BlogFehlerkultur im Praxisalltag – Warum Scheitern ein Schlüssel zum Erfolg ist

Eine offene Fehlerkultur kann Chancen für das Team und auch Patienten bieten. Doch wie kann man einen positiven Umgang mit Fehlern erreichen?

Ein Mensch springt von einer Klippe zu einer anderen - von Scheitern zu Erfolg. Im Hintergrund geht gerade die Sonne unter.
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Fehler sind keine Endstation, sondern Wegweiser.

Im letzten Beitrag haben wir uns mit „Erfolg“ beschäftigt, bei dem Durchhaltevermögen, Disziplin und Geduld tragende Säulen darstellen, um erfolgreich zu sein. Doch wer Ziele verfolgt, wird unweigerlich stolpern, hinfallen, sich die Knie aufschlagen und in Fettnäpfe treten. – Genau hier setzt das Thema „Fehlerkultur“ an, das unweigerlich mit dem Thema „Erfolg“ verbunden ist: Wie gehen wir mit Rückschlägen um? Sehen wir sie als Niederlage oder als Lernchance?

Fehler im tierärztlichen Alltag – unvermeidbar und wertvoll

In der tierärztlichen Praxis und Klinik sind Fehler ein sensibles Thema. Ein falscher Handgriff, eine unklare Kommunikation im Team oder eine Fehleinschätzung bei der Diagnostik können schwere Konsequenzen haben – für das Tier, für die Halter*innen und für das Team. Kein Wunder, dass viele Kolleg*innen versuchen, Fehler möglichst zu vermeiden oder gar zu verschweigen.

Doch genau hier liegt eine häufig unterschätzte Chance: Fehler sind in ihrer Gesamtheit nicht nur unvermeidbar, sie sind auch wertvolle Wegweiser. Sie zeigen uns, wo Prozesse verbessert werden können, wo Kommunikation klarer sein muss und wo wir als Team enger zusammenarbeiten sollten. Wer Fehler offen anspricht, schafft Raum für Lernen und Weiterentwicklung.

Von Schuldzuweisung zu Lernkultur

Leider ist die Realität oft noch geprägt von Schuldzuweisungen. „Wer hat das verursacht?“ oder „Das darf nicht passieren!“ sind Sätze, die schnell fallen. Sie erzeugen Druck und Angst – und verhindern genau das, was eigentlich nötig wäre: eine offene Reflexion.

Fehler entstehen häufig nicht, weil eine einzige Person etwas falsch gemacht hat. Es ist eine Kette an Gegebenheiten, die am Ende zu einem Fehler führt: Unvollständige Anweisungen, Missverständnisse, Überforderung, Unkenntnis. – Es hilft, den Blick auf Fehler zu erweitern und den Fokus eher auf Situationen und Handlungsketten zu legen anstelle auf Einzelpersonen. Denn diese sind häufig nicht einzig und allein schuld an der Misere.

Eine gesunde Fehlerkultur bedeutet also, den Blick zu verändern. Anstelle einen Schuldigen zu suchen und an den Pranger zu stellen, fragen wir: Was können wir daraus lernen?

  • Fehler in den Stationsübergaben zeigen, dass die Abläufe vielleicht zu komplex oder unvollständig sind.
  • Eine missverständliche Anweisung im Team macht deutlich, dass klare Kommunikation entscheidend ist.
  • Ein übersehener Befund erinnert uns daran, wie wichtig strukturierte Checklisten sein können.
Interessant zu wissen

Studien aus der Humanmedizin zeigen: Kliniken mit einer offenen Fehlerkultur haben weniger schwerwiegende Zwischenfälle. Warum? Weil Mitarbeitende sich trauen, Probleme frühzeitig anzusprechen. Dieses Prinzip lässt sich direkt auf die Tiermedizin übertragen. Offenheit schafft Sicherheit – für das Team und für die Patienten.

Tipps für die Praxis

  • Fehler sichtbar machen: Nutzt ein anonymes „Fehlerbuch“ oder eine digitale Plattform, auf der kleine und große Pannen gesammelt werden.
  • Gemeinsam reflektieren: Besprecht Fehler regelmäßig im Team – nicht um Schuldige zu finden, sondern um Lösungen zu entwickeln. (Wichtig: hier müssen alle (!) an einem Strang ziehen. Wer allein die Augen verdreht, wenn jemand einen Fehler zugibt, hat’s schon versaut.)
  • Positive Sprache: Sprecht von „Lernmomenten“ statt von „Fehlern“. Das verändert die Haltung und senkt die Hemmschwelle.
  • Vorbild sein: Führungskräfte sollten eigene Fehler offen teilen. Das schafft Vertrauen und ermutigt andere, ebenfalls ehrlich zu sein. Dabei muss niemand demütig einen Fehler zugeben, sondern sollte souverän dazu stehen, dass Fehler zum Leben dazugehören.

Fehlerkultur als Teil von Resilienz

Fehlerkultur ist eng mit Resilienz  verbunden. Wer Rückschläge nicht als Katastrophe, sondern als Lernchance sieht, bleibt handlungsfähig und motiviert. Gerade im tierärztlichen Alltag, der oft von hoher Belastung geprägt ist, kann eine positive Fehlerkultur helfen, Stress zu reduzieren und das Team zu stärken.

Fazit

Fehler sind keine Endstation, sondern Wegweiser. Sie zeigen uns, wo wir nachjustieren dürfen, wo wir wachsen können. Wer eine positive Fehlerkultur lebt, schafft Raum für Entwicklung – persönlich wie im Team. Erfolg entsteht nicht trotz, sondern durch Fehler.

Der nächste Schritt auf unserem Weg ist also nicht, Fehler zu vermeiden, sondern sie als wertvolle Begleiter zu akzeptieren. Denn nur wer stolpert, lernt, wieder aufzustehen – und geht am Ende gestärkt weiter.