
In meinem letzten Artikel ging es um die 5 Sprachen der Wertschätzung am Arbeitsplatz von Gary Chapman und Paul White. Nach der Einführung in dieses Thema folgen nun konkrete Tipps für den Klinik- und Praxisalltag für das gesamte Team.
Wertschätzung ist ein sinnvolles Praxis Tool für jedermann: Sie stärkt Teamzusammenhalt, reduziert Reibung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende bleiben und sich einbringen. Wenn du die bevorzugte „Sprache“ deiner Kolleginnen und Kollegen kennst, triffst du mit Anerkennung ins Schwarze statt ins Leere.
Dabei ist der Ausdruck von Anerkennung keine alleinige Top-To-Down-Angelegenheit. Auch auf Kolleginnen- und Kollegenebene ist Wertschätzung nach den Prinzipien von Chapman und White möglich und sinnvoll. Und auch die Führungsebene darf durchaus Anerkennung von Mitarbeitenden erhalten, denn viele Mitarbeitende vergessen, dass die Spitze einer Klinik oder Praxis grundsätzlich niemanden hat, der ihm oder ihr sagt, wie gut er oder sie ihren Job macht. Vor allem, wenn die Führungsebene von nur einer Person besetzt ist.
Also nehmt die hier aufgeführten Beispiele gerne für das gesamte Team mit – und schenkt euch gegenseitig Anerkennung für euer Tun, eure Leistungen, euer Engagement, eure Ehrlichkeit, euer Weiterkommen, eure Geduld, eure Ideen.
Die 5 Sprachen mit Praxisbeispielen
Worte der Anerkennung im Praxisalltag
Damit verbale Wertschätzung im Praxis- und Klinikalltag ihre Wirkung entfalten kann, lohnt es sich, alltägliche Beobachtungen bewusst auszusprechen. Entscheidend ist, dass du konkret formulierst, was dir positiv aufgefallen ist und welche Wirkung dieses Verhalten hatte. Ein Beispiel: „Mir ist aufgefallen, mit wie viel Ruhe du die Katze festgehalten hast — dadurch konnte ich viel besser Blut abnehmen, weil sich deine Ruhe auf die Katze übertragen hat.“ Solche Rückmeldungen machen sichtbar, welches Verhalten du schätzt, geben Orientierung und stärken das Miteinander im Team.
Präsenz zeigen: Wertschätzung durch gemeinsame Zeit
Damit diese Form der Wertschätzung im Praxis- und Klinikalltag spürbar wird, braucht es keine langen Meetings, sondern gezielte, kurze 1:1 Momente: eine Nachbesprechung nach dem OP, ein gemeinsames Fallgespräch oder das bewusste Begleiten einer Assistenz bei einer neuen Aufgabe. Solche Momente zeigen echtes Interesse an der Person, an ihren Ideen und an ihrem Tun. Sie stärken das Gemeinschaftsgefühl und schaffen ein „Wir-Gefühl“.
Besonders bedeutsam ist dies bei der Einarbeitung neuer Mitarbeitender oder bei Azubis. Viele wünschen sich in dieser Phase ein Mentoring oder Buddy System – ein Ansatz, der genau in die Kategorie „Wertschätzung durch Zeit schenken“ fällt und Orientierung, Sicherheit und Verbundenheit vermittelt.
Hilfsbereitschaft im Teamalltag leben
Damit diese Form der Wertschätzung im Praxis- und Klinikalltag spürbar wird, braucht es keine großen Gesten, sondern konkrete, praktische Unterstützung: das kurzfristige Übernehmen von Telefonaten, damit eine Kollegin eine Wundversorgung abschließen kann, oder das gemeinsame Vorbereiten eines anspruchsvollen Eingriffs. Solche unaufgeforderten, verlässlichen Hilfen zeigen echte Solidarität und stärken das Miteinander.
Wichtig ist dabei, dass die Unterstützung bedingungslos erfolgt – wer später vorhält „Immer muss ich dir helfen!“ oder „Jetzt habe ich dir geholfen, jetzt bist du dran!“, hat diese Sprache noch nicht verinnerlicht. Gerade bei Führungskräften ist Hilfsbereitschaft ein starkes Signal: Wenn sie sich bei Engpässen oder Krankheitsfällen genauso einbringen wie alle anderen, statt sich herauszuhalten, vermittelt das klar: „Wir sitzen alle im gleichen Boot – und wir halten zusammen, egal was passiert.“
Durchdachte Aufmerksamkeiten im Arbeitsalltag
Von kleinen, persönlichen Gesten, wie einem handgeschriebenen Dank mit einem Schokoriegel nach einem langen Notdienst bis zu einem Gutschein für eine Fortbildung, die man sich schon länger wünscht. Im Praxis- und Klinikalltag müssen Geschenke nicht zwingend immer groß sein, um Wirkung zu entfalten. Wichtig ist, dass sie zur Person passen.
Ein praktischer Tipp
Viele Vorlieben oder Wünsche fallen in lockeren Gesprächen ganz nebenbei. Wer solche Hinweise direkt notiert, hat später die perfekte Inspiration für eine kleine, persönliche Aufmerksamkeit oder das Geschenk für das nächste Jubiläum.
Unverbindliche Gesten der Nähe: Was im Team angemessen ist
Im Modell der „5 Sprachen der Wertschätzung“ wird auch Körperkontakt („Physical Touch“) erwähnt – allerdings mit dem klaren Hinweis, dass es sich dabei ausschließlich um nicht sexuell motivierte Berührungen handelt. Dennoch können selbst solche Gesten im Arbeitskontext schnell unangenehm oder missverständlich wirken. Diese „Sprache“ erfordert daher besondere Sensibilität. Der Respekt vor persönlicher Distanz hat oberste Priorität. Was für mich harmlos erscheinen mag, kann für mein Gegenüber bereits als zu nah empfunden werden.
Deshalb ist es entscheidend, das Team gut zu kennen und niemals körperliche Gesten vorauszusetzen. Abgesehen von einem unverbindlichen High Five nach einem erfolgreichen Tag oder beim Erreichen eines Meilensteins gibt es kaum Empfehlungen, die für alle gleichermaßen passend sind. Wertschätzung lässt sich in den allermeisten Fällen sicherer und wirkungsvoller über andere Sprachen ausdrücken.
Wie finde ich heraus, welche Sprache der Wertschätzung bevorzugt wird?
Grundsätzlich gibt es 2 Wege: nachfragen oder beobachten.
Im Mitarbeitergespräch lässt sich Wertschätzung gut ansprechen, zum Beispiel, indem man fragt, was „Wertschätzung“ für die Person bedeutet und welche Formen der Anerkennung sie sich konkret wünschen würde. Solche Antworten geben oft sehr klare Hinweise darauf, welche „Sprache“ bei jemandem besonders gut ankommt. Aber auch informelle Momente – etwa eine gemeinsame Kaffeepause – bieten Raum für offene Fragen.
Neben „Nachfragen“ spielt auch Beobachtung eine Rolle. Viele Menschen zeigen unbewusst, was sie selbst brauchen, indem sie es anderen geben.
Beispiele
- Wer selbst viel lobt, bevorzugt oft Worte der Anerkennung.
- Wer häufig hilft, spricht oft die Sprache der Hilfsbereitschaft.
- Wer gerne kleine Aufmerksamkeiten verteilt, reagiert meist selbst darauf.
- Wer gerne Zeit teilt, sucht oft gemeinsame Momente.
Wertschätzung als Routinen etablieren
Die folgende „One-fits-all-Lösung“ holt zwar nicht jede und jeden individuell ab, bringt aber dennoch mehr Wertschätzung ins Team:
- Anerkennung immer konkret machen: Beschreibe Verhalten und Wirkung, nicht nur das Ergebnis.
- Rollen verteilen: Wer übernimmt kurzfristige Hilfsdienste? Wer kümmert sich um kleine Aufmerksamkeiten? So wird Wertschätzung systematisch statt zufällig.
- Routinen einbauen: Kurze Nachbesprechungen nach OPs oder Arbeitstagen, ein fest integriertes Mentorenprogramm oder ein Dankes-Board im Pausenraum – es gibt viele kleine, kreative Möglichkeiten, Wertschätzung sichtbar zu machen.
- Gegenseitigkeit fördern: Wertschätzung lebt von einem ausgewogenen Geben und Nehmen. Wer Unterstützung annimmt, darf später auch wieder unterstützen – das stärkt das Miteinander.
Risiken und Nebenwirkungen
Einheitslösungen entfalten selten nachhaltige Wirkung, wenn sie nicht fest in den Alltag integriert werden. Standardisierte Geschenke oder pauschale Maßnahmen, die nicht zur jeweiligen Person passen, verfehlen zudem schnell ihr Ziel.
Ebenso wichtig ist zu erkennen, dass Wertschätzung keine strukturellen Verbesserungen am Arbeitsplatz ersetzen kann. Faire, sichere und angemessene Arbeitsbedingungen bleiben die Grundlage jeder gesunden Teamkultur.
Gleichzeitig gilt: Kleine, regelmäßige Gesten der Anerkennung wirken langfristig stärker als einmalige große Aktionen. Kontinuität schafft Vertrauen – und ist der Schlüssel zu einer authentischen, tragfähigen Wertschätzungskultur.


