Journal ClubHaben brachyzephale Hunde ein höheres Risiko für die Entwicklung von Epilepsie?

Ob Brachyzephalie bei Hunden einen Risikofaktor für die Entwicklung von Epilepsie darstellt, untersuchte eine Studie. Lesen Sie hier mehr über die Ergebnisse und die Bedeutung für die Praxis.

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Eine Französische Bulldogge liegt auf einer Decke. Sie schaut aufmerksam in die Kamera und hat helles Fell. Um den Hals ist ein Halsband angelegt. Das Halsband ist lila und mit einem kleinen Anhänger ausgestattet.
K.Oborny/Thieme
Die International Veterinary Epilepsy Task Force spricht für die diagnostische Aufarbeitung von Hunden mit Epilepsie klare Empfehlungen aus. - Symbolbild

Epilepsie bei Hunden

Die Epilepsie stellt bei Hunden einen der häufigsten neurologischen Vorstellungsgründe dar, die Prävalenz für die haustierärztliche Praxis wird mit 0,62 – 0,82% angegeben. Diese Erkrankung beruht auf einer anhaltenden Prädisposition des Gehirns zur Entwicklung epileptischer Anfälle, wobei die Ursachen mannigfaltig sind. Man unterscheidet jedoch grob zwischen idiopathischer Epilepsie und struktureller Epilepsie. Letztere entsteht, wenn aufgrund struktureller Veränderungen des Gehirns (z. B. einer Neoplasie oder einer Entzündung) epileptische Anfälle auftreten. Dagegen findet sich bei der idiopathischen Epilepsie keine anhand von diagnostischen Maßnahmen greifbare Ursache. Eine Ausnahme bilden wenige Hunderassen mit nachgewiesenem, anfallsverursachendem Gendefekt (z. B. der Lagotto Romagnolo). Epileptische Anfälle aufgrund von metabolischen Störungen oder Vergiftungen werden als reaktive epileptische Anfälle bezeichnet und erfüllen per definitionem nicht die Kriterien einer Epilepsie, da das Gehirn selbst nicht erkrankt ist und lediglich eine (oft reversible) stoffwechselbedingte Funktionsstörung aufweist.

Diagnostische Aufarbeitung nach den Richtlinien der International Veterinary Epilepsy Task Force

Hinsichtlich der diagnostischen Aufarbeitung von Patienten mit Epilepsie gibt die International Veterinary Epilepsy Task Force klare Empfehlungen. Patienten, die ihren 1. epileptischen Anfall in einem Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren zeigen und eine unauffällige, interiktale neurologische Untersuchung aufweisen, stehen im Verdacht einer idiopathischen Epilepsie, weswegen die weiterführende Aufarbeitung dieser Patienten mittels Magnetresonanztomografie und Liquoranalyse nicht zwingend empfohlen wird. Darüber hinaus sollten folgende Kriterien Anlass zu weiterführenden Untersuchungen geben:

  • Auftreten eines Status epilepticus oder von Clusteranfällen
  • therapieresistente idiopathische Epilepsie mit Ausdosierung eines antikonvulsiven Medikaments

Bislang wurden brachyzephale Rassen nicht gesondert innerhalb dieser Kriterien berücksichtigt, obwohl diese erfahrungsgemäß auch im typischen Alter des Erkrankungsbeginns eines idiopathischen Epileptikers vermehrt strukturelle Gehirnerkrankungen (z. B. Meningoenzephalitis unklarer Ursache, Gliazelltumoren) aufweisen.

Studiendesign und Ergebnisse

In die Studie inkludiert wurden Hunde, die zwischen Januar 2015 und Dezember 2020 aufgrund mehrfacher, generalisierter epileptischer Anfälle vorgestellt und einer MRT-Untersuchung des Gehirns unterzogen wurden. Es mussten Angaben zum Signalement des Patienten, zur medizinischen Vorgeschichte und zur initialen neurologischen Untersuchung vorliegen. Patienten wurden ausgeschlossen, wenn relevante Abnormitäten bei vorangegangenen Blutuntersuchungen festgestellt wurden (mögliche reaktive epileptische Anfälle).

Die vorhandenen Patienten wurden anhand der Rasse in eine brachyzephale und eine nicht-brachyzephale Gruppe sowie darauffolgend hinsichtlich ihres Alters bei Auftreten der epileptischen Anfälle gemäß den Vorgaben der International Veterinary Epilepsy Task Force eingeteilt. Die MRT-Aufnahmen dieser Hunde wurden durch einen zertifizierten Neurologen und Radiologen (Diplomates) gesichtet und in Zusammenschau mit den Daten aus Signalement, medizinischer Vorgeschichte und neurologischer Untersuchung wurden folgende mögliche Diagnosen gestellt: idiopathische Epilepsie, intraaxiale Neoplasie, extraaxiale Neoplasie, entzündliche Erkrankung, kongenitale Malformation, toxische/metabolische Ursachen, Trauma, vaskuläre Erkrankung, neurodegenerative Erkrankung.

Final konnten 111 Hunde in die Studie einfließen, wovon 34 Hunde als brachyzephal und 77 Hunde als nicht-brachyzephal klassifiziert wurden. Über die gesamte Population hinweg konnten bei 38 Hunden strukturelle Läsionen des Gehirns nachgewiesen werden, wobei 21 dieser Hunde brachyzephal und 17 Hunde nicht-brachyzephal waren. In die Altersklasse von 6 Monaten bis 6 Jahren fielen 22 brachyzephale Hunde und 43 nicht-brachyzephale Hunde. Bei den brachyzephalen Vertretern dieser Altersgruppe litten 11 Tiere unter einer idiopathischen Epilepsie, 5 unter einer entzündlichen Gehirnerkrankung und 4 unter einer intraaxialen Neoplasie. Demgegenüber litten 42 der 43 nicht-brachyzephalen Hunde unter einer idiopathischen Epilepsie, lediglich ein einziges Tier wies eine intraaxiale Neoplasie auf. Ungeachtet der Altersgruppen litten 60% der brachyzephalen Hunde unter einer strukturellen Epilepsie, während dies für nur knappe 23% der nicht-brachyzephalen Hunde der Fall war. Statistisch konnte ein signifikanter Unterschied hinsichtlich des medianen Alters bei Diagnosestellung einer strukturellen Epilepsie zwischen den brachyzephalen (60 Monate) und nicht-brachyzephalen Hunden (108 Monate) nachgewiesen werden. Darüber hinaus konnten sowohl bei brachyzephalen Hunden als auch nicht-brachyzephalen Hunden mit interiktal unauffälliger neurologischer Untersuchung strukturelle Ursachen für epileptische Anfälle identifiziert werden.

Limitationen

Eine Liquoranalyse war keine Voraussetzung für die Aufnahme eines Patienten in die Studie. Hierdurch kann es zu einer Unterschätzung der Anzahl von Patienten mit struktureller Epilepsie kommen, da nicht jede Form intrakranieller Entzündung zu sichtbaren Läsionen in der MRT führt. Da insbesondere Möpse, Französische Bulldoggen und Chihuahuas zu bestimmten Formen steriler (Meningo-) Enzephalitiden neigen, könnte die Anzahl struktureller Epileptiker insbesondere in dieser Gruppe unterschätzt worden sein. Darüber hinaus wurde lediglich bei einem Studienpatienten eine histopathologische Untersuchung des Gehirns durchgeführt, um die Diagnose zu sichern. Zusätzlich flossen in die Studie nur Patienten mit generalisierten epileptischen Anfällen ein, Tiere mit fokalen Anfallsleiden wurden von vornherein ausgeschlossen. Dieser Umstand kann zu einer Verzerrung der prozentualen Verteilung von struktureller und idiopathischer Epilepsie geführt haben.

Fazit für die Praxis

Die Brachyzephalie stellt vermutlich – neben den bereits in den Richtlinien der International Veterinary Task Force genannten Aspekten – einen Risikofaktor für die Entwicklung einer strukturellen Epilepsie dar. Entgegen den bislang geltenden Empfehlungen sollten brachyzephale Hunde mit epileptischen Anfällen, deren Erkrankungsbeginn zwischen 6 Monaten und 6 Jahren und damit im klassischen Alter für eine idiopathische Epilepsie liegt, einer weiterführenden intrakraniellen Aufarbeitung (Magnetresonanztomografie, idealerweise auch Liquoranalyse) unterzogen werden.

Originalstudie: Prodger A, Khan S, Harris G. Prevalence of structural and idiopathic epilepsy in brachycephalic and non-brachycephalic dogs in the context of the International Veterinary Epilepsy Task Force guidelines. J Small Anim Pract 2025; 66: 540 – 546

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
Für Sie gelesen: Prävalenz idiopathischer und struktureller Epilepsie bei brachyzephalen und nicht-brachyzephalen Hunden in Bezug auf die Richtlinien der International Veterinary Epilepsy Task Force. kleintier konkret 2025; 28(05): 6 - 7. doi:10.1055/a-2666-0227

Dr. Josephine Dietzel ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie Klein- und Heimtiere. Sie ist in der Neurologie an der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig tätig.

Der Originalbeitrag “Für Sie gelesen: Prävalenz idiopathischer und struktureller Epilepsie bei brachyzephalen und nicht-brachyzephalen Hunden in Bezug auf die Richtlinien der International Veterinary Epilepsy Task Force” erschien in der Kleintier konkret