
Die Anatomie des Hunde-Ohrs
Das Ohr des Hundes besteht aus der Ohrmuschel, dem äußeren Gehörgang und dem Mittel- und Innenohr, die durch das Trommelfell von der Außenwelt getrennt sind.

Bei gesunden Hunden weist die Pinna nur wenige Falten auf, in denen sich Material ansammeln kann. Bei chronisch entzündeten Ohren kann sich die Haut der Ohrmuschel jedoch entzünden und verdicken, sodass es zwischen den Falten und der verdickten Haut zu Ansammlungen von Gehörgangssekreten kommt. Diese sind ein guter Nährboden für Bakterien oder Hefepilze, die zu einer Verschlimmerung der Entzündung führen und einen Teufelskreis entstehen lassen. Am Ende entsteht im schlimmsten Fall ein „Blumenkohlohr“ (z. B. American Cocker Spaniel).

Neue Falten können auch dadurch entstehen, dass die Blutgefäße zwischen den beiden Knorpelschichten der Ohrmuschel verletzt werden und sich dort Blut ansammelt. Wird diese Situation nicht medizinisch versorgt, kommt es zur Narbenbildung mit neuen Falten an der Pinna, und es kann sogar zum Verschluss des Gehörganges kommen.
Äußerer Gehörgang des Hundes
Der äußere Gehörgang besteht aus einem vertikalen Teil, der von der Öffnung des Ohrs zum Kieferwinkel zieht, eine Kurve in den horizontalen Abschnitt macht, in Richtung Schädel zieht und in einem kurzen knöchernen Ring mit dem Trommelfell endet. Die Innenauskleidung des Gehörgangs besteht aus normaler Haut, die – vor allem bei bestimmten Hunderassen wie Pudel oder Bichon Frisé – zum Teil stark behaart sein kann. Sie hat eine eigene Flora, die aus Bakterien und Pilzen besteht, die die Abwehrfunktion der Haut unterstützen.

Drüsen im Ohr
In der Haut des Gehörgangs befinden sich neben den Haarfollikeln auch Schweiß- und vor allem Schmalzdrüsen, die zusammen das Ohrenschmalz produzieren. Dieses schützt die Haut und sorgt für eine natürliche Reinigung des Gehörgangs, indem es Schmutz nach außen transportiert. Die Menge und die Verteilung der Schmalz- und Schweißdrüsen variiert stark bei den einzelnen Tieren und Rassen, allgemein gilt: Im tieferen Gehörgang finden sich mehr Schmalzdrüsen, im eingangsnahen Bereich mehr Schweißdrüsen. Bei Entzündungen können diese Drüsen anschwellen und manchmal sogar den Gehörgang einengen oder wie kleine Tumoren aussehen.
Mittel- und Innenohr des Hundes
Im Mittelohr befinden sich die Gehörknöchel und es verlaufen hier Anteile des großen Gesichtsnervs (Nervus fazialis), der bei der Ohrreinigung gereizt werden kann – vor allem, wenn das Trommelfell nicht intakt ist. Mittel- und Innenohr sind für die Pflege der Ohren nur dann von Bedeutung, wenn das Trommelfell verletzt ist, dann kommt es manchmal vor, dass Reinigungsflüssigkeit durch die Nase herausläuft.
Ohrpflege beim Hund: ja oder nein
Ein gesundes, gut belüftetes (weiter Gehörgang) und wenig behaartes Ohr braucht keine Extrapflege. Jeder Eingriff mit Reinigern – und sei es auch nur isotone Kochsalzlösung – beeinflusst die Hautflora im Gehörgang. Doch bei einigen Hunden ist es sicher nötig, die Haare aus dem Gehörgang zu zupfen und das Ohr regelmäßig zu reinigen. Am besten entscheiden kann man das nach einem Blick mit dem Otoskop in den Gehörgang.
Merke
Wenn der Besitzer die Ohrreinigung beim Welpen trainiert, dann klappt später auch die Behandlung!
Bei Hunden mit Risikofaktoren: Ohren reinigen!
Auch wenn nicht jedes Ohr regelmäßig gepflegt werden muss, gibt es doch einige Faktoren, die Entzündungen fördern! Für Hunde, bei denen einer oder mehrere der folgenden Faktoren zutreffen, macht eine regelmäßige Reinigung der Ohren absolut Sinn:
- Hängeohren: Eine tief angesetzte, lange Pinna führt zu einer zusätzlichen Krümmung des Gehörganges. Er wird dadurch eng und schlecht belüftet, z. B. Cocker Spaniel, Basset, Irish Setter.
- Enge Gehörgänge: Sie erschweren die natürliche Reinigung des äußeren Gehörgangs, da Ohrenschmalz ihn oft in der Tiefe verstopft, z. B. alle Bulldoggen, Mops, Molosser, Shar Pei.
- Starke Behaarung im Gehörgang: Sie kann verfilzen und so den Abtransport von Ohrenschmalz behindern, z. B. Pudel, Bichon Frisé.
- Schwimmen und Tauchen: Wenn Hunde täglich im Wasser sind und untertauchen, steht Wasser im Gehörgang und kann zu Entzündungen führen. Das kann auch entstehen, wenn die Ohren vom Partnerhund ständig „saubergeschleckt“ werden, z. B. Labrador, Neufundländer.
- Allergiker: Hunde mit einer allergischen Dermatitis haben oft auch entzündete Ohren, denn die Haut im Gehörgang ist normale Haut.
- Parasitäre Erkrankungen der Haut: Sie können negativ auf die Ohrgesundheit wirken.
- Systemische Erkrankungen: Sie können die Ohren beeinflussen, z. B. Schilddrüsenunterfunktion, Leishmaniose, Sebadenitis.
Gute Wirkstoffe in Ohrreinigern und Pflegetüchern
Die folgenden Wirkstoffe sind wenig bis nicht ototoxisch, das heißt, sie reizen kaum, wenn sie ins Mittelohr gelangen:
- Chlorhexidin wirkt mild desinfizierend bei vorgeschädigten Ohren
- Squalene sind besonders gute Fettlöser (cerumenolytisch) bei zu viel Ohrenschmalz
- Phytosphingosine lösen das Ohrenschmalz sanft und sind gleichzeitig rückfettend
- Tris EDTA verbessert die Wirkung von lokal eingesetzten Antibiotika
- Acetylcystein wirkt sehr gut bei infizierten Ohren, riecht jedoch unangenehm
- Essigsäure/Salicylsäure/Borsäure wirken gut gegen Keime
Ohrreinigung und Pflege: so geht`s
Grundsätzlich gilt: Das Einbringen der Reinigungsflüssigkeit in den Gehörgang sorgt für eine Verdünnung der Sekrete bei entzündeten Ohren. Eiter oder das typische grau-klumpige Malasseziensekret werden verdünnt und ausgeschwemmt. Je nach Reiniger kann außerdem die Wirksamkeit später eingebrachter Antibiotika verstärkt werden.
Verzicht auf Parfüme bei der Ohrpflege des Hundes
Für eine gute Ohrreinigung eignen sich am besten flüssige Ohrreiniger und ein Taschen- oder Küchentuch, um überschüssige Feuchtigkeit aufzunehmen. Für die Falten der Ohrmuschel eignen sich pflegende Reinigungstücher. Zur normalen Pflege sind Säuren als Zusatz nicht nötig, vor allem sollte man aber auf jegliche Parfüme und andere Duftstoffe sowie auf Alkohol verzichten.
Merke
Ohrreiniger aus dem Zoohandel haben oft unklare Wirkstoffe, Tiermedizinprodukte haben zu viel, sind dagegen genau deklariert!
Zupfen der Ohrhaare beim Hund
Das Zupfen der Haare im Gehörgang ist nur dann nötig, wenn die Haare entweder sehr dicht oder sehr lockig sind und durch die Behaarung des Gehörganges das Ohrenschmalz nicht mehr ungehindert abtransportiert werden kann. Und es gilt: Nicht übertrieben genau einzelne Härchen ziehen, denn das strapaziert den Patienten, und die Haare wachsen sowieso wieder nach.

Zupfen unter Analgesie bei entzündeten Ohren
Ist das Ohr entzündet, sollte man möglichst auf das Zupfen der Haare verzichten. Wenn dies nicht möglich ist, weil eine Behandlung des Gehörgangs aufgrund der dichten oder verfilzten Behaarung nicht funktioniert, empfiehlt es sich, zunächst eine systemische Schmerztherapie zu beginnen und den Gehörgang zusätzlich lokal mit Lidocain (Injektionslösung oder Trachealspray) zu betäuben. Als Alternative für solche Fälle bietet sich auch eine Kurznarkose an.
Reinigung des Gehörgangs beim Hund
Eine routinemäßige Reinigung bei gesunden Ohren, die zu viel Schmalz produzieren oder zu schlecht belüftet sind, sollte je nach Patient wöchentlich bis monatlich erfolgen. Die Herausforderung bei der Ohrreinigung besteht darin, den Besitzern eine Technik zu vermitteln, die eine möglichst schmerz- und reizfreie Reinigung ermöglicht sowie konsequent und gründlich durchgeführt werden kann.

Ohrpflege beim Hund in der Praxis üben
In der Praxis sollte der Besitzer unter Anleitung der TFA selbst „Hand anlegen“ und so individuell für seinen Hund die richtige Reinigungstechnik erlernen, wobei einige Punkte die Aktion wesentlich erleichtern:
- Ohrreiniger sollten angewärmt werden, z. B. auf der Heizung oder im Babyfläschchenwärmer. Insbesondere, wenn die Ohren schmerzen oder das Trommelfell defekt ist, verhindert das Anwärmen des Reinigers die Reizung des Gehörgangs und der empfindlichen Strukturen im Mittelohr.
- Einen kleinen Hund kann man gut auf einem Tisch behandeln, indem man das Tier vor sich zwischen die eigenen Arme setzt. Große Hunde lässt man auf dem Boden sitzen und kniet sich für die Behandlung hinter das Tier.
- Sinnvoll ist das Tragen von Handschuhen, denn es könnte sich um eine Gehörgangsinfektion mit resistenten Bakterien wie Pseudomonas oder Staphylokokkus pseudointermedius handeln. Wichtig: Auch die Besitzer müssen darauf hingewiesen werden!
Merke
In der Praxis zeigen wir das korrekte Reinigen an einem Ohr – die Besitzer dürfen das andere Ohr behandeln.
Was Hundeohren nicht mögen
Unsere Kunden haben oft ihre eigenen Ideen, wie und mit was sie die Ohren ihrer Hunde „behandeln“, doch es gibt einiges, das auf die Verbotsliste gehört und dem Kunden kommuniziert werden sollte (vielleicht in einem kleinen Handout):
- Wattestäbchen: Im Gehörgang verdichten sie Schmalz und Schmutz in der Tiefe, und im Bereich der Ohrmuschel reizen sie die Haut, da die Watteschicht zu dünn und das innenliegende Plastik zu hart für die empfindliche Haut ist.
- Mull: Mull raut die Haut auf und schafft so einen Nährboden für infektiöse Keime.
- Öl: Reinigt gut und löst Ohrenschmalz, verklebt jedoch Ohrmuscheln und Haare – darf niemals bei defektem Trommelfell angewendet werden!
- Essigwasser: Erzeugt einen niedrigen pH-Wert, beeinflusst die Behandlung von Hefen und einigen Bakterienarten positiv, hat aber leider eine schlechte Reinigungswirkung, da es das fettige Ohrenschmalz nicht lösen kann. Bei zu hoher Essigkonzentration wirkt es stark reizend.
- Kochsalzlösung: Kann (auch bei defektem Trommelfell) bedenkenlos angewendet werden, hat jedoch kaum eine Reinigungswirkung.
- Alkoholische Ohrreiniger, Kamillosan (alkoholischer Kamillenauszug), unverdünnte ätherische Öle (z. B. Teebaumöl) und andere Duftstoffe: Sie wirken entfettend und reizen die Haut zum Teil stark.
Ohrbehandlung und Compliance
In der dermatologischen Sprechstunde sind Otitispatienten immer öfter vertreten, und häufig werden Hunde vorgestellt, die seit Monaten und Jahren unter Ohrenschmerzen leiden, ohne eine konsequente Schmerztherapie zu erhalten. Sie werden zwar immer wieder mit Ohrentropfen behandelt, die aber ohne eine Reinigung der Gehörgänge nicht richtig wirken können. So entstehen Infektionen mit mehrfach resistenten Erregern, deren Behandlung eine große Herausforderung sein kann.
Eine schwere, chronische Otitis ist keine Kleinigkeit – die Therapie dauert Monate bis lebenslang und kann mehrere Narkosen und auch chirurgische Eingriffe erfordern. Für die Besitzer bedeutet das viel Ärger und hohe Kosten, die in die Tausende gehen können, und für den Hund eine Menge Schmerzen. Dieses Wissen sollte uns auf jeden Fall motivieren, die Hundebesitzer zu sensibilisieren und – wo sie Sinn macht – eine qualitativ hochwertige, schonende und konsequente Ohrenpflege zu empfehlen und zu schulen.
Fazit: Sinnvolle Ohrpflege beim Hund
Nicht alle Ohren brauchen eine besondere Pflege, doch ein sanftes „Medical Training“ zur Ohrenpflege macht bei jedem Hund Sinn. Mit guten Produkten aus Ihrer Praxis und der richtigen Technik können Entzündungen vorgebeugt und erfolgreich behandelt werden. Wenn dann noch der Besitzer geschult und motiviert wird, ist die Grundlage für gesunde Hundeohren perfekt gelegt.
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