Journal ClubDer Einsatz von unterstützenden Rollwägen beim Kleintier

Welche Lebensqualität haben Kleintiere mit einem Rollwagen und welche Komplikationen kann ein Einsatz mit sich bringen? Hier bekommen Sie die Antworten.

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Ein schwarzer Hovawart läuft einen Weg mit grünen Büschen in einem Rollwagen entlang.
Caro/stock.adobe.com
Viele Tierbesitzer*innen würden Rollwägen weiterempfehlen.

Wann verbessern Rollwägen die Lebensqualität?

Kleintiere wurden in den vergangenen Jahren immer mehr zum Familienmitglied und Freund, mit dem man auch schwierige Lebenssituationen meistert. Die Bereitschaft, einen deutlich erhöhten Arbeitsaufwand in Kauf zu nehmen, damit es dem Tier gut geht und sein Leben bei entsprechend guter Lebensqualität verlängert wird, ist gewachsen. Tiere mit Handicaps sind keine Seltenheit mehr.

Bei Patienten mit Gangstörungen aufgrund neurologischer oder orthopädischer Erkrankungen kann der Einsatz eines unterstützenden Rollwagens (assistive mobility cart) zur Erhöhung der Mobilität sinnvoll sein. Doch verbessert sich damit die Lebensqualität für die Tiere und deren Besitzer*innen wirklich? In einer groß angelegten Studie aus den USA wurden die Lebensqualität von Tier und Betreuer sowie die Funktionalität und die Komplikationsrate beim Einsatz von Rollwägen in verschiedenen Kleintierspezies untersucht [1].

Warum Rollwägen?

Veterinärmedizinische Rollwägen bestehen in der Regel aus einem Geschirr und einer rigiden Rahmenkonstruktion mit 2 oder 4 Rädern und ähneln somit den in der Humanmedizin eingesetzten Rollstühlen optisch wie auch funktional. Mittlerweile gibt es auf dem Markt viele verschiedene Anbieter, aus denen man wählen kann.

Das Ziel ist die Verbesserung der unabhängigen Mobilität der Patienten, die Erleichterung von Alltagssituationen und die Verbesserung der Interaktion mit der Umwelt. Zum Einsatz kommen die Rollwägen vor allem bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen, deren Gehfähigkeit durch die Erkrankung eingeschränkt bzw. reduziert ist. Somit können Rollwägen temporär (im Rahmen der Rehabilitation) oder dauerhaft bei Tieren mit Rückenmarksverletzungen (z. B. durch Diskopathie oder fibrokartilaginöse Embolie), degenerativen Erkrankungen des Myelons (z. B. degenerative Myelopathie) oder auch bei stärkeren vestibulären Störungen (geriatrisches/idiopathisches Vestibularsyndrom) zum Einsatz kommen. Zudem können orthopädische Patienten mit multiplen Gelenkerkrankungen oder Patienten nach Amputationen vom Einsatz der Rollwägen profitieren.

Studienaufbau

Für die Studie wurde ein Online-Fragebogen mit 23 Fragen über die Akzeptanz, die Verbesserung von alltäglichen Situationen, sowie die Lebensqualität des Tieres und der Besitzer beim Einsatz von Rollwägen konzipiert, den betroffene Tierbesitzer*innen beantworten sollten. Zudem wurden folgende Informationen abgefragt: die Spezies, das Alter des Tieres, die Marke des Rollwagens, die Zeit bis zur Akzeptanz des Rollwagens und der täglichen Verwendung, die Komplikationsrate und die Art der Komplikationen, die Fähigkeit grundlegenden Aktivitäten (z. B. Futteraufnahme, Harnabsatz, Defäkation) nachzukommen und ob die Tierbesitzer*innen die Verwendung von Rollwägen anderen Tierhalter*innen empfehlen würden.

Ergebnisse und Diskussion

Es wurden 954 Antwortbögen über den Einsatz der Rollwägen beim Hund, 219 Antwortbögen zum Einsatz bei der Katze und 46 Antwortbögen zum Einsatz bei Kaninchen zur Auswertung herangezogen.

Bei 42% der Patienten waren neurologische Erkrankungen der Grund für den Rollwagen, bei 47% orthopädische Probleme, der Rest verteilte sich auf eine Kombination aus orthopädischen und neurologischen Erkrankungen, kongenitalen Erkrankungen oder unbekannten Gründen.

Eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität der Tiere und Tierbesitzer*innen beim Einsatz der Rollwägen konnte bei den Spezies Hund (62% verbesserte Lebensqualität der Tiere, 61% der Tierbesitzer*innen, p < 0,001) und Katze (57% Tier [p = 0,035], 60% Tierhalter*innen [p = 0,028]) nachgewiesen werden, nicht aber bei Kaninchen (35% Tier, 37% Tierbesitzer*innen).

Zudem gab es Unterschiede zwischen den Rollwägen-Typen. Eine statistisch signifikante Verbesserung der Lebensqualität von Hunden und Katzen konnte beim Einsatz von vierrädrigen Rollwägen und zweirädrigen Rollwägen zur Unterstützung der Hintergliedmaßen (klassische „Hunderollis“) festgestellt werden, nicht aber beim Einsatz von 2-Rad-Rollwägen zur Unterstützung der Vordergliedmaßen. Dies ist vermutlich auf die physiologische Lastverteilung bei gesunden Hunden mit 60% Last auf den Vordergliedmaßen und 40% Last auf den Hintergliedmaßen zurückzuführen. Die Autor*innen postulieren, dass eine Gewöhnung an einen Hunderolli zur Unterstützung der Hintergliedmaßen vermutlich einfacher fällt.

Zudem konnte eine direkte Beziehung zwischen der Größe der Tiere und der Verbesserung der Lebensqualität beim Tier und Tierbesitzer*in festgestellt werden. Dies lässt sich damit begründen, dass Besitzer*innen von großen Hunden einer größeren physischen Last bei der Pflege der Tiere ausgesetzt sind, die durch den Einsatz der Rollwägen deutlich reduziert wird.

Komplikationen wurden bei 64% aller Spezies (Hunde 60%, Katzen 76%, Kaninchen 72%) berichtet. Über die Hälfte waren Wunden wie Scheuer- oder Druckstellen durch das Geschirr/Gestänge oder aufgeschürfte Pfoten durch den Kontakt mit dem Boden. Ähnlich hohe oder höhere Komplikationsraten in Bezug auf Wundentstehungen wurden beim Einsatz von Prothesen und Orthesen in anderen Studien festgestellt. Zur Vermeidung von aufgeschürften Pfoten empfehlen die Autor*innen das Tragen eines Pfotenschutzes oder die Nutzungen von Schlingen zum Einhängen der Pfoten. Überraschenderweise zeigten Tiere, deren Rollwägen beim Tierarzt angepasst/eingestellt wurden, eine höhere Komplikationsrate (79%). Dies führen die Autor*innen darauf zurück, dass die Veterinär*innen eventuell nicht ausreichend geschult waren, da Rehabilitationsmedizin nicht im Kernlehrplan auftaucht. Weiterhin wird spekuliert, dass schwerwiegende Fälle, die von Anfang an eine höhere Komplikationsrate besaßen, von den Tierärzt*innen selbst eingestellt wurden.

Weitere Komplikationen waren die fehlende oder verminderte Akzeptanz des Tieres gegenüber dem Rollwagen oder mechanische Probleme. Hier muss entsprechend geschultes Personal zur Seite stehen.

Bei der Bewertung von alltäglichen und grundlegenden Aktivitäten wurde am häufigsten die Verbesserung bei der Spielfähigkeit bei allen Spezies angegeben, gefolgt von der Verbesserung beim Fressen und Trinken und beim Harnabsatz. Insgesamt 79% der Tierbesitzer*innen würden den Einsatz von Hunderollwägen weiterempfehlen.

Als Limitationen der Studie wurden die Selbsteinschätzung der Tierbesitzer*innen, eine wenig abgestufte Skala, die fehlende Überprüfung der Akten zu den medizinischen Gründen des Einsatzes der Rollwägen und die fehlende Abfrage des Trainingslevels der betreuenden Tierärzt*innen gesehen. Zudem könnte eine Auswahlverzerrung aufgetreten sein, da die Bereitschaft von Tierhalter*innen, bei denen der Einsatz des Rollwagens besonders gut oder besonders schlecht geklappt hat, eventuell eher bereit sind, an einer Studie teilzunehmen und ihre Erfahrungen zu teilen.

Fazit

Der Einsatz von zweirädrigen Rollwägen zur Unterstützung der Hintergliedmaßen (klassische „Hunderollis“), sowie vierrädriger Rollwägen zur Unterstützung aller 4 Gliedmaßen beim Hund und bei der Katze sind bei entsprechenden Indikationen zur Verbesserung der Lebensqualität der Tiere und der Tierbesitzer*innen anzuraten. Eher keinen deutlichen Vorteil für die Lebensqualität hat der Einsatz von Rollwägen beim Kaninchen und auch der Einsatz von zweirädrigen Rollwägen zur Unterstützung der Vordergliedmaßen sollte hinterfragt werden. Bei jeglichem Einsatz von Rollwägen sollte auf die hohe Komplikationsrate durch Wundentstehung (Scheuer- und/oder Druckstellen, Pfotenläsionen) hingewiesen werden. Generell würden die Tierbesitzer*innen den Einsatz von Rollwägen aber weiterempfehlen.

Originalstudie:

Narum M et al. Caretaker-reported quality of life, functionality, and complications associated with assistive mobility cart use in companion animals. Front Vet Sci 2024; 11: 1466405.

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

Gutmann S. Für Sie gelesen: Lebensqualität, Funktionalität und Komplikationen assoziiert mit dem Einsatz von unterstützenden Rollwägen beim Kleintier.kleintier konkret 2025; 28(06): 6 - 7. doi:10.1055/a-2723-0194

(JD)

Dr.med. vet. Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit den Zusatzbezeichnungen Neurologie sowie Physiotherapie. Zudem ist sie Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Medizin und Rehabilitation für Hunde. 
Ihre Patienten betreut sie in ihrer eigenen Praxis „NEUROVETMOVE - Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie“, Hauptstraße 35 in 04416 Markkleeberg.

Ihr Originalbeitrag„Für Sie gelesen: Lebensqualität, Funktionalität und Komplikationen assoziiert mit dem Einsatz von unterstützenden Rollwägen beim Kleintier“ erschien in der Kleintier konkret.