
Die Schönheit eines Pferdes wird oft auch durch seinen Schweif gemessen. Doch nicht jedes Pferd besitzt von Natur aus eine vollen, kräftigen Schweif und so boomt der Markt für Schweiftoupets und Schweifextensions. Aber wie unbedenklich sind solche Hilfsmittel wirklich und sind sie überhaupt gerechtfertigt?
Aufbau und Funktion des Pferdeschweifs
Der Schweif ist viel mehr als nur ein Schönheitsmerkmal: Anatomisch besteht er aus Wirbeln, einer filigranen Muskulatur und Faszien, Nerven sowie Gefäßen und ist mit Haut inklusive deren Anhangsorgane (Haarfollikel und Langhaar) ummantelt. Dabei ist der Pferdeschweif nicht nur selbst sensibel innerviert, in ihm läuft auch das Rückenmark fächerförmig aus. Er dient somit der Lokomotion, Balance, Abwehr und letztlich der Kommunikation. Beispielsweise können Pferde ihren Artgenossen mit dem Schweif zu drohen, Stress und Schmerz und viele andere soziale Signale auszudrücken. Je länger das Schweifhaar gewachsen ist, umso besser können Fliegen mit dem Schweif abgewehrt werden. In Wendungen, beim Springen und Anfahren dient er der Balance und spielt letztlich über das Abfragen seiner Reflexe auch in der neurologischen Diagnostik immer wieder eine Rolle.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Anbringen von Schweiftoupets oder Schweifextensions die anatomischen Strukturen des Pferdes schädigen kann oder ob diese Hilfsmittel die Lokomotion und Balance des Tieres beeinträchtigen.
Was sind Schweiftoupets und Schweifextensions?
Schweiftoupets und -extensions bestehen in der Regel aus echtem Pferdehaar, teils aber auch aus künstlichem Material. Sie werden in den vorhandenen – meist kurzen oder dünnen – Schweif eingeflochten, um vor allem einen optisch volleren, ästhetischeren Schweif zu erzeugen. Je nach Bedarf sollen sie Volumen, Länge oder auch Dichte des natürlichen Schweifs ergänzen. Eingesetzt werden sie vor allem vor Wettkämpfen, Zuchtveranstaltungen oder Shows.
Bei Extensions handelt es sich – vergleichbar mit den auch für Menschen erhältlichen Haarsträhnen – um zusätzliche Schweifhaare, die dauerhaft eingeflochten werden und im Schweif verbleiben, bis sie herausgewachsen sind oder sich von selbst lösen. Sie erscheinen meist natürlicher und sind deutlich leichter als Schweiftoupets. Schweiftoupets bestehen aus einem kompletten Schweifteil und bringen je nach Anbieter rund 250–680g (manchmal bis zu 900g,) auf die Waage. Aufgrund dieses höheren Gewichts sollen Toupets nur kurzfristig im Schweif verbleiben.
Sowohl die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) als auch die Fédération Equestre Internationale (FEI) erlauben den Einsatz von Extensions und Toupets – vorausgesetzt, sie sind sicher angebracht, dienen nicht der Beschwerung des Schweifs und es liegt eine sog. Dispens (Ausnahmebewilligung) vor [1, 2]).
Potenzielle Schädigungen
Und dennoch: Nur weil diese Schweifteile nicht verboten sind – bedeutet das wirklich, dass sie kein Risiko darstellen und unseren Pferden nicht schaden können? Aus Studien zu Haarverlängerungen (Extensions) beim Menschen ist bekannt, dass vor allem die sog. Traktionsalopezie zu den häufigsten Komplikationen zählt. Sie entsteht durch die dauerhafte Zugbelastung an den Haarfollikeln, die zu Haarverlust und Schädigungen der Kopfhaut führen kann. Auch kommt es regelmäßig zu Haarbruch oder einer Schädigung der Haarstruktur [3, 4]. Mit einer Schädigung der Haut durch direkten Kontakt (wie beim Menschen beschrieben) ist beim Pferd wahrscheinlich nicht zu rechnen, da die Schweifteile nur eingeflochten, nicht aber angeklebt werden. Dennoch bleibt die Frage, ob sie mit Chemikalien (etwa Pestiziden) behandelt sind und hierdurch schädlich wirken [3, 4]. Laut der verschiedenen Anbieter gelten die Produkte für das Pferd als unbedenklich. Dabei fehlen neutrale, wissenschaftliche Untersuchungen.
Insbesondere Schweiftoupets könnten die Schweifhaltung aufgrund ihres teils erheblichen Eigengewichts beeinflussen. Der Schweif schwingt bei jeder Bewegung der Wirbelsäule mit [5]; zusätzliches Gewicht könnte daher die natürliche Haltung verändern. Denkbar wäre in der Folge auch eine Veränderung der Bewegung und Balance des Pferdes. Fraglich ist, wie lange ein Toupet oder Extensions getragen werden müssten und welches Gewicht erforderlich wäre, um tatsächlich eine solche Veränderung hervorzurufen. Wissenschaftliche Untersuchungen hierzu liegen bislang nicht vor. Auch ist nicht wissenschaftlich untersucht, ob in die Haltung oder Stellung des Schweifs tatsächlich so stark eingegriffen wird, dass damit die innerartliche Kommunikation zwischen Pferden beeinflusst werden kann.

Ganz eindeutig regelt §3 des Tierschutzgesetzes [6], dass es verboten ist, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Sollten Toupets oder Extensions dem Pferd tatsächlich schaden, wäre ihr Einsatz daher rechtlich problematisch – denn rein ästhetische Gründe stellen verständlicherweise keinen vernünftigen Grund dar. Dieser wäre stattdessen gegeben, wenn etwa durch eine Amputation der Schweifrübe nicht mehr genug Schweifhaar gebildet werden kann, um beispielsweise Insekten zu vertreiben.


Was bleibt, ist Forschungsbedarf
Um die Frage der (Un-)Bedenklichkeit von Schweiftoupets und -extensions beantworten zu können, bedarf es zuallererst also Grundlagenforschung. Die Liste möglicher Forschungsfragen ist lang und könnte entsprechend der bisherigen Überlegungen z.B. beinhalten:
- Welche Zugkräfte wirken auf Haarfollikel bzw. die Haut?
- Treten Hautirritationen, Dermatitiden oder Follikulitiden durch das Anbringen auf?
- Welche der verwendeten Materialien sind am hautverträglichsten?
- Verändern Schweiftoupets und -extensions die Wirbelsäulenkinematik?
- Genauer: Verändert zusätzliches Gewicht die Schweifbewegung im Schritt, Trab und Galopp und wenn ja, in welchem Ausmaß?
- Lösen Toupets/Extensions messbare Schmerzreaktionen aus?
- Gibt es langfristige Veränderungen an Nerven oder Muskulatur der Schweifrübe?
- Beeinflussen Toupets/Extensions die soziale Kommunikation in der Herde?
- Wird die Fliegenabwehr durch Toupets/Extensions verbessert oder verschlechtert?
Take-Home-Message – oder:
Kommt es am Ende nicht auf etwas ganz anderes an?
Wirkliches Wissen über die Schädigung und Beeinträchtigungen durch Schweiftoupets und -extensions liegt derzeit so gut wie nicht vor. Zunächst ist Grundlagenforschung gefragt. Vielleicht ist das eigentliche Problem aber auch ein ganz anderes: Darf wirklich alles sein, nur weil es nicht ausdrücklich verboten ist? Brauchen wir Schweifteile tatsächlich, um unsere Pferde zu „verschönern“ – und vor allem: Werden sie durch das Einflechten fremder Schweifhaare überhaupt schöner?
Sollten wir unsere Pferde nicht lieber als das sehen, was sie sind – keine Modepuppen, die nach unserem ästhetischen Empfinden „optimiert“ werden müssen, sondern Lebewesen mit eigenem Erscheinungsbild und individueller Persönlichkeit? Liegt nicht genau darin die eigentliche Problematik?
Dr. Susanne Pichon, Eibelstadt
- Trahe J. Schweiftoupets. Bestätigung der FN. ellys-team.de/media/pdf/Erlaubnis.pdf
- FEI Dressage. FEI Tack and Equipment Requirements. Fédération Equestre Internationale, Lausanne, 2026; 1-4. inside.fei.org/sites/default/files/Tack%20%20Equipment%20Requirements%20-%20Dressage_1.pdf
- Sydorchuk O, Yi K H. Hair Extensions: Anatomic, Biological, and Clinical Implications in Alopecia. J Cranio Surg Open 2026; 4(1):e0051. DOI: 10.1097/SC9.0000000000000051
- Franklin ET, Favela K, Spies R et al. Identifying Chemicals of Health Concern in Hair Extensions Using Suspect Screening and Nontargeted Analysis. Environment & Health Article ASAP. pubs.acs.org/doi/10.1021/envhealth.5c00549. DOI: 10.1021/envhealth.5c00549
- Salomon W. Kruppe (Kreuzbein) und Schweif. In: Salomon W, Hrsg. Die energetische Behandlung des Pferdes. 6., unveränderte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2024
- Bundesamt für Justiz. Tierschutzgesetz §3. www.gesetze-im-internet.de/tierschg/__3.html


