Inhalt

Deprivation bedeutet „Mangel“ und beschreibt die Situation, in der ein Hund nicht ausreichend mit wichtigen Erfahrungen bzw. Reizen konfrontiert wurde. Doch was ist der Unterschied zwischen einem Deprivationsschaden und einem Deprivationssyndrom?
Einleitung
Der Begriff „Deprivationssyndrom“ wird aktuell gerne als unspezifisches Etikett verwendet, um eine Reihe von Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden zu beschreiben und zu kategorisieren. Diese reichen von Angststörungen über Aggressionsprobleme bis zu starker Reaktivität. Einen Hund schnell und ohne weitere Diagnostik mit diesem Etikett zu versehen, kann verschiedene Folgen für das Tier und seine Besitzer*innen haben. Zum Beispiel kann es dazu führen, dass die Ätiologie einer individuellen Verhaltensauffälligkeit nicht weiter untersucht wird – mit negativen Konsequenzen für die Entwicklung einer wirklich passenden Therapie. Besitzer*innen wird gesagt, dass man „am Problem leider nichts ändern kann“, außer dass dem Hund – ohne weiteres Training – echte Psychopharmaka verschrieben werden oder dass der Hund abgegeben oder sogar euthanasiert wird.
Der folgende Artikel zeigt, was hinter dem Begriff „Deprivationssyndrom“ steckt, welche Diagnostik sinnvoll ist und welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen.
Deprivationsschaden und Deprivationssyndrom
Der Begriff „Deprivation“ bedeutet „Mangel“ oder „Entzug“. Dies kann ein Mangel an Nahrung sein, an sozialen Kontakten, an sensorischen Stimuli oder an anderen, für das Wohlbefinden eines Individuums nötigen Elementen. Das Resultat dieses Mangels ist ein sogenannter Deprivationsschaden. Tritt dieser Mangel/Entzug ein, ehe ein Individuum voll körperlich entwickelt und/oder sozial erwachsen ist, können dadurch bestimmte Gehirnbereiche nicht vollständig entwickelt werden bzw. ist die körperliche Entwicklung generell gestört. Das Resultat ist dann ein Deprivationssyndrom.
Merke
Mit dem Begriff „Deprivationssyndrom“ werden alle negativen körperlichen und psychischen Begleitfolgen einer Deprivation während der Entwicklung bezeichnet, die sich oft erst im späteren Leben des Individuums bemerkbar machen.
In der Humanpsychologie wird dieser Begriff vorrangig im Zusammenhang mit massivem Entzug sozialer Interaktion verwendet. Man spricht von „Hospitalismus“ (reaktive Bindungsstörung, ICD-10 F94.1/Anpassungsstörung, ICD-10 F43.-) [1] bzw. – in seiner schwersten Form – von „Kaspar-Hauser-Syndrom“.
Analog wird der Begriff bei Hunden verwendet. Hundewelpen, die postnatal physische und/oder soziale/emotionale Deprivation erfahren, bleiben in ihrer körperlichen, sozialen und psychisch-emotionalen Entwicklung zurück. Pränatal können prekäre Lebensbedingungen der Mutter (Thema „Welpen-Massenproduktion“) schon Fehlentwicklungen auslösen.
Neben Fallberichten zu Menschen und Tieren sowie Studien zur gezielten Deprivation an Labornagern gibt es bei Hunden auch Studien, bei denen diese absichtlich oder mangels anderer Möglichkeiten Deprivation ausgesetzt wurden. Sehr bekannt sind z. B. die Versuche, in denen Hundewelpen früh die Augen verschlossen wurden, sodass ihre Gehirne bis zum Ende der 8. Lebenswoche (LW) keine optischen Stimuli verarbeiteten. Dies führte zu fehlerhaften Entwicklungen im Visuellen Kortex und im Sehnerv [2].
Mögliche Entwicklungsschäden aufgrund von Deprivation
In der frühen bis späteren postnatalen Periode und bis in die Pubertät hinein ist das Gehirn sehr empfänglich gegenüber Umweltstimuli. Diese sogenannte hohe neuronale Plastizität garantiert eine höchstmögliche Anpassung an die gegebene (und damit i. d. R. auch zukünftige) Umwelt [3], [4].
Pränatal entwickelt sich das Gehirn, sofern optimale Lebensbedingungen für die Mutter herrschen, zu einem funktionierenden Organ mit einer durch die DNA festgelegten Anzahl an Neuronen und Synapsen. Postnatal reduziert sich die Anzahl der Synapsen. Dieser als „Pruning“ bezeichnete Prozess beginnt zum Ende der postnatalen Periode (beim Hund z. B. zum Ende der 2. LW), hat seinen Höhepunkt in der sogenannten Sozialisationsphase und in der Pubertät und hält insgesamt ein Leben lang an. Einzelne Gehirnbereiche spezialisieren sich damit auf die Verarbeitung bestimmter sensorischer Stimuli.
Studien zur Deprivation bei Tieren
Bei Mäusewelpen mit abgeschnittenen Sinushaaren fand ein Pruning z. B. nicht statt. Sie hatten später, als man die Sinushaare wieder wachsen ließ, Orientierungsprobleme. Diese waren mehr oder weniger reversibel, je nachdem, ab welcher Lebensphase die taktile Information wieder zur Verfügung stand [5]. Es gibt also Grenzen, ab wann das Resultat einer Deprivation nicht mehr oder nur noch rudimentär reversibel ist.
Awalt et al. [3] untersuchten 47 Hund-Halter*innen-Teams mit ausgewachsenen Hunden hinsichtlich Änderungen bei der DNA-Methylierung von Glukokortikoid-Rezeptor-Gen (NR3C1) und Oxytocin-Rezeptor-Gen (OXTR). Sie verglichen Hunde, die ursprünglich aus aversiven, tierschutzwidrigen Haltungsbedingungen kamen, mit Hunden aus ursprünglich (nach aktuellem Standard) guten Haltungsbedingungen. Die Hunde aus tierschutzwidrigen Haltungsbedingungen wiesen andere Methylierungsmuster auf als die Hunde aus guten Haltungsbedingungen. Parallel untersuchten sie das Bindungsverhalten der Hunde und fanden bei der „aversiven“ Gruppe häufiger einen unsicheren Bindungsstil. Ihr Fazit ist, dass aversive, tierschutzwidrige Lebensbedingungen in der Welpen- und Junghundephase zu einer Dysregulierung der HPA-Achse und zu generellen Unterschieden in Verhaltensmustern (z. B. bei den Bewältigungsstrategien unter Stress) führen, und dass hier auch epigenetische Prozesse ablaufen, sollten sich deprivierte Tiere fortpflanzen.
Untersuchungen an Ratten zeigten, dass bei nicht deprivierten Individuen ca. ab der 6. – 12. LW bei den afferenten Fasern von der basalen Amygdala zum medialen Präfrontalkortex ein intensives Pruning stattfindet [6]. Da u. a. in der Amygdala generierte Emotionen wie Angst und spontane Reaktionen wie Fight oder Flight durch den Präfrontalkortex kontrolliert und nivelliert werden, kann fehlendes Pruning bei den entsprechenden Individuen u. U. später zu intensiveren Ängsten und starken angstbedingten Reaktionen führen.
Eine zu frühe Trennung von der Mutter führte bei Degus dazu, dass sich im Vergleich zu physiologisch abgestillten Degus die Balance zwischen serotonerger und dopaminerger präfrontaler Innervation veränderte. Die Forscher diskutieren, dass dies später u. a. zu Problemen in Bezug auf die soziale Interaktion mit anderen Degus führt [7].
Merke
Sensorische und/oder soziale Deprivation in relevanten Lebensabschnitten können die Gehirnentwicklung nachhaltig und u. U. dauerhaft negativ beeinflussen – mit Auswirkungen auf Emotionalität und Verhalten im restlichen Leben.
Deprivation und Verhaltensprobleme
Dietz et al. [8] beschreiben die Relevanz, die Brutpflege durch die Mutter, Bindung generell und Stimuli aus der belebten und unbelebten Umwelt auf das spätere Leben, die Gesundheit und das Verhalten erwachsener Hunde haben. Angst- und Aggressionsprobleme treten häufiger bei Hunden aus der kommerziellen Produktion auf als bei Hunden aus verantwortungsvoller Zucht. Eine analoge Aussage macht McMillan [9]: Hunde aus kommerzieller Produktion („puppy mills“) zeigten als Erwachsene häufiger Verhaltensprobleme im Bereich Angst und Aggression (bes. gegen andere Hunde) als Hunde aus z. B. angereicherten Umweltbedingungen.
Um späteren Verhaltensproblemen vorzubeugen, empfehlen Pierantoni et al. [10], [11] eine adäquate Stimulation während der Welpen- und besonders der Sozialisationsphase. Parallel diskutieren sie, dass eine international einheitliche Definition von „adäquat“ nicht gegeben ist. Bray et al. fanden z. B., dass ein Zuviel an Brutpflege („überführsorgliche Mütter“) auch nicht hilfreich ist und z. B. die Problemlösefähigkeit (Resilienz, Frustrationstoleranz) negativ beeinflusst [12].
Uneinig sind sich Autor*innen auch hinsichtlich des optimalen Zeitraums, in dem Welpen an neue Besitzer*innen abgegeben, also von Mutter und Wurfgeschwistern getrennt werden sollten. Welpen, die mit 30 – 40 Lebenstagen (LT) abgegeben wurden, zeigten z. B. als erwachsene Hunde eine 15-mal höhere Wahrscheinlichkeit, mit Problemen im Bereich Angst und Reaktivität aufzufallen als Welpen, die erst mit 2 Monaten abgegeben wurden [11]. Generell wird eine Abgabe der Welpen frühestens ab der 8. LW empfohlen. Dies ist auch in der Tierschutzhundeverordnung (TierSchHuV von 2001, zuletzt geändert 25.11.21) vorgeschrieben.
Typische Verhaltensauffälligkeiten
Typische durch Deprivation entstandene Verhaltensauffälligkeiten, die für Besitzer*innen, Dritte und Umwelt zu einem Problem werden können, sind im Kasten zusammengefasst [13] [14] [15]. Dabei können deprivierte Hunde auch nur eine der genannten Auffälligkeiten zeigen und diese muss auch nicht extrem ausgebildet sein.
Ein Tierschutzproblem?
Letztendlich spiegeln diese Problembereiche/Verhaltensauffälligkeiten auch ein Tierschutzproblem wider: Oft und regelmäßig im Alltag Angst zu empfinden, bedingt langfristig ein reduziertes Wohlbefinden [Abb. 1].

Merke
Aversive Reaktionen von Menschen und/oder anderen Hunden auf das auffällige Verhalten der deprivierten Hunde führen zu einer Verstärkung des Problemverhaltens und der Tierschutzrelevanz.
Strafen und „Korrekturen“ (Schimpfen, aversive körperliche Manipulationen) sind mögliche Maßnahmen von Besitzer*innen, wenn Hunde ein unerwünschtes Verhalten zeigen. Diese sind jedoch kontraproduktiv im Hinblick auf eine Veränderung des unerwünschten Verhaltens bzw., um ein gewünschtes Trainingsziel zu erreichen. Das Risiko eines Beißzwischenfalls wird dadurch genauso erhöht wie die Entwicklung einer stärkeren Stress-/Angstproblematik, wenn im Umgang mit dem Hund regelmäßig aversive Einwirkungen gesetzt werden. Durch solche aversiven Maßnahmen des Menschen wird dem Hund die Möglichkeit genommen, differenziertere Verhaltensmuster in erregenden und/oder subjektiv gefährlichen (angstauslösenden) Situationen zu zeigen und zu lernen. Es setzen im Gegenteil Lernprozesse ein, die in wenigen Bewältigungsstrategien für Konfliktsituationen münden können (z. B. Beutefangverhalten, ritualisiertes antagonistisches Verhalten, Passivität und Depression wie z. B. erlernte Hilflosigkeit) [16], [17], [18].
ATF-Fortbildung
Der Artikel „Das Deprivationssyndrom beim Hund“ gibt einen Überblick über die Erkrankung und thematisiert Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie.
Der Originalbeitrag steht als kostenpflichtige ATF-Fortbildung zur Verfügung (für VetCenter- und Kleintier konkret-Abonennt*innen frei): Thieme CME
Dies ist ein Auszug aus dem Originalbeitrag:
Schöning B. Das Deprivationssyndrom beim Hund.kleintier konkret 2025; 28(06): 39 - 49. doi:10.1055/a-2595-2082
(JD)
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- Awalt SL, Boghean L, Klinkebiel D. A dogʼs life: Early life histories influence methylation of glucocorticoid (NR3C1) and oxytocin (OXTR) receptor genes, cortisol levels, and attachment styles. Dev Psychobiol 2024; 66: e22482
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