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Arzneimittelrückstände in der Umwelt entwickeln sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Problem. In Deutschland wurden bereits mehr als 150 verschiedene Wirkstoffe in Gewässern, Böden und anderen Umweltkompartimenten nachgewiesen. Häufig lässt sich dabei jedoch nicht eindeutig unterscheiden, ob diese Rückstände aus der Anwendung beim Menschen oder bei Haus- und Nutztieren stammen, denn viele Wirkstoffe werden in beiden Bereichen eingesetzt.
Dennoch ist die Gefahr für die Umwelt, die von Tierarzneimitteln ausgeht, nicht zu unterschätzen. Gerade Antiparasitika und Antibiotika haben nicht nur einen großen Marktanteil am Tierarzneimittelmarkt, sondern sind auch maßgeblich an den negativen Auswirkungen von Arzneimitteln auf die Umwelt beteiligt.
Doch was kann man tun, um diese Auswirkungen so gering wie möglich zu halten und wie kommen Arzneimittel eigentlich in die Umwelt?
Wie kommen Arzneimittel in die Umwelt?
Rückstände von Tierarzneimittelwirkstoffen, ihrer Metabolite sowie Transformationsprodukte gelangen nach der Verabreichung vor allem über Ausscheidungen in die Umwelt. Bei Tieren spielt dabei vor allem das Ausbringen von Gülle und Mist behandelter Nutztiere auf Felder eine große Rolle. Aber auch durch Ausscheidung von behandelten Weidetieren können Wirkstoffe in den Boden und Gewässer eingetragen werden.
Schon gewusst?
Auch bei bestimmungsgerechter Verabreichung eines Tierarzneimittels werden die Wirkstoffe zu 40-90% wieder ausgeschieden.
Je nach Substanz- und Standorteigenschaften verhalten sich Tierarzneimittelrückstände sehr unterschiedlich. Während sich Tetrazykline beispielsweise eher im Oberboden anreichern, gelangen Sulfonamide eher in das oberflächennahe Grundwasser und können somit potenziell auch im Trinkwasser vorkommen.
Ob und wie schnell sich die Arzneimittel dann abbauen, ist auch sehr vom Wirkstoff selbst abhängig. Im Boden können sie beispielsweise durch Mikroorganismen abgebaut werden. Lagern sie sich jedoch an Bodenpartikel an, sind sie vom Abbau organischer Mikroorganismen weitestgehend ausgeschlossen und können sich unter Umständen bei erneuter organischer Düngung anreichern.
Unsachgemäße Entsorgung
Als Eintragsquelle humanmedizinischer Wirkstoffe in die Umwelt spielen neben den Ausscheidungen behandelter Menschen auch die unsachgemäße Entsorgung von Medikamenten über das Abwasser eine wichtige Rolle.
Auswirkungen von Arzneimitteln in der Umwelt
Aufgrund der großen Anzahl und dem breiten Wirkspektrum von Tierarzneimitteln sind die von ihnen ausgehenden Umweltwirkungen schwer abschätzbar. Wie schon erwähnt sind hier allerdings vor allem Antibiotika, Antiparasitika und hormonell wirkende Stoffe umweltrelevant. Für einige dieser Wirkstoffe belegen Laborstudien bereits negative Auswirkungen wie Wachstumshemmungen oder Verschiebungen der Artenzusammensetzung. Allerdings muss man hierbei erwähnen, dass die Laborergebnisse nur einen Hinweis auf Wirkungen in der Umwelt liefern. Da in der Realität eine Vielzahl möglicher Wirkstoffkombinationen möglich ist, lässt sich nicht genau sagen ob und ab welcher Konzentration sich verschiedene Wirkstoffe beispielsweise in ihrer Wirkung verstärken.
Beispiele für Umweltwirkungen von Tierarzneimitteln
- Antiparasitika mit Pyrethroiden wirken hoch toxisch auf Bienen.
- Das zur Brunstsynchronisation von Schweinen eingesetzte Hormon Altrenogest hat vor allem auf die Reproduktion von Fischen einen großen Effekt. Hier bewirkt es nämlich eine Verschiebung der Geschlechterverteilung hin zu männlichen Fischen.
- Antibiotika können sich auf die Zusammensetzung von Mikroorganismen in Böden auswirken, was folglich auch die Bodenfruchtbarkeit beeinflussen kann.
Umweltrisikobewertung vor Zulassung
Damit die Auswirkungen von Tierarzneimitteln auf die Umwelt möglichst geringgehalten werden, wird in Deutschland eine Umweltrisikobewertung als Teil des Zulassungsverfahrens für neue Medikamente durchgeführt. Hierbei wird zunächst geprüft, ob ein Wirkstoff umweltrelevant ist. Ist dies der Fall, wird im nächsten Schritt bewertet, ob seine Anwendung Risiken für Boden-, Grund- oder Oberflächenwasserorganismen verursachen kann. Liegt die erwartete Umweltkonzentration unterhalb der Schwelle ohne erwartete Effekte, gilt das Mittel bei sachgemäßer Anwendung als unbedenklich. Lassen sich Risiken nicht ausschließen, fließen sie in die Nutzen-Risiko-Abwägung ein: Überwiegt das Umweltrisiko den therapeutischen Nutzen, kann die Zulassung verweigert werden; überwiegt der Nutzen, erfolgt eine Zulassung mit Risikominderungsmaßnahmen. Diese Maßnahmen sollen den Eintrag in die Umwelt reduzieren und sind in den Produktinformationen aufgeführt.
Was können Tierärzt*innen tun?
In einer Broschüre des Umweltbundesamtes werden Tierärzt*innen auf Möglichkeiten hingewiesen, wie sie als Berufsgruppe die Umwelt vor Arzneimittelrückständen schützen können. Zu den genannten Maßnahmen zählen:
1. Tierarzneimitteleinsatz reduzieren
Durch optimale Haltungsbedingungen wie passende Gruppengrößen, gute Belüftung, Temperatur, Stallhygiene, sowie sauberes Wasser und Futter können Krankheiten vermieden und der Arzneimitteleinsatz reduziert werden.
2. Immunsystem der Tiere stärken
Eine gute Kolostrumversorgung, ein angemessenes Stallklima und gezielte Impfstrategien fördern die Immunität und verbessern die Tiergesundheit nachhaltig. Folglich müssen weniger Medikamente eingesetzt werden.
3. Gesundheitsmonitoring
Die regelmäßige Auswertung von Gesundheits- und Leistungsdaten unterstützt die frühzeitige Erkennung von Problemen, reduziert Ansteckungsgefahren und mindert den notwendigen Arzneimitteleinsatz.
4. Alternativen nutzen
Phytotherapeutika, Zusatzstoffe oder homöopathische Präparate können – abhängig von gutem Gesundheitsmanagement – zur Unterstützung von Heilungsprozessen beitragen.
5. One-Health-Ansatz anwenden
Landwirtschaft, Human- und Tiermedizin arbeiten zusammen, um gesundheitliche Risiken ganzheitlich zu managen, Umwelt zu schützen und Krankheitsübertragungen vorzubeugen.
6. Umweltaspekte bei der Arzneimittelverordnung berücksichtigen
Eine geeignete Darreichungsform (z. B. Granulat statt Pulver) kann Wirkstoffverschleppung reduzieren. Die richtige Dosierung, Anwendung, Lagerung und Entsorgung gehören dabei zur tierärztlichen Beratung und können maßgeblich zur Reduzierung von Arzneimittelrückständen in der Umwelt beitragen.
7. Umweltnebenwirkungen melden
Verdachtsfälle von ökologischen Nebenwirkungen sollten dem Pharmakovigilanzsystem gemeldet werden, da viele Umweltrisiken noch unzureichend bekannt sind.
Aber nicht nur Tierärzt*innen können Maßnahmen treffen, um Arzneimitteleinträge in die Umwelt zu reduzieren. Auch Landwirt*innen können durch gezielte Güllebehandlung wie Kompostierung oder Vergärung in Biogasanlagen die Konzentration von Tierarzneimitteln in der Gülle senken. Folglich gelangen bei organischer Düngung weniger Wirkstoffe auf Felder.
Zuletzt zählt auch der Beitrag jedes Einzelnen: Hygiene und ein gesunder Lebensstil können Infektionen und damit den Bedarf an Arzneimitteln reduzieren – nicht nur in der Tier-, sondern auch in der Humanmedizin. Eine korrekte Entsorgung von Altarzneimitteln ist dabei genauso wichtig, um Umweltbelastungen zu vermeiden.
Umwelt-Checkliste
Um Tierärzt*innen beim Einsatz von Arzneimitteln unter Umweltgesichtspunkten zu unterstützen hat, das Umweltbundesamt eine Checkliste erstellt. Diese finden Sie hier:
Veterinärmedizin, Tierarzneimittel, Umwelt – Wie kann die Tiermedizin Einträge vermindern?
Fazit
Arzneimittelrückstände in der Umwelt stellen ein relevantes Risiko dar, das nur durch ein verantwortungsvolles und vorausschauendes Handeln wirksam reduziert werden kann. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Tiermedizin: Durch ein präventives Gesundheitsmanagement lassen sich Erkrankungen vermeiden, sodass weniger Tierarzneimittel eingesetzt werden müssen und folglich auch weniger Rückstände in die Umwelt gelangen. Jede vermiedene Verordnung trägt unmittelbar dazu bei, den Eintrag von Arzneimitteln wie Antibiotika in Böden und Gewässer zu minimieren und damit der Entwicklung und Verbreitung von Antibiotikaresistenzen entgegenzuwirken.
Um diese Herausforderung nachhaltig zu bewältigen, bedarf es eines ganzheitlichen, sektorübergreifenden „One Health“-Ansatzes, der Mensch, Tier, Pflanzen und Umwelt gleichermaßen berücksichtigt.
Mehr zu dem Thema
Sie interessieren sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz im tiermedizinischen Bereich? Dann schauen Sie doch einmal bei unseren Blog-Beiträgen von VetsForLife, einem Verein für nachhaltige Tiermedizin, vorbei:
Quellen (nach Angaben von):
Arzneimittelrückstände in der Umwelt | Umweltbundesamt
Veterinärmedizin, Tierarzneimittel, Umwelt – Wie kann die Tiermedizin Einträge vermindern?
FAQ: Antibiotika und Antibiotikaresistenzen in der Umwelt | Umweltbundesamt
(JD)


