit einer Kanüle (Länge: 12 mm bis 100 mm) verabreicht. Injektionen in die Kruppenmuskulatur (Schinken) sollten aufgrund der Verletzungsgefahr des Nervus femoralis unterlassen werden. In der Nutztierpraxis gilt eine Injektion in die Kruppenmuskulatur als Kunstfehler. Für eine s.c.-Gabe ist die Injektionsstelle ebenfalls am Ohrgrund in senkrechter Stichrichtung oder die Kniefalte zu verwenden. I.v.-Applikationen können an den Ohrvenen der Minischweine vorgenommen werden. Venöse Dauerzugänge können über ausreichend fixierte Braunülen gelegt werden. Eine orale Applikation von Tierarzneimitteln ist per Drench, über das Trinkwasser oder das Futter möglich. Für perkutane Anwendungen können bei Schweinen Pour-on-Präparate, die bei der Behandlung von Ektoparasiten zum Einsatz kommen, verwendet werden [55] [67].

Eine endotracheale Intubation gestaltet sich bei Minischweinen aufgrund der Länge des Halses und eines pharyngealen Divertikel dorsal der Epiglottis schwierig. Für Minischweine bis 50 kg sollte ein Laryngoskop mit einer Spatellänge von 18–20 cm verwendet werden. Bei größeren Tieren kann eine Länge von bis zu 35 cm nötig sein. Der Durchmesser des Tubus ist an die Größe des Minischweines anzupassen. Für Minischweine mit einem Körpergewicht von 50–100 kg kann ein Tubus mit einem Durchmesser von 6–8 mm verwendet werden. Eine Intubation kann sowohl in dorsaler als auch ventraler Lagerung durchgeführt werden [80].

Sedation, Anästhesie und Analgesie bei Minischweinen

Eine Sedation oder Allgemeinanästhesie von Minischweinen ist im Rahmen von Pflegemaßnahmen, Untersuchungen und chirurgischen Eingriffen notwendig. 

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

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Der Einsatz von Opioiden ist nur nach einer tierartübergreifenden Umwidmung mit Beschränkung auf die Wirkstoffe Butorphanol und Levomethadon möglich. Andere starke Analgetika wie Fentanyl können aufgrund fehlender Zulassung für lebensmittelliefernde Tiere nicht angewendet werden [81].

Häufige Krankheiten in der Praxis

Erkrankungen bei Minischweinen entstehen meist durch Fütterungs- und Haltungseinflüsse sowie altersbedingt. Adipositas, Mineralstoffmangel und daraus resultierende Folgeerkrankungen sowie geriatrische Krankheitsbilder kommen häufig vor. Neoplasien und degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates treten aufgrund des Alters bei Minischweinen auf [67] [85].

Adipositas

Minischweine neigen bei energiereicher Fütterung zu übermäßiger Gewichtszunahme [86]. Eine Beurteilung des Ernährungszustandes kann durch wiegen (Tab. 1) oder durch Anwendung eines Body Condition Scores für Minischweine beurteilt werden. Bei adipösen Tieren sind Hüftknochen und Rückenwirbel nicht mehr sichtbar [38] (Abb. 3).

Adipöse Zustände wirken sich auf die Reproduktionsfähigkeit [87] [88] und die mikrobielle Darmflora [89] der Tiere aus. Eine protein- und fettreiche Fütterung kann zu einer kardialen und perikardialen Verfettung sowie zu einer kardialen Hypertrophie führen [90] [91]. Fehlbelastungen der Gelenke führen zu Fehlstellungen, Arthrosen und Lahmheiten [65] [92]. Außerdem zeigen stark adipöse Tiere eine Schlafapnoe mit unzureichender Sauerstoffsättigung [93]. In der Praxis sollte dies bei der Narkoseführung beachtet werden. Als weitere Folgeerkrankung kann durch starke Faltenbildung im Gesicht ein Entropium an den Augen entstehen. In der Folge kommt es zu Bindehautreizung, gesteigerter Sekretion und Verlust der Sehfähigkeit. Eine operative Versorgung ist in solchen Fällen indiziert [94].

Therapeutisch ist eine konsequente Umstellung bzw. Reduzierung der Fütterung umzusetzen, um eine Reduktion des Körpergewichtes zu erreichen. Bewegung kann, angepasst an den Gesundheitsstatus des Tieres, den Gewichtsverlust unterstützen [34].

Diätetische Erkrankungen

In der Praxis entstehen viele Erkrankungen primär oder sekundär durch Fütterungsfehler. Ein Mangel an Kalzium hat Auswirkungen auf Knochen, Gelenke [44] [45] [46] [95], den Gastrointestinal- [47] [49] [50] und den Urogenitaltrakt [48].

Im Saugferkelalter kann infolge einer Kalzium- oder Vitamin D-Unterversorgung Rachitis auftreten, die in der Praxis zu tierschutzrelevanten Zuständen führen kann [96] [97]. Klinisch zeigen die Tiere Lahmheiten und Schwäche in der Hinterhand. An den Gliedmaßen sind umfangsvermehrte Gelenke und in schweren Fällen Frakturen feststellbar [98]. Art und Schweregrad der Frakturen sowie die Knochendichte können über weiterführende radiologische Untersuchungen ermittelt werden [99]. Therapeutisch ist die Erkrankung mit einer ausreichenden Kalzium- und Vitamin D-Substitution über das bzw. zusätzlich zum Futter zu versorgen [98] [99]. Neben Kalzium ist die Verfügbarkeit von Phosphor, Zink, Mangan, Kupfer, Biotin sowie der Vitamine A, B, C und D entscheidend [100]. Mängel können Osteochondrose, Osteomalazie [101] und Klauenschäden [102] begünstigen. Mangelzustände müssen konsequent mit einer Umstellung des Grundfutters oder zusätzlich mit einem Mineralfutter ausgeglichen werden [34].

Obstipationen stellen ein häufiges fütterungsbedingtes Krankheitsbild des Gastrointestinaltraktes dar. Eine Unterversorgung mit Kalzium kann das Risiko eines funktionellen Ileus erhöhen [47] [103]. Ein sekundär bedingtes atypisches Fressverhalten kann ursächlich für einen Fremdkörper-Ileus sein [50]. Klinisch zeigen die Tiere Apathie, Anorexie, Erbrechen, Tachypnoe und Tachykardie. Diagnostisch sind weiterführende bildgebende Untersuchungen durchzuführen. In der Praxis ist ein Ileus als akuter Notfall einzustufen und eine Laparotomie ist als therapeutische Maßnahme indiziert [104]. Des Weiteren können zu geringe Faseranteile in der Ration und eine unzureichende Wasseraufnahme oder -versorgung Obstipationen infolge einer Koprostase begünstigen. Hinzu kommt oft unzureichende Bewegung im Alter oder aufgrund eines hohen Körpergewichtes. Klinisch zeigen die Tiere Apathie, Anorexie und Schmerzsymptomatik. Diagnostisch sind die Tiere radiologisch zu untersuchen. Therapeutisch sind Einläufe mit Paraffinöl, Infusionen, Schmerzmittel sowie langfristig eine ausreichende Versorgung mit faserreichem Futter möglich. Differentialdiagnostisch können als nicht fütterungsbedingte Ursachen anatomische, neoplastische oder neurologische Veränderungen vorkommen [105].

Relativ häufig tritt bei Minischweinen Urolithiasis auf. Als Ursachen werden unzureichende Wasseraufnahme, zu hohe oder zu niedrige Urin pH-Werte, fehlerhafte Mineralstoffversorgung und aufsteigende Infektionen benannt. Als Hauptbestandteile vorkommender Harnsteine konnten amorphes Magnesium-Kalzium-Phosphat (AMCP), Apatit, Struvit, Kalziumoxalat und Kalziumkarbonat nachgewiesen werden [106]. Kalziummangel durch Fütterungsfehler wird als Risikofaktor für das Vorkommen von Urolithiasis benannt [48]. Eine obstruktive Urolithiasis bei männlichen Minischweinen wurde bereits in Fallberichten beschrieben [107] [108]. Klinisch zeigen die Tiere Tenesmus bis hin zur Anurie, Apathie, Tachypnoe und einen aufgekrümmten Rücken. Diagnostisch kann die Obstruktion sonografisch und radiologisch lokalisiert werden [109]. Eine chirurgische Versorgung über eine präpubische Urethrostomie, ähnlich wie bei Hunden, wurde durch Ullrich et al. [110] beschrieben. Bei weiblichen Tieren kommt Urolithiasis in Verbindung mit Cystitiden und Störungen im Harnabsatzverhalten vor [111].

Neoplasien

Anders als bei landwirtschaftlich gehaltenen Hausschweinen kommen Neoplasien bei Minischweinen als häufiges Krankheitsbild vor. Die Tiere erreichen in privater Haltung meist ein hohes Alter, weshalb das Risiko für Entartungen steigt. In der Praxis können Minischweine von verschiedenen Neoplasien betroffen sein [112]. Kutane Mastzell- [112], Leber- [113] und uterine Tumoren [114] [115] [116] sowie Lymphome [117] und squamöse Zellkarzinome [112] wurden beobachtet. Seltene Neoplasien wie ein myeloisches Sarkom sind als Einzelfälle beschrieben [118]. Diagnostische und therapeutische Maßnahmen hängen von der Lokalisation der Neoplasien ab. Kutane Tumoren können per Feinnadelaspiration bioptiert werden [112].

Bei Leber- und Uterustumoren weisen die Tiere klinisch Anorexie, Gewichtsverlust und ein vergrößertes Abdomen auf [112]. Diagnostisch sind in beiden Fällen radiologische Untersuchungen sowie die Entnahme von Biopsien unter Ultraschallkontrolle durchzuführen [119] [120].

Minischweine entwickeln meist B-Zell-Lymphome. Seltener treten T-Zell-Lymphome auf. Klinisch zeigen die Tiere Anorexie, Erbrechen, Lethargie und Paresen. Blutuntersuchungen sind häufig unauffällig. Sonografische Untersuchungen sowie weiterführende radiologische Untersuchungen ermöglichen die Lokalisation der Lymphome [112] [121].

Kutane, nasale und orale squamöse Zellkarzinome sind bei Minischweinen beschrieben. Die Tiere zeigten Dysphagie, abnormales Kauen, Epistaxis und Hypersalivation. Je nach Lokalisation der Karzinome können Feinnadelaspiration, Biopsien sowie radiologische Untersuchungen zur weiteren Diagnostik angewendet werden [122].

Therapeutische Maßnahmen sind bei Minischweinen eingeschränkt möglich. Noduläre Neoplasien bzw. betroffene Organe können reseziert werden. Preissel et al. [123] beschreiben die Behandlung eines Uterusadenokarzinoms durch Ovariohysterektomie bei einem Minischwein. Palliative Behandlungen zur Linderung von Begleitsymptomen wie eine ausreichende Analgesie können angewendet werden. Abhängig vom Status des Tieres ist eine Euthanasie bei Fortschreiten der Erkrankung erforderlich [112]. Eine Chemotherapie mit Vinblastin wurde bei einem Minischwein mit einer Mastzell-Leukämie erfolgreich angewendet [124]. Allerdings sind Chemotherapeutika nicht in [Tabelle 1] der VO (EU) 37/2010 gelistet und dürfen bei Minischweinen nicht angewendet werden.

Weitere Erkrankungen

Neben den beschriebenen häufigen Krankheitsbildern in der Praxis, sind Minischweine für an das Schwein adaptierte Krankheitserreger empfänglich [67].

Erkrankungen des Bewegungsapparates

Infektiöse Arthritiden können durch verschiedene Erreger ausgelöst werden. Trueperella pyogenes, Streptococcus (St.) suis, Staphylococcus aureus, Glaesserella (G.) parasuis, Mycoplasma (M.) hyosynoviae, M. hyorhinis und Erysipelothrix (E.) rhusiopathiae können als Erreger vorkommen [10]. Klinisch zeigen die Tiere umfangsvermehrte, schmerzhafte Gelenke. Abhängig von der Lokalisation zeigen die Tiere Stützbein- (z. B. Karpal- und Tarsalgelenke) oder Hangbeinlahmheiten (z. B. Schulter- und Hüftgelenke). Diagnostisch sind Gelenkpunktate und radiologische Untersuchungen geeignet. Die Qualität des Gelenkpunktates kann auf bestimmte Erreger hindeuten. Eine flüssige, trübe Synovia mit Fibrinbeimengungen kann auf Mykoplasmen oder G. parasuis hindeuten. Purulente Beimengungen deuten z. B. auf Streptococcus spp. hin. Für eine Differenzierung ist eine bakteriologische Untersuchung erforderlich. Erregerspezifisch ist eine Therapie mit Antibiotika und eine begleitende Analgesie notwendig [67].

Frakturen können bei Unfällen oder durch unzureichende Kalziumversorgung auftreten. Je nach Lokalisation sind übliche Behandlungstechniken, wie sie bei Kleintieren beschrieben sind, zur Anwendung gekommen [125] [126].

Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes

Minischweine können sich mit gängigen Infektionserregern, die bei Hausschweinen vorkommen, infizieren. Infektionsbedingte Diarrhoe kann im Saugferkelalter durch Rota- und Coronaviren sowie bakteriell durch Escherichia (E.) coli- und Clostridien-Stämme verursacht werden. Ältere und adulte Tiere sind potenziell empfänglich für Salmonella spp., Brachyspira spp. und Lawsonia intracellularis [67]. In der Praxis sind Infektionen selten, meist kommen selbstlimitierende Diarrhoen fütterungsbedingt oder als Begleitsymptom einer zugrundeliegenden Erkrankung vor. Therapeutisch müssen betroffene Tiere mit ausreichend Flüssigkeit versorgt werden. Geeignet sind orale Elektrolytlösungen oder bei fortgeschrittener Dehydratation eine intravenöse Infusionslösung. Futter sollte in kleinen Mengen angeboten werden. Unterstützend können Getreide wie Haferflocken eingesetzt werden [72]. Therapeutisch kann mit Butylscopolaminiumbromid und Analgetika behandelt werden. Liegen infektiöse Ursachen zugrunde, ist der Einsatz eines Antibiotikums indiziert. Zu beachten ist, dass Wirkstoffe wie Enrofloxacin als Reserveantibiotika gelistet sind [81]. Parasitäre Erkrankungen können ebenfalls vorkommen. Typische Helminthen beim Schwein sind Ascaris suum, Strongyloides ransomi und Trichuris suis. Eine engmaschige Prophylaxe mit makrozyklischen Laktonen wirkt Endo- und Ektoparasiten entgegen [127].

Erkrankungen des Urogenitaltraktes

Der Urogenitaltrakt von Minischweinen kann wie bei Hausschweinen von infektiösen und anatomisch bedingten Erkrankungen betroffen sein. Infektiöse Cystitiden werden bei Minischweinen oft durch Erreger in der Haltungsumgebung ausgelöst. E. coli-Stämme können durch prädisponierende Faktoren retrograd aufsteigen und die Blase besiedeln. Ein basischer Urin-pH-Wert, unzureichende Wasseraufnahme und verunreinigte Liegeflächen können Infektionen begünstigen. Klinisch zeigen die Tiere dunklen Urin teils mit Eiter oder Harngries, Hämaturie, Tenesmus sowie Schmerzsymptomatik mit angespannter Bauchdecke. Diagnostisch ist eine Urinuntersuchung einschließlich bakteriologischer Anzucht notwendig. Eine sonografische Untersuchung zur Beurteilung der Blase, Nieren und Ureter ist ebenfalls indiziert. Therapeutisch sind eine antibiotische Therapie und Analgesie anzuwenden [128].

Eine Kastration von männlichen oder weiblichen Tieren kann im Falle einer tierärztlichen Indikation durchgeführt werden. Aggressives Dominanzverhalten bei männlichen und aggressives Rauschverhalten bei weiblichen Tieren gelten nicht als vernünftiger Grund im Sinne des TierSchG.

Ist eine Kastration tierärztlich indiziert, kann diese bei Ebern mit einer prä-skrotalen oder skrotalen Schnittführung durchgeführt werden [129]. Østevik et al. [130] konnten bei prä-skrotaler Schnittführung weniger Komplikationen beobachten. Anatomische Anomalien der Hoden können ähnlich wie bei Hausschweinen auftreten. Männliche Tiere können von einem uni- oder bilateralen Kryptorchismus betroffen sein. Die Entfernung des abdominal gelegenen Hodens kann inguinal über den Leistenring oder paramedian durch Eröffnen der Bauchhöhle vorgenommen werden [131]. Rosanova et al. [132] beschreiben erstmals eine laparoskopische Kryptorchidektomie bei Vietnamesischen Hängebauchschweinen. Die Autoren heben eine verminderte Belastung für die Tiere durch diese minimalinvasive Technik hervor.

Im Falle einer tierärztlich indizierten Kastration eines weiblichen Minischweins sollte die Schnittführung kaudal des Nabels entlang der Linea alba erfolgen. Die Ovarien befinden sich am kranialen Ende der Uterurshörner. Beim Absetzen der Ovarien ist der geringere Abstand zum Uterus im Vergleich zur Hündin zu beachten. Eine Ovariohysterektomie sollte nur bei pathologischen Veränderungen des Uterus durchgeführt werden [133]. Im Falle eines Kaiserschnittes kann die Schnittführung ventral oder lateral erfolgen. Operationstechnik und Versorgung des Patienten wurden von Pendl et al. [134] in einem Fallbericht ausführlich beschrieben.

Erkrankungen der Haut

Parasitäre Hauterkrankungen können durch Befall mit Sarcoptes scabiei var. suis vorkommen. Klinisch zeigen die Tiere Borstenausfall, Schuppenbildung und Juckreiz. Prädisponierte Lokalisationen sind meist Ohren, Gliedmaßen und Rückenlinie. Diagnostisch ist die Entnahme eines tiefen Hautgeschabsel für eine parasitologische Untersuchung erforderlich. Eine Behandlung kann mit Makrozyklischen Laktonen (Wirkstoffe: Ivermectin, Doramectin) erfolgen. Perkutan können antiparasitäre Waschmittel angewendet werden [135]. Seltene Infektionen mit Demodex phylloides sind ebenfalls beschrieben, spielen allerdings in der Praxis eine untergeordnete Rolle [136].

Ernährungsbedingt kommt bei Minischweinen das Krankheitsbild der Parakeratose vor. Stricker-Krongrad et al. [137] geben bei Göttinger Minischweinen eine Inzidenz von 4,9% an. Ein absoluter (niedriger Zinkgehalt im Futter) oder relativer Zinkmangel (hoher Kalzium- oder Phytingehalt im Futter) führt zu einer gestörten Verhornung der Haut. Es bilden sich Hautrötungen, Papeln bis hin zu Borken. Therapeutisch ist der Zinkgehalt in der Ration anzupassen. Eine Fütterung von 0,5 g Tier/Tag wirkt therapeutisch und prophylaktisch dem Krankheitsbild entgegen [67].

Bei Minischweinen ist das Dippity Pig Syndrome als Hauterkrankung beschrieben. In der Praxis wird die Krankheit meist als akute Dermatitis oder Erythema multiforme diagnostiziert, die vornehmlich entlang der Rückenlinie auftritt. Die Symptome gehen mit typischem Schmerzverhalten, hundesitziger Stellung und raschem Ablegen einher [112]. Die Ätiologie der Erkrankung konnte bislang nicht geklärt werden [138]. Therapeutisch kann mit Analgetika und Antiphlogistika behandelt werden. Außerdem sollten die Tiere vor Sonneneinstrahlung geschützt werden [112].

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems

Infektiöse Erkrankungen können bei Schweinen Endokarditiden, insbesondere der Herzklappenendothelien, auslösen. St. suis und E. rhusiopathiae (Rotlauf) können im Falle chronischer oder systemischer Erkrankungen das Herz besiedeln. Der sogenannte Herzklappenrotlauf führt zu fibrinösen, bindegewebigen Zubildungen an den Herzklappen. Klinisch zeigen die Tiere während der akuten Infektionsphase Fieber. Im weiteren Verlauf entwickeln die Tiere einen Kümmererhabitus. Diagnostisch sind die Zubildungen am Herzen mittels Echokardiografie diagnostizierbar. Eine antibiotische Therapie ist nur während der akuten oder frühen Phase der Erkrankung erfolgreich. Bei chronischer Manifestation ist die Prognose infaust [67] [139].

Perikarditiden werden häufig durch G. parasuis (Glässerʼsche Krankheit) ausgelöst. Klinisch zeigen betroffene Tiere Blässe und Lethargie. Diagnostisch ist eine Auskultation des Herzens (kardiale Reibegeräusche) sowie Echokardiografie indiziert. Therapeutisch können antibiotische Behandlungsversuche mit begleitender Analgesie unternommen werden. Abhängig von der Chronizität der Erkrankung ist die Prognose infaust. Bei Minischweinen ist der Infektionsdruck allerdings gering, so dass in der Praxis infektiöse Erkrankungen des Herzens kaum auftreten [67] [139]. Seltene kongenitale Erkrankungen, wie ein portosystemischer Shunt, wurden ebenfalls bei Minischweinen beobachtet [140]. Hämatologische und vaskuläre Störungen können bei Schweinen in seltenen Fällen durch eine thrombozytopenische Purpura (TTP) auftreten. Maratea et al. [141] konnten in mehreren Fällen Thrombozytopenien und arteriosklerotische Veränderungen in Zusammenhang mit einer TTP bei Minischweinen nachweisen.

Erkrankungen des Respirationstraktes

Infektiöse Atemwegserkrankungen kommen bei Minischweinen eher selten vor. An Hausschweine adaptierte Atemwegserreger können die Tiere infizieren. Allerdings handelt es sich um Faktorenkrankheiten, die durch Haltungsbedingungen und Tierdichte begünstigt werden und sich bei Minischweinen kaum einstellen können. Zu viralen Atemwegserregern zählen Influenza A, das Porcine Circovirus 2 (PCV2) und das Porcine Reproduktive und Respiratorische Syndrom Virus (PRRSV) [142]. Im Tiermodell sind Infektionen von Minischweinen mit Influenza A bei ausreichender Inokulation des Virus beschrieben [143]. Als bakterielle Erreger können M. hyopneumoniae, Pasteurella multocida, Bordetella bronchiseptica, Actinobacillus pleuropneumoniae, G. parasuis und St. suis Minischweine infizieren [142]. Infektionen mit M. hyopneumoniae sind ebenfalls im Tiermodell bei Minischweinen beschrieben [144]. Betroffene Tiere zeigen Dyspnoe, Husten und Niesen. In schweren Fällen können Zyanosen der Akren vorkommen. Diagnostisch ist eine Auskulation der Lunge und bei schweren Fällen eine röntgenologische Untersuchung durchzuführen. Eine Therapie umfasst Antibiotika, Analgetika und Antiphlogistika [112].

Anzeigepflichtige Tierseuchen

Minischweine können sich wie Haus- und Wildschweine mit Tierseuchenerregern infizieren. Verdachtsfälle oder Nachweise ziehen amtliche Bekämpfungsmaßnahmen nach sich (EU-Recht, TierGesG) (Tab. 2). In Deutschland zirkulieren laut Tierseucheninformationssystem (TSIS) des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) die Afrikanische Schweinepest (ASP), die Aujeszky’sche Krankheit (Ak) und Brucellose (Brucella suis) in der Wildschweinpopulation (Stand: Januar 2025). Klinisch zeigen infizierte Tiere unspezifische Symptome. Hohes Fieber>40°C, Ataxie, Anorexie, Lahmheiten, Arthritiden, Lymphadenitis, zentralnervöse Störungen Dyspnoe, Diarrhoe, Aborte oder plötzliche Todesfälle können bei Infektionen vorkommen [145] [146] [147] [148].

Nach 37 Jahren kam es erstmals wieder im Januar 2025 zu einem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Deutschland. Die klassische Schweinepest (letzter Nachweis 2009) wurde bislang nicht erneut nachgewiesen (TSIS Stand: Januar 2025).

Die SchwHaltHygV schreibt den Ausschluss anzeigepflichtiger Tierseuchen vor, wenn vermehrt fieberhafte Erkrankungen mit>40°C, Todesfälle oder Aborte auftreten. In der Praxis sollten Ausschlussuntersuchungen auf anzeigepflichtige Tierseuchen durchgeführt werden, wenn unspezifische Symptome mit hohem Fieber, therapieresistente Erkrankungen oder Ausschuhen der Klauen auftreten.

Impfmanagement

Für Schweine zugelassene Impfstoffe können bei Minischweinen angewendet werden. Allerdings ist der Infektionsdruck bei privat gehaltenen Minischweinen geringer als in landwirtschaftlichen Tierhaltungen. Infektiöse Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen spielen hier eine untergeordnete Rolle. Die Impfung gegen Krankheiten mit zoonotischem Potenzial ist aufgrund der häufig engen Beziehung zwischen Tierhalter und Minischwein sinnvoll und zu empfehlen. In der Praxis sollte eine Impfung gegen Rotlauf (E. rhusiopathiae) durchgeführt werden. Als Zoonoseerreger besteht ein Infektionsrisiko für den Menschen [67]. Ein kommerziell erhältlicher Impfstoff ist auf dem Markt verfügbar. Originalpackungen sind allerdings auf größere Tierbestände ausgelegt, so dass bei Anwendung ein Verwurf von Restmengen nicht zu vermeiden ist [81].

Impfstoffe zur Immunisierung gegen Tollwut sind für Schweine ebenfalls verfügbar [81]. Für den Menschen stellt die Tollwut als Zoonose eine Gefahr dar, allerdings ist eine Impfung von Minischweinen nicht zwingend notwendig. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) ist Deutschland seit 2008 frei von der terrestrischen Tollwut. Aufgrund des tollwutfreien Status in Deutschland wurde durch die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin des FLI keine grundsätzliche Impfempfehlung für Haustiere herausgegeben.

Fazit für die Praxis

Minischweine werden als Heimtiere von Privatpersonen gehalten. Im Falle von Krankheiten werden häufig Tierarztpraxen für Kleintiere zur weiterführenden Untersuchung und Behandlung aufgesucht. Eine ausreichende Untersuchung und Behandlung stellt Kleintierärzte vor eine Herausforderung, da bei der Versorgung von Minischweinen der rechtliche Rahmen für lebensmittelliefernde Tiere erfüllt werden muss. Häufig entstehen Krankheiten durch Haltungs- und Fütterungsfehler. Adipositas, Kalziummangel und daraus resultierende Folgeerkrankungen sowie altersbedingte Neoplasien zählen zu den wichtigsten Erkrankungen in der Praxis. Fütterungsanpassungen zur Prophylaxe und Therapie von Überversorgung oder Mangelzuständen sind als Maßnahmen anzuwenden. Das diagnostische Vorgehen ist vergleichbar mit Kleintieren und kann auf Minischweine übertragen werden. Allerdings ist für die Durchführung weiterführender Diagnostik häufig eine Narkose notwendig, um Stress zu reduzieren. Die eingeschränkten Anwendungsmöglichkeiten von Anästhetika stellen ein Problem für Kleintierpraktiker dar. Dies gilt ebenfalls bei therapeutischen Maßnahmen, da Anwendungsbeschränkungen bei Schweinen geprüft und im Bedarfsfall Tierarzneimittel umgewidmet werden müssen.

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
Löwenstein F. Tiermedizinische Versorgung von Minischweinen – eine Herausforderung für die Kleintierpraxis. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere / Heimtiere 2025; 53(01): 34 - 46. doi:10.1055/a-2516-6222

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Dr. Frederik Löwenstein ist Fachtierarzt für Schweine und als Tierarzt am Bildungs- und Wissenszentrum (LSZ) Boxberg tätig.

Der Originalbeitrag “Tiermedizinische Versorgung von Minischweinen – eine Herausforderung für die Kleintierpraxis” erschien in Tierärztliche Praxis K.