ArtenschutzBiologische Invasionen: Neues Schema bewertet Tierleid

Heimische Arten leiden unter Konkurrenz, ein neues Bewertungssystem soll dieses Tierleid besser bewerten können.

Bild Naturschutzgebiet im Wald
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Folgen invasiver Arten betreffen nicht nur Ökosysteme, sondern auch das Wohlbefinden von Tieren. (Symbolbild)

Durch globalen Handel, Reisen und Klimawandel gelangen immer häufiger Tier , Pflanzen  und Pilzarten in neue Lebensräume. In diesen Regionen können sich die sogenannten biologischen Invasoren oft rasch ausbreiten – etwa weil natürliche Feinde fehlen. Die Folgen betreffen nicht nur Ökosysteme, sondern auch das Wohlbefinden von Tieren: Heimische Arten leiden unter Konkurrenz, Prädation oder Verletzungen, während auch invasive Arten selbst betroffen sein können. 

Bewertungssystem für Tierwohl entwickelt

Ein internationales Forschungsteam hat nun erstmals ein standardisiertes Schema zur Bewertung dieses Tierleids vorgestellt. Das Instrument trägt den Namen „Animal Welfare Impact Classification for Invasion Science“ (AWICIS) und wurde in Nature Communications publiziert.
Das System setzt auf eine differenzierte Einschätzung des Tierwohls auf individueller Ebene. Berücksichtigt werden unter anderem Ernährungszustand, Gesundheitsparameter und Verhaltensänderungen. Die Intensität des Leidens wird in fünf Stufen eingeteilt und durch physische, physiologische und verhaltensbezogene Indikatoren untermauert.
„Für Forschung und Politik liefert das neue Bewertungsschema AWICIS wichtige Anhaltspunkte zur Bewertung der Bedrohung von Tierwohl durchbiologische Invasionen“, sagt Studienautor Dr. Thomas Evans von der Freien Universität Berlin. 

Ameisen verursachen besonders starkes Leiden

Erste Anwendungen des Schemas zeigen deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen invasiven Arten. Besonders invasive Ameisen erweisen sich als problematisch: Sie verursachen bei betroffenen Tieren häufig schwere Verletzungen durch aggressive oder giftige Stiche.
Betroffen sind zahlreiche Tiergruppen, darunter Vögel, Reptilien wie junge Schildkröten und Eidechsen sowie wirbellose Tiere wie Landkrabben. Typische Folgen sind Verhaltensstörungen, etwa reduzierte Ruhezeiten oder übermäßige Körperpflege, sowie langwierige, qualvolle Todesverläufe.
Ein Beispiel ist die Argentinische Ameise (Linepithema humile), die über den Schiffsverkehr nach Europa eingeschleppt wurde und dort große Kolonien bildet, einheimische Arten verdrängt und ganze Ökosysteme verändert. 

Geringere Effekte durch invasive Vögel

Auch eingeführte Vogelarten können negative Auswirkungen haben, etwa durch Prädation oder Konkurrenz um Nahrung. Besonders betroffen sind Wat- und Seevögel sowie Inselpopulationen. Insgesamt fallen die Auswirkungen invasiver Vögel laut Analyse jedoch weniger gravierend aus als die durch Ameisen verursachten Schäden. 

Forschungsbedarf und Verzerrungen

Die Autoren weisen darauf hin, dass bislang vor allem stark ausgeprägte Fälle dokumentiert sind. Weniger dramatische Auswirkungen könnten deshalb unterrepräsentiert sein. Zudem seien zusätzliche physiologische Messungen notwendig, um Intensität und Dauer des Leidens genauer zu erfassen.
„Wir empfehlen die Auswirkungen biologischer Invasionen konsequent in Feldstudien zu erforschen und dabei gezielt bislang wenig untersuchte, oft weniger wohlhabende Regionen, in den Blick zu nehmen. Zudem sollten verstärkt Maßnahmen entwickelt werden, um das Einschleppen bekanntermaßen schädlicher Ameisenarten zu verhindern.“ 

Bedeutung für Praxis und Politik

Mit AWICIS steht erstmals ein Werkzeug zur Verfügung, das Tierleid infolge biologischer Invasionen systematisch erfassen lässt. Die Forschenden sehen darin eine Grundlage, um Risiken besser zu bewerten und gezielte Gegenmaßnahmen zu entwickeln – sowohl im Naturschutz als auch im Bereich Tierwohl.

Quelle: Freie Universität Berlin in „Nature Communications“
kcl