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Die equine granulozytäre Anaplasmose ist eine durch Zecken übertragene Infektionserkrankung, die bei vorberichtlichem Zeckenbefall oder entsprechender Haltung und passendem klinischem Bild als Differenzialdiagnose berücksichtigt werden muss. Aufgrund klimatischer Veränderungen gewinnt die Infektion auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung.
Fallbericht
Signalement und Anamnese
Ein 19-jähriger Trakehner-Wallach mit einem Stockmaß von 161 cm und einem Gewicht von 485 kg wurde in einer Offenstallhaltung mit Weidegang gehalten. Das Pferd litt an equinem Asthma, wies ansonsten keine weiteren Erkrankungen auf.
Im Juni, 8 Tage nach einem Ausritt in ein zeckenreiches Waldgebiet, entwickelte der Wallach hohes Fieber bis 41,7 °C und Inappetenz . Nach einmaliger symptomatischer Behandlung mit NSAID und Infusion blieb eine Besserung aus. Am Folgetag zeigte das Pferd zusätzlich leichte Koliksymptome, persistierendes Fieber (41,7 °C) sowie eine gering- bis mittelgradige Ataxie, weshalb er in eine Pferdeklinik überwiesen wurde.
Klinische Untersuchung
Bei der Erstvorstellung in der Klinik zeigte der Wallach hohes Fieber (41,7 °C), eine Herzfrequenz von 60 Schlägen/Minute, Inappetenz und Apathie. Weitere Symptome waren eine Ataxie und leicht ikterische Schleimhäute. Die restlichen Parameter der Allgemeinuntersuchung waren ohne besonderen Befund.
Merke
Das klinische Bild einer Equinen granulozytären Anaplasmose (EGA) kann sehr unterschiedlich sein, ein hohes persistierendes Fieber ist jedoch typisch.
- Verlauf der Infektion subklinisch bis akut [1]
- meist milde Verläufe bei jungen Pferden und deutlichere Symptome bei Tieren über 4 Jahren [1]
- männliche Tiere häufiger betroffen als weibliche Tiere [5]
Symptome:
- bei akuten Verläufen tritt nach einer Inkubationszeit von 7 – 10 Tagen Fieber (bis 41,3 °C) ein [1, 2]
- die Temperaturerhöhung kann bis zu 9 Tagen persistieren [1]
- Inappetenz [1, 2]
- Gliedmaßenödeme [1, 2]
- ikterische Schleimhäute [1, 2]
- Petechien [1, 2]
- Ekchymosen [1, 2]
- neurologische Auffälligkeiten (z.B.) Ataxie [1, 2]
- moderate Tachykardie, gelegentlich auch ventrikuläre Extrasystolen [4]
- mögliche Symptome im späteren Verlauf der Infektion: Diarrhoe, Pneumonien, Gelenkentzündungen, Lymphadenopathien, Rhabdomyolyse [1]
- in den ersten 3 – 5 Krankheitstagen verschlimmern sich die Symptome einer EGA progressiv [6]
- Symptome können, je nach Schweregrad und Therapiebeginn, bis zu 10 – 14 Tage anhalten [6]
Therapie und Prognose:
- Letalität sehr gering [3]
- Todesfälle sind hauptsächlich auf Sekundärinfektionen oder starke Blutungen zurückzuführen [3]
- Erkrankung in den meisten Fällen selbstlimitierend [1]
- in Einzelfällen schwere Verläufe mit tödlichem Ausgang [1]
Diagnostik
In der Klinik erfolgte eine umfassende Diagnostik. Hämatologisch zeigten sich ein erniedrigter Hämatokrit (23,5%), eine Lymphopenie (0,61/µl) und eine Neutrophilie (8,4/µl). Die sonografische Untersuchung von Abdomen und Thorax sowie eine rektale Untersuchung ergaben keine Auffälligkeiten. Zunächst wurde das Pferd mit NSAID, Infusionen und einem Antibiotikum (Benzylpenicillin-Procain, 200 000 IU/kg, i. m.) behandelt, jedoch ohne klinische Besserung. Ataxie und Fieber persistierten, hinzu traten ikterische Schleimhäute und ein progressiver Thrombozytenabfall ([Abb. 4]).
In der klinisch-chemischen Untersuchung zeigten sich eine erhöhte Gamma-GT (58,4 U/l) sowie ein massiv erhöhter Serum-Amyloid-A-Wert (937,96 µg/ml). Tests auf West-Nil-Virus, FSME, Borna-Virus und Piroplasmen waren negativ. Schließlich bestätigte die PCR aus einer Blutprobe eine Infektion mit Anaplasma phagocytophilum.
Therapie und Verlauf
Unmittelbar nach der Diagnose wurde eine Therapie mit Oxytetrazyklin eingeleitet. Bereits 24 Stunden später war der Wallach fieberfrei und zeigte erstmals seit 6 Tagen wieder eine adäquate Futteraufnahme. Innerhalb von 48 Stunden verschwanden auch Ataxie und Ikterus. Nach 7 Tagen Therapie war der Patient vollständig genesen, sowohl klinisch als auch hämatologisch. Dieser Verlauf verdeutlicht die Wirksamkeit einer gezielten antibiotischen Therapie und die Bedeutung einer frühzeitigen PCR-Diagnostik.
ATF-Fortbildung
Der vollständige Artikel "Equine granulozytäre Anaplasmose" gibt einen ausführlichen Überblick über die Erkrankung und thematisiert das Risiko einer Infektion in Deutschland.
Der Originalbeitrag steht als kostenpflichtige ATF-Fortbildung zur Verfügung (für Pferdespiegel-Abonnenten frei): Thieme CME
Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
Werner S. Equine granulozytäre Anaplasmose. Pferdespiegel 2025; 28(04): 207 - 215. doi:10.1055/a-2687-4490
(IR)
- Gehlen H, Inerle K, Ulrich S. Anaplasmose beim Pferd – ein Literaturreview unter Berücksichtigung aktueller Diagnose- und Therapieverfahren. Pferdeheilk 2021; 37: 25-33
- Dzięgiel B, Adaszek Ł, Kalinowski M. Equine granulocytic anaplasmosis. Res Vet Sci 2013; 95: 316-320
- Rikihisa Y. Mechanisms to create a safe haven by members of the Family Anaplasmataceae. Ann N Y Acad Sci 2003; 990: 548-555
- Pusterla N, Madigan JE. Anaplasma phagocytophilum infection. In: Sellon DC, Long MT, Hrsg. Equine Infectious Diseases 2. Aufl. St. Louis (MO):: Elsevier; 2014: 344-346
- Alemann M, Vedavally U, Pusterla N. Common and atypical presentations of Anaplasma phagocytophilum infection in equids with emphasis on neurologic and muscle disease. J Vet Intern Med 2024; 38: 440-448
- Axt CW, Springer A, Besse A. Die granulozytäre Anaplasmose des Pferdes: ein Fallbericht und die epidemiologische Situation mit Fokus auf Deutschland. Tierarztl Prax Ausg G Grosstiere Nutztiere 2024; 52: 352-360



