Lama & AlpakaLamas und Alpakas – der neurologische Patient

Neuweltkameliden können bei neurologischen Erkrankungen eine Vielzahl an Symptomen zeigen. Wir zeigen Ihnen passende diagnostische Möglichkeiten und das Spektrum der Erkrankungen.

Inhalt
Zwei Alpakas stehen auf grünem Gras vor einem bewölkten Himmel. Das Fell der Tiere weht im Wind. Das linke Alpaka hat braunes Fell und das rechte weißes Fell.
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Neuweltkameliden zeigen häufig eine vielseitige und unspezifische klinische Symptomatik. - Symbolbild

Neuweltkamele

Als „Fluchttiere“ verbergen Lamas und Alpakas ihre Erkrankungen und zeigen neurologisch-klinische Symptome relativ spät, sodass beim Bemerken von Krankheitsanzeichen seitens der betreuenden Personen mit einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium gerechnet werden muss.

Neuweltkameliden präsentieren sich dabei oftmals mit einer sehr vielseitigen klinischen Symptomatik, die in vielen Fällen als unspezifisch (Schwäche, Festliegen, Fressunlust, Tremor) für ein bestimmtes Krankheitsbild zu bewerten ist (Abb. 1).

Werden Lamas oder Alpakas mit neurologischen Symptomen vorgestellt, sind eine Vielzahl an Differenzialdiagnosen, infektiöser und nicht infektiöser Natur in Betracht zu ziehen und mittels entsprechender diagnostischer Methoden abzuklären. Neurologische Erkrankungen sind primären oder auch sekundären Ursprunges, altersbedingte oder auch regionale Einflüsse sind bei der Abklärung zu berücksichtigen [1].

Diagnostisches Vorgehen

Eine Hilfestellung zur ätiologischen Abklärung bei neurologischer Symptomatik bietet eine ausführlich vorgenommene Anamnese, wobei besonders auf den Verlauf bzw. das zeitliche Auftreten der klinischen Symptomatik eingegangen werden muss. Ein plötzliches Auftreten bestimmter klinischer Veränderungen, die wieder – wenn auch langsam – in ihrer Intensität abklingen, können auf eine traumatische, aber auch infektiöse Ursache hinweisen. Umgekehrt sind neurologische klinische Symptome, die sich über die Zeit hin verschlimmern, oftmals ein Hinweis auf neoplastische oder degenerative Vorgänge. Die Kommunikation mit dem Tierhalter, der das Verhalten seiner Tiere vor allem in gewohnter Umgebung in der Regel gut kennt, ist daher von großer Wichtigkeit.

Klinische Untersuchung

Die Basis, um die Lokalisation einer Läsion im Zentralnervensystem (ZNS) zu detektieren bzw. einzugrenzen, ist, zuerst einen allgemeinen klinischen Untersuchungsgang durchzuführen und im Falle eines Verdachtes einer neurologischen Erkrankung, einen neurologischen Untersuchungsgang anzuschließen.

Der neurologische Untersuchungsgang bei Neuweltkameliden wird in derselben Art und Weise wie bei den anderen Tierarten vorgenommen [1], [2].

Generell sind ein normales Abwehrverhalten bei Berührung, aber auch ein besonders stoischer Charakter oder sehr gestresste, nervöse Tiere bei der Befunderhebung und Befundinterpretation zu berücksichtigen.

Beurteilt werden das Verhalten, das Bewusstsein, die Körperhaltung, das Gangbild und der Muskeltonus. Häufige Veränderungen, die bei erkrankten Tieren festgestellt werden können, sind z. B. eine Kopf-Schiefhaltung (Abb. 2), „head pressing“, Tremor, Krämpfe (tonisch/klonisch), Lähmungen (Parese, Paralyse), Ataxie, im Kreis gehen, Schwanken und eine Hypermetrie.

Neurologische Untersuchung

Zusätzlich zur klinischen Untersuchung werden Haltungs- und Stellreaktionen, Hirnnerven (Kopfnerven) und die spinalen Reflexe überprüft. Schädel und Wirbelsäule werden palpiert sowie das Fress- bzw. Trinkverhalten, der Kot- und Harnabsatz beurteilt. Eine Zusammenfassung der dabei erhobenen Befunde soll die Lokalisierung der Läsion im ZNS ermöglichen.

Hinsichtlich der Haltungs- und Stellreaktionen eignen sich zur Durchführung bei Neuweltkameliden besonders das „Kreuzen“ der Vorder- bzw. Hinterextremitäten (Abb. 3) oder das gezielte Überköten einer einzelnen Extremität, was eine bewusste Korrekturreaktion hervorrufen sollte.

Bei der „Hüpfreaktion“ wird eine Extremität angehoben und gleichzeitig auf derselben Körperseite Druck auf die Schulter (Anheben der Vorderextremität) oder das Becken (Anheben der Hinterextremität) ausgeübt. Damit wird das Tier in eine seitwärts gerichtete Hüpfbewegung versetzt. Diese „Korrekturüberprüfung“ ist allerdings bei Neuweltkamelen schwieriger durchzuführen und für Tiere, die den Umgang mit dem Menschen nicht gewohnt sind, weniger geeignet.

Spinalreflexe und Schmerzreaktion

Bei der Überprüfung der Spinalreflexe werden besonders an der Vorderextremität der Extensor-carpi-radialis-Reflex und der Trizepsreflex, an der Hinterextremität der Patellarsehnenreflex und der Achillessehnenreflex sowie der Perinealreflex als geeignet hinsichtlich Aussagekraft gesehen. Die Überprüfung der Kopfnerven gelingt in der Regel gut und gibt Hinweise auf den Ursprung einer Schädigung (Tab. 1).

Kopfnerv (KN) Sinnesprüfung klinisches Symptom
KN II: N. opticus Führen gegen Hindernisse; Tier muss mit Augen einem Objekt folgen, Drohreflex, Pupillarreflex Blindheit
KN III: N. oculomotorius Augenbewegung, -position, Pupillarreflex zentrale/periphere Blindheit
KN III, IV, VI: N. oculomotorius, N. trochlearis, N. abducens Augenbewegung, -position; Fähigkeit, bewegte Dinge zu verfolgen Strabismus
KN V, VII, X: N. trigeminus, N. fazialis, N. vagus Sensibilität im Gesicht/im äußeren Gehörgang, Bewegung der Gesichtsmuskeln; Lidreflex, Kornealreflex, Ohrreflex Sensibilitätsverlust, hängendes Lid/Ohr/Lippe
KN VIII: N. vestibulocochlearis Gehörsinn, Gleichgewicht Kopfschiefhaltung, im Kreis gehen, Nystagmus
KN IX, X: N. glossopharyngeus, N. vagus Zungenbewegung Schluckakt, Regurgitieren, Speicheln
KN XII: N. hypoglossus Zungentonus, Zungenbewegung heraushängende Zunge

Die Überprüfung der Schmerzempfindung generell ist bei Neuweltkamelen aufgrund ihres besonderen Charakters (sehr stoisch oder sehr gestresst/nervös) als eher unzuverlässig einzustufen.

Weiterführende Diagnostik

In vielen Fällen müssen weiterführende diagnostische Methoden angewandt werden, um bei Neuweltkameliden mit neurologischer Symptomatik zu einer ätiologischen Abklärung der Krankheitsursache zu kommen. Ziel dabei ist es, einerseits möglichst zeitnah, praktikabel und risikoarm bzw. risikolos das passende Verfahren entsprechend der Indikation auszuwählen.

Liquorgewinnung

Die Gewinnung von Liquor stellt eine wichtige Untersuchungsmethode dar, um vor allem entzündliche von nicht entzündlichen Erkrankungszuständen zu unterscheiden. Neben der makroskopischen Untersuchung des Liquors kann unterstützend dazu die Protein-, Glukose- und Natriumkonzentration bestimmt werden. Referenzwerte dafür liegen vor [3] ([Tab. 2]). Auch serologische Untersuchungen (z. B. zum Nachweis einer Bornavirusinfektion) oder ein direkter Erregernachweis sind möglich [3], [4].

Parameter Normalwerte gesunder Tiere
Kernhaltige Zellen < 3 Zellen/µl: Lymphozyten, neutrophile Granulozyten
Protein 385 – 470 mg/l
Glukose 60 – 80% der Blutserumkonzentration
Natrium 151 – 157 mmol/l

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Die Liquorgewinnung kann sowohl am stehenden Tier oder am in Brust-Bauchlage befindlichen Tier vorgenommen werden. Bei letzterer Lagerung ist es wichtig, die beiden Hinterextremitäten nach vorne zu ziehen (kyphotische Stellung), um die Punktionsstelle, das Foramen lumbosacrale, besser zugängig zu machen.

Nach Rasur, Reinigung und Desinfektion erfolgt die Punktion mittels einer Spinalkanüle (etwa 18 – 20 G). Im Bereich des Schnittpunktes einer gedachten Linie zwischen den beiden Hüfthöckern und der Wirbelsäule ist etwas kaudal davon das Foramen lumbosacrale als „Delle“ palpierbar. Die Spinalkanüle wird senkrecht zur Wirbelsäule eingestochen, in den meisten Fällen sind dabei zwei deutliche „pops“ spürbar, welche der Durchdringung des Zwischenwirbelbandes bzw. der Dura mater entsprechen. Der Liquor geht dann spontan ab bzw. wird mittels Spritze aspiriert und gewonnen (Abb. 4).

Bildgebende Verfahren

Der Einsatz von Röntgenuntersuchung, Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) ermöglicht es, die Strukturen des ZNS näher zu untersuchen (Abb. 5), wobei für die jeweilige Indikation das geeignete Verfahren auszuwählen ist. Für die CT- und MRT-Untersuchung muss das Tier in Narkose gelegt werden, eine Röntgenuntersuchung kann in Abhängigkeit der zu untersuchenden Strukturen in einigen Fällen auch ohne Sedierung bzw. Narkose des Tieres vorgenommen werden.

Blutuntersuchung

Die Bestimmung eines Blutbildes (weißes/rotes Blutbild), die Untersuchung des Säure-Basen-Haushaltes und die Bestimmung der Konzentration verschiedener Blutparameter wie TP, Albumin, Glukose, βHB, GOT, GGT, GLDH, TBIL, UREA, CREA, Natrium, Kalium, Kalzium, Phosphor, Magnesium und CK dienen der ätiologischen Abklärung neurologischer Erkrankungen. Auch serologische Untersuchungen zur Abklärung infektiöser Ursachen können bei entsprechender Fragestellung aus dem Blut durchgeführt werden.

Verschiedene neurologische Erkrankungen

Bei der Abklärung zahlreicher Differenzialdiagnosen, infektiöser und nicht infektiöser Natur, gilt es bei Neuweltkamelpatienten mit neurologischen Symptomen zu berücksichtigen, dass das ZNS das ursächlich betroffene Organ sein kann oder sich die neurologische Symptomatik erst in Folge einer anderen Primärerkrankung, wie z. B. bei vielen metabolischen Erkrankungen, entwickelt hat. Auch Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems müssen als Krankheitsursache ausgeschlossen werden. Eine systematisch vorgenommene Diagnostik ist daher bei diesen Patienten enorm wichtig.

Zu den nicht infektiösen primären Ursachen von ZNS-Erkrankungen zählen Traumata, degenerative Erkrankungen des ZNS, Neoplasien (z. B. Lymphom) sowie Missbildungen bzw. angeborene Erkrankungen (z. B. Hydrozephalus) [6].

Traumatisch bedingte Luxationen und Subluxationen sind bei Crias im Alter von 2 – 6 Lebensmonaten als besonders häufig vorkommend beschrieben. Dabei ist oftmals die Halswirbelsäule betroffen und die klinische Symptomatik variiert in Abhängigkeit der betroffenen Lokalisation. So sind Ataxien, Festliegen, abnorme Kopf-Halshaltung, Paresen bzw. Paralysen der Hinter- und/oder Vorderextremitäten zu beobachten. Eine Röntgenuntersuchung bringt in diesen Fällen eine diagnostische Abklärung [3], [4].

Metabolische Störungen

Liegen metabolische Störungen bei Neuweltkameliden vor, können diese in vielen Fällen zur Ausbildung neurologischer Symptome führen. Zu diesen metabolischen Erkrankungen zählen die Hypo- und Hyperglykämie, die hepatische und urämische Enzephalopathie, die Hypomagnesiämie, Hypokalzämie und Hypernatriämie, die metabolische Azidose sowie der Vitamin-B1-Mangel und der Kupfermangel. Der Blutuntersuchung kommt daher in diesen Fällen diagnostisch eine große Bedeutung zu.

Hyperglykämie und hyperosmolare Dehydratation

Neugeborene bzw. Fohlen mit Trinkschwäche (betroffen sind häufig Fohlen mit Flaschenfütterung) bzw. generell Tiere mit einer massiven Hyperglykämie, sind dem Risiko ausgesetzt, eine hyperosmolare Dehydratation zu entwickeln, auch bekannt als das „hyperosmolare Syndrom“ [6]. Die überschüssige Glukose wird über die Niere ausgeschieden, was gleichzeitig einen Wasserentzug aus den Zellen und somit eine Dehydratation bewirkt. Die Tiere zeigen klinisch im fortgeschrittenen Stadium Ataxie, Schwäche, Opisthotonus, Tremor und Krämpfe bis hin zum Festliegen. Die Diagnose begründet sich durch das Vorhandensein der klinischen neurologischen Symptome, einer Hyperglykämie, Hypernatriämie (fortgeschrittenes Stadium), Azotämie, Hyperalbuminämie und metabolischen Azidose. Im Liquor kann man einen erhöhten Natriumgehalt feststellen.

Vitaminmangel und Polioenzephalomalazie

Eine Polioenzephalomalazie entsteht bei Neuweltkamelen aus unterschiedlichen Ursachen, dazu zählt der von Wiederkäuern bekannte Vitamin-B1-Mangel, der bei Neuweltkamelen beispielsweise bei nicht fachgerechtem Futterwechsel beobachtet wird (Futterwechsel erfolgt zu schnell) oder auch in Kombination mit einer C1-Azidose auftreten kann, da in beiden Fällen die Bildung von Thiamin durch die Vormagenflora gestört ist. Als klinische Leitsymptome sind zentrale Blindheit, Opisthotonus und Festliegen zu beobachten [3], [7], [8]. Als weitere Ursache für die Entstehung einer Polioenzephalomalazie ist die Empfindlichkeit dieser Tiere gegenüber Hyperinfusionen bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hypoproteinämie sowie Hyperglykämie zu nennen [6].

Infektiöse Ursachen

Tab. 3 gibt eine Übersicht über die bei Neuweltkamelen vorkommenden neurologischen Erkrankungen mit infektiöser Ursache (Tab. 3). Dabei spielen vorrangig Bakterien eine bedeutende Rolle, aber auch virale, parasitäre sowie pilzbedingte Ursachen sind für das Entstehen einer Meningoenzephalitis bzw. Enzephalomyelitis in der Fachliteratur beschrieben.

Ätiologie Erreger Literatur
bakteriell E. coli, Listeria monozytogenes, Enterococcus spp., Streptococcus spp., Fusobacterium spp., Bacteroides spp., Salmonella spp. [3], [4], [9], [10], [11], [12], [13], [14], [15]
viral Borna disease Virus 1, EHV-1 V., West Nile V., Rhabdovirus, Louping-ill V., EEEV (Östliches Equines Enzephalomyelitis Virus) [3], [6], [16], [17], [18], [19], [20], [21]
parasitär Parelaphystrongylus tenuis, Elaphostrongylus cervi, Zeckenparalyse [4], [6], [22], [23], [24]
fungal Aspergillus fumigatus, Cryptococcus neoformans, Blastomyces spp., Coccidioides immiti [3], [6], [25]
infektiös-toxisch Clostridium tetani, Clostridium botulinum [6]

Bakterien

Eine bakteriell bedingte Meningitis/Meningoenzephalitis entwickelt sich häufig in Zusammenhang mit einer Neugeborenensepsis. Klinische Symptome, die dabei auftreten können, sind Schwäche, Trinkunlust, Festliegen, Tremor und Krämpfe [4], [9], [10], [11], [12].

Auch bei adulten Tieren mit Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes kann es aufgrund bestehender Schleimhautschäden zu einer Bakteriämie und in Folge zu entzündlichen Veränderungen des ZNS kommen, wobei hier Endoparasitosen und Magenulzera im Vordergrund stehen [6]. Bakteriell bedingte Erkrankungen des ZNS zeigen im Liquor meist eine neutrophile Pleiozytose sowie einen erhöhten Proteingehalt.

Das Vorkommen einer Listerieninfektion (Listeria monozytogenes) wird bei Neuweltkameliden als selten eingestuft und löst bei dieser Tierart Aborte, Septikämien und Meningoenzephalitiden aus [3], [26]. Die Listerieninfektion und eine sich daraus entwickelnde Meningoenzephalitis ist bei Jungtieren bzw. Crias mit mangelnder Kolostrumaufnahme bzw. in Zusammenhang mit einer Nabelinfektion [9] oder auch Otitis media/interna [14] beschrieben, sie tritt aber auch bei adulten Tieren auf [13], [15]. Als klinische Symptome treten vor allem Festliegen, Krämpfe sowie im Kreis gehen in den Vordergrund. Im Liquor ist vor allem zusätzlich zu einem erhöhten Proteingehalt der Gehalt an mononukleären Zellen erhöht [3].

Otitis

Eine Otitis media oder interna äußert sich bei Neuweltkameliden meist auch mit neurologischen Symptomen. Oftmals ist dabei der Vestibularapparat betroffen, was klinisch zu einer Fazialislähmung oder Kopf-Schiefhaltung führen kann. Ursachen für eine Otitis media/interna sind häufig bakterieller Natur, wobei eine Infektion über den äußeren Gehörgang oder aber über die Eustachische Röhre erfolgen kann. Eine gute diagnostische Abklärung bietet hier der Einsatz eines CT, wodurch die Innenohrstrukturen (v. a. Bulla tympanica) optimal dargestellt werden können [3].

Viren

Unter den viral bedingten Enzephalopathien kommt derzeit unter den Neuweltkamelen dem Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) die größte Bedeutung zu [19], [21]. Das BoDV-1 ist gegenwärtig endemisch in bestimmten Regionen der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein und Österreich [20], [21]. Der letzte größere Ausbruch betraf mehrere Alpakas in einer Region Ostdeutschlands, die klinisch eine Verhaltensänderung, Ataxien, Kreisbewegungen Opisthotonus, Krämpfe oder Tremor zeigten [21]. Eine in Österreich durchgeführte Seroprävalenzstudie verdeutlichte den stattfindenden Kontakt von Lamas und Alpakas mit dem Virus [27]. Als geeigneter Nachweis einer Infektion am lebenden Tier gilt die Antikörper-Titerbestimmung; der direkte Nachweis von Virus-RNA gelingt beim toten Tier aus Anteilen des ZNS [20], [21].

Das West-Nile-Virus wurde bei Neuweltkameliden bislang hauptsächlich in den USA nachgewiesen. Obwohl auch bei dieser Infektion das Risiko, klinisch zu erkranken, als gering beschrieben wird, ist die Mortalitätsrate im Gegensatz dazu sehr hoch. Klinische Symptome sind Apathie, Anorexie, Festliegen, Tremor und Krämpfe. Der direkte Erregernachweis gelingt am toten Tier aus Anteilen des Gehirns [16], [17].

Infektionen mit anderen viralen Erregern (EHV-1, Rhabdovirus, Louping-ill Virus, EEEV) traten bis dato nur sporadisch in bestimmten Regionen (USA, UK) auf und weisen auf eine geringe Prävalenz bei Neuweltkamelen hin [3], [28].

Parasiten

Parasitär bedingte Enzephalomyelitiden sind vor allem in den USA beschrieben und werden durch unterschiedliche Nematodenarten hervorgerufen. Es handelt sich dabei um eine aberrante Nematodenlarvenwanderung, die in Fehlwirten auftritt (z. B. Elaphostrongylus cervi, Parelaphostrongylus tenuis). In Abhängigkeit des betroffenen Areals des ZNS zählen zu den klinischen Symptomen unter anderem Ataxie, Hinterhandlähmung, Festliegen und Tremor. Erst kürzlich wurde ein Fallbericht über ein Alpaka in Ostdeutschland mit neurologischen Symptomen infolge von intrazerebralen Nematodenlarven (Baylisascaris procyonis) veröffentlicht [24]. Die endgültige Diagnose wird im Rahmen der Sektion durch den Larvennachweis gestellt, am lebenden Tier gibt es lediglich Hinweise (klinische neurologische Untersuchung), oftmals zeigt sich im Liquor eine Eosinophilie sowie ein erhöhter Proteingehalt [4], [22], [23].

Die Zeckenparalyse wird durch bestimmte Zeckenarten hervorgerufen und tritt im europäischen Raum nur sporadisch auf. Ein Neurotoxin, das im Speichel der Zecken vorkommt, bewirkt dabei in den meisten Fällen eine Hinterhandlähmung, die sich nach kranial ausbreitet und immer mehr verschlechtert, bis hin zum Tod des Tieres durch Lähmung der Atemmuskulatur. Diagnostisch kann in diesen Fällen nur mittels Ausschlussverfahren gearbeitet werden.

Pilze

Mykotische Meningitiden/Meningoenzephalitiden sind bislang in Regionen Südamerikas und Zentralamerikas beschrieben und treten als primäre neurologische Erkrankung selten auf. Pilzsporen sind dabei eventuell im Liquor nachweisbar. Als fungale Ursachen sind Infektionen mit Cryptococcus neoformans und Coccidioides immitis beschrieben, die sich im Auftreten tonisch-klonischer Krämpfe äußern [6], [25].

Fazit

Neuweltkameliden sind besondere Tiere, die – wie andere Tierarten auch – vielfältige neurologische Symptome zeigen können, die auf sehr unterschiedliche Erkrankungen hinweisen. Hier braucht betreuendes tierärztliches Personal Geduld, Fingerspitzengefühl und eine gründliche diagnostische Aufarbeitung, um Schritt für Schritt an das Endziel „Diagnose“ zu kommen.

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
Franz S. Lamas und Alpakas – der neurologische Patient. Veterinärspiegel 2023; 33(03): 117 - 123. doi:10.1055/a-2120-4776

(IR)

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Prof. Dr. med. vet. Sonja Franz arbeitet in der klinischen Abteilung für Wiederkäuermedizin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien und ist stellvertretende Zentrumsleitung im Klinischem Zentrum für Wiederkäuer- und Kamelidenmedizin. 

Der Originalartikel "Lamas und Alpakas – der neurologische Patient" erschien im Veterinärspiegel.