DermatologieTherapiemöglichkeiten der caninen atopischen Dermatitis

Nach Diagnosestellung ist bei der atopischen Dermatitis des Hundes eine lebenslange proaktive Therapie erforderlich – doch welche Therapieoptionen gibt es?

Inhalt
Ein großer grauer irischer Wolfshund steht hechelnd m Garten, sodass man ein bisschen in sein Maul schauen kann.
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Die canine atopische Dermatitis ist eine weit verbreitete Krankheit mit vielfältigen klinischen Manifestationen.

Die atopische Dermatitis des Hundes (caD) ist eine der am weitesten verbreiteten, belastenden, chronischen und allergischen Hauterkrankungen. Sie betrifft bis zu 15% der Hunde und verursacht starken Juckreiz und Hautprobleme [1] [2]. Außerdem kann die Krankheit zu Sekundärinfektionen führen, was die Behandlung weiter erschwert [3] [4] [5]. Diese Erkrankung schränkt die Lebensqualität sowohl der Hunde als auch ihrer Besitzer*innen erheblich ein und stellt eine emotionale und finanzielle Belastung dar [6] [7]. In den letzten Jahrzehnten wurden große Fortschritte beim Verständnis dieses komplexen Syndroms erzielt. Der folgende Artikel gibt eine Übersicht über die Behandlungsmethoden der caninen atopischen Dermatitis.

Therapie

Die caD erfordert als chronische Hautkrankheit sehr oft eine lebenslange Behandlung. Die Auswahl der Therapieoptionen zur Behandlung der caD ist von verschiedenen Faktoren abhängig: dem Befinden des Tieres, dem Schweregrad der Läsionen und des Juckreizes sowie von den Präferenzen der Besitzer*innen.

Die klinischen Anzeichen und das Ansprechen auf die Therapie sind bei jedem Hund unterschiedlich, daher sollte der Behandlungsplan für jeden einzelnen Patienten individuell gestaltet werden [2]. Es sollte immer beachtet werden, dass der Juckreiz und die klinische Symptomatik jedes Hundes mit caD durch verschiedene sogenannte „Flare“ Faktoren beeinflusst werden kann, wie der Exposition gegenüber Umweltallergenen (z. B. Pollen, Schimmelpilze, Hausstaubmilben), Nahrungsbestandteilen, gleichzeitiger unkontrollierter Flohallergie und der Entwicklung von sekundären Hautinfektionen [20]. Eine häufige Fehlerquelle bei der Behandlung von caD ist das Nicht-Erkennen und -Beseitigen aller Faktoren, die zu einem Krankheitsschub führen [20]. Deshalb erfordert die Behandlung der caninen atopischen Dermatitis einen multimodalen Ansatz.

Es gibt im Allgemeinen 2 Behandlungsansätze, abgesehen von dem Versuch, das Allergen vollständig zu meiden: Die symptomatische Therapie mit verschiedenen Medikamenten oder die Therapie der Grundursache mit allergenspezifischer Immuntherapie [5]. Für die symptomatische Therapie stehen unterschiedliche Medikamente zur Verfügung, die individuell angepasst für die jeweilige Situation ausgewählt werden sollten. Der Fortschritt muss in regelmäßigen Abständen überprüft und angepasst werden.
Wie bereits erwähnt ist Juckreiz ein charakteristisches klinisches Anzeichen der caD und häufig die Hauptbeschwerde, weshalb die sofortige und anhaltende Linderung des Juckreizes ein vorrangiges therapeutisches Ziel darstellt [20]. Zusätzlich müssen eventuell vorliegende Sekundärinfektionen entsprechend behandelt werden [5].

Allgemeine entzündungshemmende und antipruritische Behandlung

Glukokortikoide sind kostengünstig, universell verfügbar und bilden seit vielen Jahren die Basis der Behandlung von allergischen Haustieren. Die potenziell schwerwiegenden systemischen Nebenwirkungen oraler und insbesondere injizierbarer Depot-Glukokortikoide wie Polyurie und Polydipsie, Polyphagie, Muskelatrophie, sekundäre Hautinfektionen oder Calcinosis cutis haben jedoch zur Entwicklung alternativer Medikamente für das Langzeitmanagement geführt [21]. Bei akuten und schwerwiegenden Schüben können Patienten jedoch von einer kurzen Anwendungsdauer oraler kurzwirksamer Glukokortikoide profitieren [5]. Eine ausbleibende Besserung der Symptomatik trotz Glukokortikoiden sollte jedoch immer dazu führen, dass alternative Diagnosen oder das Vorhandensein sekundärer Infektionen in Betracht gezogen werden [5].

Ciclosporin A (CsA) gilt als wirksame Therapie für die langfristige Behandlung der caD [5] [22]. Es hemmt intrazelluläres Calcineurin, ein Enzym, das an der Aktivierung von T-Zellen und der Transkription einer Reihe von entzündungsfördernden Zytokinen beteiligt ist [20]. CsA hat einen verzögerten Wirkungseintritt und führt zu einer Reduktion des Schweregrads der Dermatitis bei Hunden mit caD nach 4 Wochen täglicher Anwendung [23]. Bei vielen Hunden kann im weiteren Verlauf nach klinischer Remission das Anwendungsintervall auf alle 2 Tage und bei einem Viertel der Hunde auf 2-mal wöchentlich reduziert werden [24]. Die häufigsten Nebenwirkungen von CsA sind gastrointestinale Störungen (d. h. Erbrechen und Durchfall). Es kann aber auch zu Zahnfleischwucherungen, opportunistischen Infektionen mit Pilz- und/oder Mykobakterienerregern, Papillomatose und Hirsutismus kommen. Diese Nebenwirkungen klingen in der Regel mit einer Dosisreduzierung oder dem Absetzen des Medikamentes ab [25].

Oclacitinib oder Ilunocitinib sind Januskinase-Inhibitoren, die für die Behandlung des Juckreizes im Zusammenhang mit allergischer Dermatitis und für die langfristige Behandlung von caD bei Hunden zugelassen sind [26] [27]. Es handelt sich dabei um eine zielgerichtete Therapie, die selektiv Signalwege entzündungs- und juckreizfördernder Zytokine hemmt [28] [29] [30]. Im Vergleich zu Cyclosporin wirkt Oclacitinib schneller und gastrointestinale Nebenwirkungen werden weniger häufig beobachtet [31]. Im direkten Vergleich zeigte Ilunocitinib eine bessere Kontrolle von Juckreiz und Hautläsionen, wobei mehr Hunde eine klinische Remission des Juckreizes erzielten [32]. Wegen der entzündungshemmenden und juckreizmildernden Wirkung können Januskinase-Inhibitoren sowohl für akute Schübe als auch zur langfristigen Behandlung der caD eingesetzt werden [22].

Monoklonale Antikörper sind ein Schwerpunkt der Forschung in der Humanmedizin. Sie zielen auf bestimmte Rezeptoren oder Zytokine ab und blockieren ihr Zielmolekül hochspezifisch und wirksam. Bei Lokivetmab handelt es sich um einen caninisierten monoklonalen Antikörper, der IL-31 bindet und dadurch verhindert, dass es mit seinem Rezeptor interagiert und Juckreiz auslöst [33]. Der Hersteller empfiehlt eine wiederholte subkutane Injektion entweder einmal im Monat oder bei Bedarf. Seine Wirksamkeit ist mit der von oralem Prednisolon vergleichbar. Lokivetmab reduziert den Juckreiz für mindestens 4 Wochen signifikant [34]. Die Injektion gilt als sicher und unmittelbare Überempfindlichkeitsreaktionen treten nur sehr selten auf. In klinischen Studien bildeten 2,5% der Hunde Antikörper gegen Lokivetmab, deren klinische Bedeutung derzeit unklar ist [35]. Es wird spekuliert, dass diese Antikörper bei einem Wirkverlust des Lokivetmabs eine Rolle spielen könnten [36].

Antihistaminika spielen eine eher geringere Rolle in der Behandlung der caD, gehören aber zu den am häufigsten verwendeten Medikamenten [37]. Ihr Hauptwirkungsmechanismus wurde in der Hemmung des histaminvermittelten Juckreizes durch Blockade des Histamin-H1-Rezeptors gesehen [38]. Antihistaminika, insbesondere Chlorpheniramin in Kombination mit Hydroxyzin oder Dimetinden, können helfen, den Juckreiz bei atopischen Hunden zu lindern, aber in den meisten Fällen ist die Wirkung begrenzt und es ist eine zusätzliche Behandlung mit anderen Therapeutika erforderlich [39]. Dennoch wird eine Versuchstherapie über 7–14 Tage empfohlen [5]. Um einen größtmöglichen Effekt zu erzielen, sollten Antihistaminika vom Typ I entweder vor einem Krankheitsschub oder bei Hunden mit leichten Formen der caD täglich verabreichet werden [5]. Auch bei Hunden, die zuvor mit stärkeren entzündungshemmenden Medikamenten behandelt wurden, können sie zur Aufrechterhaltung der Remission nützlich sein [39]. Nebenwirkungen belaufen sich vor allem auf Somnolenz/Lethargie, diese können entweder nur von kurzer Dauer sein oder sich nach einer Dosisreduktion wieder legen [39]. Da manche Hunde auf ein Anthistamin und andere Hunde auf ein anderes Antihistamin besser ansprechen, wird empfohlen bei ausbleibendem Therapieerfolg einen weiteren Versuch mit einem anderen Antihistaminikum durchzuführen [39]. Generell eignen sich Antihistaminika vor allem als Ergänzung oder in Kombination mit anderen Medikamenten [40].

Topische Therapieoptionen

Bei der topischen Therapie wird die betroffene Region direkt behandelt, wodurch der Bedarf an systemischen Medikamenten reduziert oder sogar eliminiert werden kann. Aufgrund des dichten Felles und möglichen Complianceproblemen kann die topische Behandlung von Hunden für die betroffenen Besitzer*innen schwierig sein. Glukokortikoid-Salben oder ein Spray mit Hydrocortisonaceponat können für streng lokalisierte Hautläsionen an wenig behaarten Arealen verwendet werden. Das Spray zeigt wenig systemische Nebenwirkungen. Eine längere Anwendung kann aber zu Hautatrophie führen [5] [41]. Das Immunsuppressivum Tacrolimus (0,1 %) hat einen langsamen Wirkungseintritt und ist daher bei der Behandlung akuter caD-Schübe weniger geeignet. Bei lokaler Anwendung weist der Calcineurininhibitor nur geringe Nebenwirkungen auf und erweist sich als erfolgsversprechend für die Behandlung kleinerer Läsionen [42].

Die Wiederherstellung der gestörten epidermalen Barriere gilt als ein wichtiges therapeutisches Ziel bei der Behandlung von caniner atopischer Dermatitis [5]. Essenzielle Fettsäuren, Cholesterin, Ceramide und Phytosphingosin wurden in verschiedene topische Produkte wie Spot-Ons, Sprays und Shampoos integriert, um die Integrität und Funktion der epidermalen Barriere zu verbessern. Auf diese Weise können diese Produkte die perkutane Aufnahme von Reizstoffen, Allergenen und Mikroben verringern und allergische Sensibilisierungen und Entzündungen verhindern. Die mechanische Entfernung von Schmutz und Allergenen aus dem Haarkleid und von der Haut und die daraus resultierende Verbesserung der Hauthygiene ist der wohl wichtigste Faktor für den Erfolg einer Shampoo-Therapie [43].

Die topische Therapie mit antimikrobiellen Wirkstoffen, einschließlich Kombinationen aus Chlorhexidin und Azol-Antimykotika, ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung sekundärer bakterieller und Hefeinfektionen bei Hunden mit caD. Darüber hinaus wird eine topische antimikrobielle Therapie auch für die Langzeitpflege von betroffenen Hunden empfohlen, um die Oberflächenbesiedlung mit pathogenen Mikroben zu verringern und so wiederkehrende Hautinfektionen zu verhindern oder zumindest deren Häufigkeit zu verringern [5] [20].

Nahrungsergänzung

Atopische Hunde können von der zusätzlichen Fütterung von Nahrungsergänzungsmitteln wie essenziellen Fettsäuren (EFS), Probiotika oder Vitaminen profitieren. Orale EFS können die Fellqualität verbessern, die Hautbarriere stärken und den transepidermalen Wasserverlust verringern [5]. Darüber hinaus können sie die benötigte Dosis an Glukokortikoiden [44], Cyclosporin [45], Oclacitinib [46] und Antihistaminika [47] verringern, die zur Kontrolle der klinischen Anzeichen von caD erforderlich sind. Die orale Supplementierung eignet sich besser für die Langzeitbehandlung von caD, da ihr klinischer Nutzen erst nach mehreren Monaten eintreten kann [5].

Studien am Menschen zeigen, dass neben einer Störung der Hautbarriere und der Immunzellen sowohl die Haut- als auch die Darmmikrobiota einen Einfluss auf die Pathogenese atopischer Erkrankungen haben können [48]. Bisher wurde sich in Studien bei allergischen Hunden vor allem auf die Mikrobiota der Haut konzentriert. Es gibt jedoch Hinweise, dass auch eine verringerte Diversität und Unterschiede zwischen bestimmten Darmbakterientaxa zwischen gesunden und atopischen Hunden bestehen. Diese Abweichungen lassen vermuten, dass das Darmmikrobiom eine Rolle bei der Pathogenese und Klinik der atopischen Dermatitis bei Hunden spielt [48]. Gegenwärtiger Fokus der Forschung ist die Vielfalt und Zusammensetzung der Darmmikrobiota bei Hunden mit atopischer Dermatitis und zukünftige therapeutische Einsatzmöglichkeiten bezüglich Prä- und Probiotika.

Allergenspezifische Immuntherapie (AIT)

Bei der Allergenspezifischen Immuntherapie (AIT) werden schrittweise steigende Allergenmengen verabreicht, um eine immunologische Toleranz zu erzeugen und die Symptome bei einer späteren Exposition gegenüber diesen bekannten Allergenen zu lindern [49]. Sie ist eine wirksame und proaktive Methode zur Behandlung von caD. AIT ist im Allgemeinen sicher, trägt zur Verringerung der klinischen Symptome bei und verringert den Gesamtbedarf an Medikamenten [5] [50]. Studien lassen vermuten, dass die AIT bei 50–80% der behandelten Hunde zur Kontrolle der klinischen Symptome der atopischen Dermatitis wirksam ist [50] [52] [53] [54] [54].

Nach Diagnosestellung wird ein Intrakutan- oder Serumtestdurchgeführt, um relevante Allergene unter Berücksichtigung der Historie des Hundes zu identifizieren [55]. Es gibt zahlreiche Protokolle mit unterschiedlichen Verabreichungsschemata und Verabreichungswegen (subkutan, intralymphatisch oder sublingual), wobei zwischen subkutanen und intralymphatischen Injektionen in Studien kein Unterschied festgestellt wurde, die sublinguale Therapie jedoch unterlegen erscheint [52] [53] und die intralymphathische Applikation über keine Zulassung für Deutschland verfügt. Üblicherweise werden die Allergenextrakte jedoch als subkutane Injektionen verabreicht. Häufigkeit und Menge der Injektionen sollten je nach klinischem Ansprechen und Stärke der Reaktionen an den jeweiligen Patienten angepasst werden. Im Durchschnitt tritt eine klinische Verbesserung der Symptome nach 6–8 Monaten auf, aber da die Ansprechraten variabel sind, sollte die subkutane AIT mindestens ein Jahr lang fortgesetzt werden, um die Wirksamkeit angemessen zu bewerten [5]. Verstärkter Juckreiz nach der Verabreichung von Allergenen ist die häufigste unerwünschte Wirkung, die bei der subkutanen Immuntherapie beobachtet wird. In vielen Fällen kann dies durch eine Anpassung des Injektionsregimes behandelt werden. Bei einer kleinen Anzahl von Patienten (<1%) können systemische Reaktionen auftreten, wie z. B. Angstzustände, Depressionen, Durchfall, Hyperaktivität, Schläfrigkeit, Urtikaria/Angioödem, Erbrechen, Schwäche und sehr selten Kollaps und Anaphylaxie [51].

ATF-Fortbildung

Der Artikel „Canine atopische Dermatitis“ gibt einen Überblick über die Erkrankung mit spezieller Berücksichtigung der Caregiver burden und Lebensqualität der Hunde und Besitzer*innen.

Der gesamte Originalbeitrag steht als kostenpflichtige ATF-Fortbildung zur Verfügung (für VetCenter- Abonnent*innen und Abonnent*innen der Tierärztlichen Praxis K frei): Thieme CME 

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

Birner V A, Mueller R S. Canine atopische Dermatitis. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere / Heimtiere 2025; 53(06): 338 - 349. doi:10.1055/a-2712-9246

(JD)

 

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Viktoria A. Birner arbeitet als Assistenztierärztin an der Kleintierklinik der LMU München. Zurzeit befindet sie sich in der Weiterbildung zur Fachtierärztin für Anästhesie und ist Doktorandin in der Abteilung für Dermatologie und Allergologie der Kleintierklinik .

Prof. Dr. med. vet. habil. Ralf Müller, Dip. ECVD/ACVD, EBVS® European Specialist in Veterinary Dermatology, ANCVSc Dermatology ist Fachtierarzt für Dermatologie und Leiter der Abteilung Dermatologie an der Kleintierklinik der LMU München.

Ihr Originalbeitrag „Canine atopische Dermatitis“ erschien in der Tierärztliche Praxis K.