Inhalt

Deprivation bedeutet „Mangel“ und beschreibt die Situation, in der ein Hund nicht ausreichend mit wichtigen Erfahrungen bzw. Reizen konfrontiert wurde. Welche Diagnostik ist sinnvoll und welche therapeutischen Maßnahmen stehen zur Verfügung?
Diagnostik
Wenn ein Deprivationssyndrom vorliegt, handelt es sich um eine echte Verhaltensstörung, aber nicht jeder Hund mit einer erhöhten Angst- und/oder Aggressionsbereitschaft bzw. nicht jeder Hund, der eine der zuvor genannten Verhaltensauffälligkeiten zeigt, leidet an einem Deprivationssyndrom.
Eine Problematik, die sich schon in der Beschreibung der Verhaltensauffälligkeiten zeigt, ist die Definition von „erhöht“ oder „hyper“. Hierbei gibt es keinen international einheitlichen Konsens, sodass derartige Attribute großen individuellen Unterschieden unterworfen sind und vom Wissensstand des Betrachters, dessen Erfahrungen, aber auch dessen Erwartungen an „erwünschtes Hundeverhalten“ abhängen.
Merke
Eine ausführliche verhaltensmedizinische Anamnese und klinische Untersuchung sind grundsätzlich nötig, um ein Deprivationssyndrom mit einigermaßen hoher Sicherheit zu diagnostizieren.
Klinische Abklärung
Erkrankungen, die zu Unwohlsein führen (z. B. schmerzhafte Zustände und/oder eine hormonelle Imbalance), können neben reduziertem Wohlbefinden auch die Toleranzgrenzen für Stress und damit für das Zeigen von aggressivem Verhalten senken [19], [20].
Eine klinische Abklärung umfasst:
- einen vollständigen Gesundheitscheck inkl. einer kompletten Herz-/Kreislauf-Untersuchung
- eine Blutuntersuchung inkl. Schilddrüsenprofil sowie Bestimmung von Serotonin, B6, B9 und B12
- eine neurologische Untersuchung
- die Abklärung von akuten und/oder chronischen Schmerzen
Verhaltensmedizinische Anamnese
Es gibt validierte Fragebögen, die Besitzer*innen ausfüllen können, und entsprechende praktische Testverfahren. Dabei handelt es sich um generelle Fragebögen zum Verhalten des Hundes und zu möglichen Problemen sowie spezielle Untersuchungen zum Aggressionsverhalten, zur Impulskontrolle oder zum Bindungsverhalten [21], [22], [23], [24], [25], [26], [27], [28], [29]. Derartige Untersuchungen sollten den im Bereich Verhalten und Verhaltensmedizin spezialisierten Kolleginnen und Kollegen vorbehalten sein.
Wichtige Punkte der verhaltensmedizinischen Anamnese sind im Kasten zusammengefasst.
Verhaltensmedizinische Anamnese
Eine verhaltensmedizinische Anamnese umfasst u. a.:
- Timeline der Problementwicklung
- aktuelle Lebensbedingungen (Fütterung, Gassigänge, generelle Tagesstrukturen)
- durchgeführte Trainingsansätze
- Herkunft des Hundes (Aufzuchtbedingungen, wenn möglich Ahnentafel der Eltern)
- Reaktionen von Menschen (speziell der Besitzer) und anderen Hunden auf das Verhalten des Problemhundes
- soziale Kompetenz, Toleranzgrenzen für Angst, Stress und Frustration sowie Lernfähigkeit des Hundes
Trotz dieser validierten Tools ist es im Einzelfall schwierig, bei einem Hund einen Deprivationsschaden eindeutig von einem Deprivationssyndrom abzugrenzen. Ein Hund, der in einem Tierheim in Südosteuropa aufgewachsen ist, mit 6 – 12 Monaten nach Deutschland in einen Privathaushalt in einer Stadt kam und jetzt Angst- und ggf. Aggressionsprobleme zeigt, hat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit einen Deprivationsschaden (aufgrund der Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen als Welpe und Junghund, an die der Hund angepasst war, zu seinen aktuellen Lebensbedingungen). Aber dass er auch morphologisch-physiologische Abweichungen im Gehirn aufweist – also ein Deprivationssyndrom vorliegt –, muss nicht zwangsläufig der Fall sein. Letztendlich muss nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen werden, indem die diagnostischen Tools aus dem klinischen und dem verhaltensmedizinischen Bereich möglichst umfänglich angewandt werden und ein Therapieversuch gestartet wird.
Eine Auffälligkeit, die mehr für ein Deprivationssyndrom als für einen Deprivationsschaden spricht, ist eine reduzierte Lernfähigkeit. Während der postnatalen Entwicklung findet das Pruning auch in den Gehirnbereichen statt, die für die Gedächtnisbildung essenziell sind, wie z. B. dem Hippocampus [30]. Das Gehirn lernt quasi zu lernen. Sensorische Deprivation verhindert das Pruning und es resultiert ein weniger lernfähiges Gehirn. Diese Problematik macht sich meist erst in/nach der Pubertät bemerkbar.
Therapie bzw. Therapieversuch
Training und Anpassung der Lebensbedingungen
Training ist – neben der Behandlung möglicher klinischer Grundleiden und einer Therapie mit Psychopharmaka – ein essenzieller Bestandteil der Therapie. Parallel müssen ggf. die aktuellen Lebensbedingungen (Tagesstruktur, Management) verändert/angepasst werden [Abb. 1]. Bei Ratten, die postnatal starkem Stress ausgesetzt waren und später eine hohe Angstbereitschaft und/oder Depression zeigten, konnten diese Auffälligkeiten durch eine angereicherte Umwelt im Erwachsenenalter erkennbar reduziert werden [31].

Merke
Training und Management haben das Ziel, das subjektive Sicherheitsgefühl des Hundes zu stärken.
Mögliche Trainingsansätze, die den Besitzer*innen in einem detaillierten Trainingsplan vermittelt und ggf. praktisch mit ihnen geübt werden müssen, sind im Kasten zusammengefasst.
Zeigt der Hund keine oder nur sehr langsame Verbesserungen durch das Training innerhalb einer prognostizierten Zeit, ist von einer reduzierten Lernfähigkeit auszugehen und dies würde für ein Deprivationssyndrom sprechen. Eine Prognose für eine Verbesserung muss vorsichtig gegeben werden und ist abhängig von der Anamnese und den Reaktionen des Hundes bei praktischen Tests. Es gibt hier keine „Abhakliste“. Um Besitzer*innen nicht zu sehr zu frustrieren, sollte für erste kleine Verbesserungen ein Zeitrahmen von 4 Wochen angesetzt werden. Die Besitzer*innen müssen darauf hingewiesen werden, dass damit wirklich nur erste kleine Veränderungen gemeint sind.

Auch dieses Diagnosekriterium ist jedoch nicht unbedingt eindeutig: Verbesserungen durch Training sind davon abhängig, wie gut und vor allen Dingen regelmäßig der Besitzer*innen das Training durchführt. Eine Verlaufskontrolle sollte engmaschig erfolgen (in 1- bis 2-wöchigen Abständen), und der Trainingsplan muss entsprechend der Erfolge oder Nicht-Erfolge regelmäßig angepasst werden. Der Besitzende braucht eine hohe Bereitschaft und die finanziellen Mittel, sich darauf einzulassen. Die Zusammenarbeit mit einem gut ausgebildeten und nach aktuellem Stand der Wissenschaft arbeitenden Trainer/Trainerin ist sinnvoll.
Trainingsansätze
- Signale für die Alltagstauglichkeit, z. B. Aufmerksamkeit auf den Besitzenden, Rückruf, stationäre Positionen wie Sitzen oder Liegen und ggf. in dieser Position Verbleiben (derartige Signale können eine wichtige Rolle beim Management spielen)
- klassische und/oder operante Gegenkonditionierung gegenüber Angst und Aggressionsverhalten auslösenden Stimuli, mit parallel trainierten alternativen Bewältigungsstrategien bei Auftreten der Stimuli
- Gedulds- und Entspannungsübungen, die parallel auch bindungsfördernd sind
- Übungen, um die Frustrationstoleranz und die Erregungskontrolle zu verbessern; hierzu gehören auch Übungen zur Körperkontrolle [Abb. 2]
Medikation
In beiden Fällen – Deprivationsschaden und Deprivationssyndrom – ist eine Medikation mit Psychopharmaka sinnvoll. Dadurch wird nicht nur der Trainingserfolg beschleunigt und damit die Compliance der Besitzer*innen verbessert, sondern auch das Leiden des Hundes gelindert.
Laut Erfahrungen der Autorin kann es bei einem Deprivationsschaden bei einem gut mitarbeitenden Besitzenden mit Training und medikamenteller Unterstützung bis zu 6 Monate dauern, bis sich deutliche Erfolge einstellen. Bei einem Deprivationssyndrom kann diese Zeitspanne 3-mal so lange sein und die Lernkurve kann insgesamt – auch später – sehr flach bleiben.
Alternative Verfahren
Neben allopathischen Psychopharmaka können alternative Medikationen wie Nahrungsergänzungsmittel oder Homöopathika eingesetzt werden. Ebenso können Massage, Tellington-Touch und generell physiotherapeutische Übungen hilfreich sein. Nach Erfahrung der Autorin sind Besitzer*innen oft gegen einen sofortigen Einsatz echter Psychopharmaka. Alternative Verfahren werden zunächst besser angenommen und damit dann auch eher durchgehalten. In Einzelfällen können sie – neben dem Training – auch ausreichen. Den Besitzer*innen muss jedoch verdeutlicht werden, dass sie „um Training nicht herumkommen“, weil die Substanzen an sich keinen direkt heilenden Effekt haben. Die Besitzer*innen müssen außerdem darüber aufgeklärt werden, dass ggf. doch – nach einer bestimmten Zeit (u. U. wenigen Wochen) und Evaluierung des Trainingserfolgs – von Nahrungsergänzungsmitteln auf allopathische Psychopharmaka umgestellt werden muss. Sie müssen auch darauf vorbereitet werden, dass man sie nach deren Einsatz zum Ende der Medikation ausschleichen muss. Im Ausschleichprozess können dann alternative Wirkstoffe wiederum hilfreich sein.
[Tab. 1] gibt einen kurzen Überblick über die zur Verfügung stehenden alternativen Medikationen. In [Tab. 2] sind die zur Verfügung stehenden allopathischen Psychopharmaka aufgelistet. Vor jeder Anwendung wird empfohlen, sich intensiver und auf den Patienten bezogen mit möglichen Nebenwirkungen und Kontraindikationen zu befassen.
| Wirkstoff | Effekt | Handelsname | zu beachten | Quellen |
|---|---|---|---|---|
| Dog Appeasing Pheromone | Beruhigung | Adaptil (Spray, Halsband oder Verdampfer) | - | [32] |
| L-Tryptophan | Vorstufe von Serotonin, die Effektivität hinsichtlich Entspannung wird in der Literatur unterschiedlich diskutiert | L-Tryptophan ist enthalten z. B. in: Adaptil Chews, Sedarom, diversen Ergänzungsfuttermitteln und auch als Reinsubstanz erhältlich | Risiko der Überdosierung aufgrund des neurotoxischen Effekts vom Abbauprodukt Kynurenin; es sollte genau nach Herstellerangaben dosiert werden | [33], [34] |
| L-Theanin | Entspannung, Beruhigung | L-Theanin ist enthalten z. B. in: Anxitane, Telizen und als Reinsubstanz erhältlich | - | [35] |
| Homöopathika in Kombination: Passiflora incarnata, Coffea arabica, Avena sativa, Zincum isovalerianicum | Entspannung, Beruhigung, Senkung des Kortisolspiegels und der Gastrinproduktion | Nurexan | - | [36] |
| α-Casozepin | Entspannung, Beruhigung | α-Casozepin ist enthalten in: Zylkene, Zylkene Plus | - | [37] |
| Melatonin | Entspannung, besonders wenn Hunde nur wenige Ruhephasen haben | Humanpräparate | Humanpräparate können Xylit enthalten!, Dosierung: 3 mg/10 kg 1 × tgl. | [38] |
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Prognose
Die Besitzer*innen von Hunden mit Deprivationssyndrom müssen verstehen, dass durch die Therapie keine Sozialisation „nachgeholt“ werden kann. Die Hunde werden ggf. ihr Leben lang auf bestimmte Stimuli empfindlich und mit Angst, Stress und u. U. Aggressionsverhalten reagieren. Sie werden sich eventuell nur an ein gewisses Kontingent an Menschen und Hunde gewöhnen können, um angstfrei und mit einer gewissen sozialen Kompetenz mit diesen zu interagieren. Eine generelle Sozialisation an Menschen und Hunde an sich ist meist ebenso wenig möglich wie eine generelle Habituation an diverseste Umweltreize. Die Besitzer*innen müssen darüber aufgeklärt werden, dass sie für eine lange Zeit Management und Training beibehalten müssen.
Fazit
Hunde mit Verhaltensauffälligkeiten, die das Resultat eines Deprivationsschadens oder eines Deprivationssyndroms sein können, benötigen eine intensive klinische und verhaltensmedizinische Anamnese. Das Zusammenleben mit solchen Hunden ist für Besitzer*innen anstrengend und für die Hunde besteht ein reduziertes Wohlbefinden. Mögliche Therapieansätze stellen oft zunächst diagnostische Therapien dar und die Umsetzung durch die Besitzer*innen sollte engmaschig überwacht werden.
ATF-Fortbildung
Der Artikel „Das Deprivationssyndrom beim Hund“ gibt einen Überblick über die Erkrankung und thematisiert Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie.
Der Originalbeitrag steht als kostenpflichtige ATF-Fortbildung zur Verfügung (für VetCenter- und Kleintier konkret-Abonennt*innen frei): Thieme CME
Dies ist ein Auszug aus dem Originalbeitrag:
Schöning B. Das Deprivationssyndrom beim Hund. kleintier konkret 2025; 28(06): 39 - 49. doi:10.1055/a-2595-2082
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