InterviewLehre neu gedacht: Mental Health im Tiermedizinstudium

An der Universität Leipzig bereiten Prof. Dr. Hamedy und Dr. Rolzhäuser Tiermedizinstudierende mit einem Mental-Health-Workshop auf das Schlachthofpraktikum vor. Im Interview erzählen sie, warum das so wichtig ist – und wie gute Vorbereitung echte Resilienz schafft.

Eine Grafik zeigt auf einem türkisen Hintergrund einen beigen Frauenkopf in der Seitenperspektive mit Pferdeschwanz. Um den Kopf sind ganz viele dunkle Wolken, die eine psychische Belastung andeuten sollen.
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Die Mental-Health-Veranstaltung an der Universität Leipzig wird gemeinsam mit einer Psychotherapeutin durchgeführt.

Prof. Dr. Ahmad Hamedy und Dr. Philipp Rolzhäuser vom Institut für Lebensmittelhygiene, Professur Fleischhygiene, an der Universität Leipzig denken Lehre neu. Zur Vorbereitung auf das Schlachthofpraktikum sprechen sie mit Tiermedizinstudierenden über „Mental Health“. Unterstützt werden sie dabei von einer Psychotherapeutin der psychosozialen Beratung der Studierendenwerke der Universität Leipzig und HTWK Leipzig.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Thema „Mental Health“ in Ihre Veranstaltung zu integrieren? 

Die Entscheidung, das Thema „Mental Health“ in unsere Veranstaltung zu integrieren, entsprang der Erkenntnis, dass psychische Gesundheit ein oft übersehener, aber wesentlicher Bestandteil der Ausbildung im Bereich Tiermedizin ist. Das Schlachthofpraktikum kann für Studierende emotional und mental herausfordernd sein, da es nicht nur fachliches Wissen, sondern auch psychische Belastbarkeit erfordert.

Im Austausch mit den Studierenden wurde deutlich, dass das Schlachthofpraktikum bei vielen bereits im Vorfeld Ängste und Sorgen auslöst – teilweise schon am ersten Studientag oder vor dem Studium. Gemeinsam mit dem bvvd führten wir zudem eine Umfrage zur Berufsperspektive in der Schlachttier- und Fleischuntersuchung durch. Studierende und Absolvent*innen (bis 5 Jahre nach Abschluss) berichteten von belastenden Situationen im Praktikum, etwa Überforderung, das Arbeitsklima, Tierschutzverstöße oder Sexismus. In den Freitextantworten wurde häufig eine bessere emotionale Vorbereitung durch die Universität gewünscht. Diesem Wunsch sind wir nachgekommen.

Erzählen Sie uns gerne etwas über den Ablauf Ihrer Mental-Health-Veranstaltung.

Die Veranstaltung findet im 8. Fachsemester im Rahmen des Fleischhygienekurses statt und wird gemeinsam mit einer Psychotherapeutin durchgeführt. Die Veranstaltung ist als interaktiver Workshop gestaltet. Nach einer kurzen Einführung zum Praktikum und erläutern, warum psychische Gesundheit gerade in der Tiermedizin so wichtig ist, reflektieren die Studierenden zunächst im Zweiergespräch, später im Plenum, ihre Erwartungen, Ängste und Sorgen. Häufig genannte Themen sind Überforderung (z. B. hohe Schlachtzahlen), das Arbeitsumfeld, Tierschutzverstöße, Rollen- und Wertekonflikte (z.  B. im Hinblick auf Nutztierhaltung und das eigene Konsumverhalten) sowie Sexismus. Anschließend vermitteln wir Strategien zur Stärkung psychosozialer Kompetenzen – etwa Resilienz, Rollenfindung, Gewaltfreie Kommunikation und das Setzen persönlicher Grenzen.

Warum löst gerade das Schlachthofpraktikum bei vielen Studierenden bereits im Vorfeld Stress aus?

Für viele Studierende entsteht zunächst ein Rollen- und Wertekonflikt: Sie beginnen das Studium mit dem Wunsch, Tieren zu helfen oder sie zu schützen. Die Begleitung von Schlachtprozessen steht dazu scheinbar erstmal im Widerspruch. Hinzu kommen der direkte Umgang mit dem Tod sowie mögliche Konflikte mit dem eigenen Konsumverhalten (z. B. Vegetarismus oder Veganismus). Hieraus können ethische Dilemmata entstehen.

Insgesamt ist es eine Kombination aus emotionalen, ethischen und physischen Herausforderungen, die im Vorfeld zum Schlachthofpraktikum Stress auslösen können.

Welche psychischen Belastungen beobachten Sie bei Studierenden am häufigsten im Zusammenhang mit dem Schlachthofpraktikum? 

Nach unseren Erfahrungen von ehemaligen Studierenden erleben die Studierenden das Schlachthofpraktikum häufig als mental herausfordernd. Zudem ist es im Vorfeld oft mit mehr negativen als positiven Emotionen assoziiert. Die häufigsten Emotionen im Vorhinein sind Nervosität und Angst.

Welche Faktoren im Praktikumsalltag – etwa Arbeitszeiten, Umgebung oder Abläufe – wirken Ihrer Erfahrung nach besonders belastend?

Häufig ist es bereits die Vorstellung vom Arbeitsumfeld, die Ängste auslöst. Studierende fürchten emotionale Überforderung durch hohe Schlachtzahlen, Lärm oder Gerüche. Auch Nacht- oder Frühschichten werden als belastend empfunden. Zudem spielt die Sorge, mögliche Tierschutzverstöße mitzuerleben, eine große Rolle.

Wie können sich Studierende schon im Vorfeld psychisch auf die Anforderungen des Praktikums vorbereiten? Haben Sie Tipps?

Wir empfehlen, dass die Studierenden bereits vor Praktikumsbeginn den Ablauf des Praktikums in ihrer Praktikumsstätte umfangreich erfragen, um eine möglichst konkrete Vorstellung vom Praktikumsablauf vorab zu bekommen. Das beginnt mit der Betreuung vor Ort sowie mit Schlachtzahlen, Praktikumszeiten oder der Organisation des Praktikums (z. B. Aufteilung der Praktikumswochen in Schwarz- und Weißbereich). Der Austausch mit ehemaligen Praktikanten kann wertvolle Einblicke und Tipps bieten. Auch professionelle Unterstützung oder Workshops zu „Mental Health“ sind empfehlenswert. Außerdem sollten Studierende und betreuende Tierärzt*innen vorab ihre Erwartungen an das Praktikum kommunizieren. Diese Vorbereitung kann den Studierenden helfen, ihre Resilienz zu stärken und das Praktikum erfolgreich zu meistern.

Welche Rolle spielen Tierschutzüberwachung und das Erleben von Verstößen für die psychische Belastung?

Das Miterleben von Tierschutzverstößen – oder der Eindruck, dass nicht angemessen darauf reagiert wird – können erheblichen psychischen Stress bei den Studierenden verursachen.

Wohin können sich Studierende wenden, wenn sie schlechte Erfahrungen im Schlachthofpraktikum machen (sexuelle Belästigung, Tierschutzverstöße etc.) und sich nicht trauen, diese direkt anzusprechen? Was würden Sie Betroffenen empfehlen?

Wir empfehlen Studierenden immer zunächst mit den betreuenden Tierärzt*innen vor Ort das Gespräch zu suchen. Hierzu vermitteln wir Kommunikationsstrategien wie die Gewaltfreie Kommunikation, um z. B. Missstände im Zusammenhang mit Tierschutz zu kommunizieren. Wenn sie sich nicht trauen, direkt vor Ort Dinge anzusprechen, stehen wir als Ansprechpartner zur Verfügung. In der Vergangenheit haben wir dann auch das Gespräch zu den Kolleg*innen vor Ort gesucht. Für die psychologische Unterstützung steht für die Leipziger Studierenden eine Psychotherapeutin von der psychosozialen Beratung der Studierendenwerke der Universität Leipzig und HTWK Leipzig zur Verfügung.

Gibt es an anderen Universitäten auch unterstützende Maßnahmen oder Strukturen, die Studierende rund um das Schlachthofpraktikum mental stärken?

Auch an anderen Universitäten gibt es Initiativen. Die Implementierung in einer Pflichtlehrveranstaltung gemeinsam mit einer Psychotherapeutin ist unseres Wissens nach so jedoch einzigartig. Diese innovative Herangehensweise bietet den Studierenden eine direkte und unterstützende Umgebung, um sich auf die Herausforderungen des Schlachthofpraktikums vorzubereiten.

Die Frage, ob das Schlachthofpraktikum als Pflichtpraktikum im Veterinärmedizinstudium abgeschafft werden soll, wird immer wieder diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Ob das Schlachthofpraktikum verpflichtend bleibt, entscheiden nicht wir als Fachvertreter. Die meisten europäischen Ausbildungsstätten sind durch die European Association of Establishments for Veterinary Education (EAEVE) akkreditiert, die eine praktische Ausbildung in der Schlachttier- und Fleischuntersuchung fordert. Ein Wegfall würde die Akkreditierung gefährden. Unabhängig davon befürworten wir das Praktikum. Aus unserer Sicht sammeln die Studierenden innerhalb des Schlachthofpraktikums praktische Erfahrungen in der Lebensmittelproduktion und den damit verbundenen Verbraucher- sowie Tierschutzstandards. Zudem profitieren sie fachlich (z. B. Anatomie, Pathologie) auch für die Tätigkeit in einer Praxis. Sie erhalten Einblicke in einen gesellschaftlich relevanten Bereich, der der Öffentlichkeit meist verborgen bleibt, und können Schlussfolgerungen für das eigene Konsumverhalten und die eigene Wertevorstellung zur Nutztierhaltung ableiten.

Jedoch ist es entscheidend, die Gestaltung des Praktikums kontinuierlich zu überprüfen und anzupassen, um sicherzustellen, dass es sowohl den aktuellen Ausbildungsanforderungen als auch den ethischen Standards gerecht wird.

Es ist wichtig, angemessene Unterstützung und Begleitung zu bieten.

Welche langfristigen positiven Effekte kann der reflektierte Umgang mit diesem Praktikum auf die professionelle Resilienz angehender Tierärzt*innen haben?

Studien zeigen, dass Tiermedizinstudierende und Tierärzt*innen ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung aufweisen. Bis zu einem Viertel eines Jahrgangs nahm im Anschluss an unseren Kurs eine psychosoziale Beratung in Anspruch – meist nicht wegen des Schlachthofpraktikums, sondern aufgrund allgemeiner Studienbelastung, Prüfungsangst oder anderer Themen. Insgesamt bereitet der Kurs die Studierenden besser auf die Anforderungen und Herausforderungen ihres zukünftigen Berufslebens vor. Im Feedback wird deutlich, dass die Inhalte weit über das Praktikum hinauswirken und zur professionellen Resilienz beitragen. Viele Studierende wünschen sich ähnliche Angebote früher im Studium und auch in anderen Fachbereichen.

Abschließend: Haben Sie Tipps oder Leseempfehlungen für Studierende, denen das Schlachthofpraktikum noch bevor steht?

Wir empfehlen Studierenden immer, sich vor dem Schlachthofpraktikum Erfahrungsberichte von Studierenden aus höheren Semestern zu einem Praktikumsplatz einzuholen. Sprechen Sie untereinander über das Schlachthofpraktikum und kommen Sie bei Problemen auf die betreuenden Tierärzt*innen vor Ort sowie Ihre Ansprechpersonen/Fachvertretende an der Uni zu. Sie sind mit den Ängsten, Sorgen und Emotionen nicht allein. Viele der Leipziger Studierenden beschreiben das Schlachthofpraktikum im Nachhinein als eine bereichernde Erfahrung und ein unerwartet gelungenes Praktikum. Gehen Sie offen an die Erfahrung heran und nutzen Sie die Möglichkeit zum Lernen und Wachsen – nicht nur fachlich, sondern auch persönlich.

Eckdaten zum Praktikum „Ausbildung in der Schlachttier- und Fleischuntersuchung“

Dauer & Umfang

  • 100 Stunden
  • mindestens 3 aufeinanderfolgende Wochen

Zeitpunkt im Studium

  • im Rotationsjahr, nach dem 8. Semester

Tierarten

  • hauptsächlich Rind oder Schwein
  • bis 30 Stunden davon Geflügel möglich

Univ. Prof. Dr. Ahmad Hamedy ist Fachtierarzt für Lebensmittel- und Fleischhygiene mit der Zusatzbezeichnung „Molekularbiologie“. Von 2017 bis 2021 war er Professor für Lebensmittelhygiene und Mikrobiologie an der Hochschule Anhalt. Seit 2021 ist er Professor für Fleischhygiene am Institut für Lebensmittelhygiene der Universität Leipzig.

Dr. Philipp Rolzhäuser hat von 2011 bis 2017 Tiermedizin an der Universität Leipzig absolviert und anschließend am Institut für Lebensmittelhygiene promoviert. Nach 2 Jahren in einer Gemischtpraxis kam er 2021 als wissenschaftlicher Mitarbeiter zurück ans Institut für Lebensmittelhygiene. Zurzeit befindet er sich in der Weiterbildung zum Fachtierarzt für Tierschutz.