BlogMir geht die Puste aus – und dennoch mache ich weiter. Warum?

Depressionen, Burnout & Suizidgedanken – im tiermedizinischen Berufsfeld leider keine Seltenheit. Hilfe holen wir uns oft erst zu spät, wenn überhaupt. Warum das so ist erfahren Sie im heutigen Blogbeitrag.

Eine kleine menschliche Skulptur aus Stein sitzt mit angezogenen Knien auf dem Boden. Den Kopf hat die Skulptur in die Hände gestützt. Die ganze Haltung wirkt traurig und niedergeschlagen.
dodoardo/stock.adobe.com
Viele nehmen Hilfsangebote erst sehr spät an, nämlich dann wenn man schon erkannt hat, dass man nicht mehr kann und am Abgrund steht.

Triggerwarnung

Dieser Artikel spricht von Belastungen im Berufsalltag und deren Auswirkungen. Falls sensible Thematiken (z. B. Depression, Suizid, Trauma) dir gerade nicht gut bekommen, lies diesen Artikel bitte nicht weiter.

Ein neues Jahr beginnt. Es warten neue Abenteuer, neue Herausforderungen, neue Aufgaben. Man sollte frohen Mutes in das Jahr starten und eigentlich war mein Vorhaben, einen motivierenden Blogartikel zu schreiben mit Tipps und Tricks, wie man das Jahr erfolgreich schafft und wie Ziele erreicht werden können. Aber es gelingt mir dieses Mal nicht.

Es ist Weihnachten 2025, ich scrolle mich durch die sozialen Medien – und stoße erneut auf einen Nachruf eines Kollegen, der kurz vor Weihnachten den Freitod gewählt hat. In den Kommentaren schreibt eine Kollegin, dass dies bereits der 4. Verlust in ihrem tierärztlichen Bekanntenkreis ist. Und ich: ich bin erneut tief betroffen. So wie jedes Mal, wenn ich so etwas lese.

Ich frage mich, was alles passieren muss, damit man solch einen Schritt geht? Es steht außer Frage, dass hinter einem Freitod vieles stecken kann. Depressionen und andere Erkrankungen, Verzweiflung, Überforderung, Einsamkeit, Vertrauensverlust in die eigenen Kompetenzen, möglicherweise Gesichtsverlust und Scham. 

Und es steht auch außer Frage, dass Personen, die psychisch so weit am Abgrund stehen, dass sie ihr eigenes Leben infrage stellen, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um wieder aus dieser Situation herauszufinden. - Aber ich bin mir sicher, dass es auch genügend Kolleginnen, Kollegen und  TFA in unserer Branche gibt, die noch weit genug von solch einem Abgrund entfernt sind und die mit etwas Aufmerksamkeit und Unterstützung gar nicht in die Nähe kommen müssten. – Wenn sie Unterstützung erhalten und annehmen würden…

Ich brauche keine Hilfe – ich bin tough!

Ja, stimmt. Wir sind alle tough, denn unser Körper kann unfassbar viel kompensieren und aushalten. Wir entwickeln Strategien, von der Verleumdung bis zur Wahrnehmungsverzerrung, um uns selbst zu bestätigen, dass wir unerschütterlich sind und jedes Arbeitspensum weiterhin so gut schaffen wie bisher. Uns haut einfach nichts um.

Bis wir es eben nicht mehr schaffen. 

Warum also holen wir uns nicht früher Unterstützung? Weil sich viele selbst im Weg stehen, sich nicht trauen, sich für zu unbedeutend halten, oder einfach „keine Zeit für so ‚nen Kram“ haben... Solche Einstellungen sind durchaus nachvollziehbar:  Unsere Prägung in der Kindheit und Jugendzeit führt zu Glaubenssätzen, die wir bis ins Erwachsenenalter pflegen. Häufig unbewusst bestimmen sie unser Tun:

„Sei fleißig!“, „Nicht meckern, machen!“, „Zeig keine Schwäche!“, „Nur die Erfolgreichen kommen voran!“, „Da musst du jetzt durch!“, etc.

Wir leben danach und fallen früher oder später in die Überforderung, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Diesen Emotionen folgen Frust, Ärger, Selbstvorwürfe. 

Manche Menschen erkennen das frühzeitig und können gegensteuern, andere erkennen es später und holen sich Hilfe, und wieder andere Personen bleiben gefangen in ihren Glaubenssätzen, den damit verbundenen Zwängen und Selbstansprüchen, bis diese nicht mehr auszuhalten sind. 

Ein weiterer Faktor ist die „Unsichtbarkeit“ der Psyche. Mit einem Beinbruch nach einem Pferdetritt oder einem fiesen Katzenbiss ist klar: Der- oder diejenige fällt einige Wochen bis Monate aus. Kommt aber jemand und sagt „ich kann nicht mehr, mir wird alles zu viel“, gibt es noch genügend Menschen, die bagatellisierend reagieren: „Na, jetzt stell dich mal nicht so an, so schlimm ist es schon nicht.“ – Und fertig ist der Stempel „Weichei“.

Wir haben es somit mit 2 Problemkreisen zu tun: Zum einen der gesellschaftlichen Anerkennung von (grundsätzlich nicht sichtbarer) Überforderung, zum anderen dem persönlichen Anteil, nämlich dem Anspruch an mich selbst, nicht als „schwach“ dazustehen, sondern als leistungsfähige und leistungsbereite Person.

Was unser Körper alles kann 

Unser Körper kann sehr viel kompensieren, bevor wir merken, wie schlecht es uns eigentlich geht. Und das ist grundsätzlich gut so und von der Evolution gewollt. Vor 15.000 Jahren war es nämlich tödlich, zu früh aufzugeben, ob bei der Jagd, beim Nahrungsmangel, beim Erschließen neuer Gebiete oder dem Verteidigen gegen andere Stämme. In schwierigen Phasen halfen der Noradrenalin-Spiegel im Kopf und der Cortisol-Spiegel im Körper, um auf „Daueralarm“ zu sein. Jedes Geräusch, jedes Huschen bekam Aufmerksamkeit, um rechtzeitig zu reagieren. Nochmal: Damals ging es ums Überleben. Und daher merken wir die Auswirkungen von Stress auf Körper und Geist auch erst sehr spät, denn die biologische Evolution konnte mit der industriellen Revolution und der Erfindung neumodischer Dinge wie Handy, Telefon und Internet nicht mithalten. 

So geschieht es, dass wir heute evolutionär mit Grizzlybären kämpfen, wenn wir uns wieder über Apothekenbestellungen oder das Beschwerdemanagement ärgern. – Und seien wir mal ehrlich: Wenn wir genau hinsehen, kämpfen wir überall mit Grizzlybären. Sei es Stress im Team, Stress, die wartenden Patienten abzuarbeiten, Stress, zwischen hupenden Autos nach Hause zu kommen, Stress, weil man auf Insta den Eindruck hat, man würde wichtige Infos verpassen. 

Dem Stress können wir heutzutage somit nur bewusst (!) entkommen, indem wir Auszeiten und Ruhe in unseren Alltag integrieren. Auf Anspannung muss Entspannung folgen. Und zwar richtig, damit wir langfristig allen Herausforderungen standhalten können, die uns auf unserem Weg begegnen.

Was brauche ich für weniger Stress?

Trick #1: Lerne deinen Körper so gut kennen, dass du Warnsignale frühzeitig erkennst und gegenlenken kannst.

Trick #2: Eigne dir Strategien an, die dir dabei helfen, wieder Ruhe und Erholung zu finden, denn woher soll die Energie kommen, wenn deine Reserven erschöpft sind?

Natürlich gibt es noch viel mehr, was man tun kann: Sport, gesundes Essen, Austausch unter Kollegen und Mindset-Arbeit. Vor allem aber braucht es Mut, gegenzulenken. Sprich, dir Unterstützung zu holen (wo wir wieder bei der oben genannten gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderung wären), wenn es (langsam, aber sicher) zu viel wird.

Lieber zu früh als zu spät

Ich bin wirklich froh, dass Unterstützungsangebote für Tierärztinnen, Tierärzte und TFA in unserer Branche stetig zunehmen. Meine ersten Seminare „Stress lass nach“, die ich 2015 etablieren wollte, waren noch sehr spärlich besucht und mussten teilweise sogar abgesagt werden, weil keiner teilnehmen wollte.

Heute ist es anders. Die Gesellschaft spricht offener über Depressionen, Burn-out und Emotional Load – und das kommt auch bei uns in der Branche an. Hilfsangebote von der VetHilfe e.V. und Vetivolution oder das Buch „Bevor du vor die Hunde gehst“ sind Schritte in die richtige Richtung. Kolleginnen, Kollegen, sowie ich auch, bieten Seminare mit dem Schwerpunkt Resilienz sowie Individual-Coachings an, die dabei helfen, mit Herausforderungen besser umzugehen. 

Nur: Man muss die Angebote auch wahrnehmen!

Die eigenen Hürden überwinden

Und so landen wir bei dem Kern meines Artikels: Bei dir!

Ich erlebe es immer wieder in meinen Coachings: Sie starten teilweise sehr spät! Nämlich dann, wenn man schon erkannt hat, dass man nicht mehr kann und am Abgrund steht. Und dann die Kraft aufzubringen, Strategien zu entwickeln und zu üben – das ist wirklich herausfordernd.

Wünschen würde ich mir, dass Coachings, Resilienz-Trainings und möglicherweise auch Retreats früher in Anspruch genommen würden. Nämlich dann, wenn man noch leistungsfähig genug ist, die erarbeiteten Strategien auch umzusetzen und nachhaltig zu etablieren. Wenn ich eine Wanderung mit einem Rucksack mache, der inzwischen fast so viel wiegt wie ich, wie soll dann irgendjemand von mir verlangen können, nochmals 300 Höhenmeter zu machen? Vielleicht sogar noch ohne Wasserflasche?…

Fazit

Mein Blogartikel zum Jahresbeginn 2026 ist nicht fröhlich gestimmt, aber hoffentlich ein deutlicher Appell an alle, die ihn bis hierhin gelesen haben (danke dafür!). 

Kümmere dich um dich! Habe den Mut, dazu zu stehen, wenn du merkst, dass dir die Luft ausgeht. Du musst es nicht mit allen teilen, aber teile es mit ausgewählten Personen, damit diese die Chance erhalten, dir zu helfen. Und wenn du Sorge davor hast, dich zu „outen“, wende dich an Menschen, denen unsere Branche, unsere Kolleginnen und Kollegen und auch unsere TFA wichtig sind. Es gibt Unterstützungs-Angebote, die du nutzen kannst!

Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr – voller Hoffnung, Stärke und dem Mut, zu dir zu stehen. Immer dann, wenn du es brauchst.

Hilfe

Bitte wende dich an ein Hilfetelefon oder einen psychologischen Notfalldienst, wenn du depressive Gedanken oder Suizidabsichten bei dir oder anderen erlebst.

Die Telefonseelsorge ist 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr für alle erreichbar, Anrufe und Chats sind auch anonym möglich:

  • per Telefon: 0800 / 111 0 111, 0800 / 111 0 222 oder 116 123
  • per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de


Auch bei der VETHIiFE kann man sich täglich zwischen 20:00 und 22:00 Uhr unter folgender Telefonnummer melden:

  • +49 332 033 263 70

Mehr Tipps und Hilfsangebote findest du hier: