BlogDie Basis einer guten Zusammenarbeit: Die 5 Sprachen der Wertschätzung

Das neue Jahr hat kürzlich begonnen und viele von uns starten mit guten Vorsätzen. Einer davon könnte sein: „Ich möchte dieses Jahr bewusster Wertschätzung zeigen.“ Aber wie genau gelingt das im Praxis- und Klinikalltag? 

Eine blonde Frau mit weißem Oberteil formt mit ihren beiden Händen ein Herz und lächelt in die Kamera.
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Die „Sprache der Wertschätzung“ am Arbeitsplatz verdient besondere Aufmerksamkeit.

Noch immer vertreten viele Führungskräfte in der Tiermedizin die Ansicht: „Hauptsache, die Arbeit wird erledigt.“ - Was dabei leider oft übersehen wird, ist, wie wichtig Anerkennung im Praxis- und Klinikalltag ist. Denn Unzufriedenheit bleibt häufig lange unausgesprochen – bis es irgendwann zu spät ist. Unausgesprochene Unzufriedenheit führt zu Frust, Demotivation und sogar Kündigungen, statt zu Initiative, Teamgeist und Loyalität. Da könnte man sagen „selbst schuld, wenn man nichts sagt“, aber so einfach ist es leider nicht. Es gibt genug Gründe, warum jemand eben nichts sagt: Hierarchiebedenken, Unsicherheit, Zeitmangel, Persönlichkeit etc.

Mitarbeitende, die hingegen gewürdigt werden, sind meist engagierter, bringen sich mit neuen Ideen ein und bleiben dem Team treu. Anerkennung ist kein Ersatz für faire Arbeitsbedingung, aber verstärkt positive Effekte zusätzlich und trägt dazu bei, dass weniger Personal das Unternehmen verlässt.

Oft unterschätzt wird auch, wie Wertschätzung konkret im Alltag gelebt werden kann. Die Art und Weise, wie Anerkennung gezeigt wird, hat großen Einfluss darauf, wie sie beim Gegenüber ankommt. Es zählt also nicht nur ob, sondern vor allem wie Anerkennung vermittelt wird.

Loben ist ein erster Schritt. Aber bitte richtig.

Um es direkt vorwegzunehmen: Ein pauschales „Gut gemacht“ für Routinetätigkeiten wirkt oberflächlich und kommt beim Gegenüber oft nicht so an, wie es vielleicht gemeint war. Pauschales Loben wirkt im schlimmsten Fall sogar „von oben herab“, weil man halt was Positives sagen „muss“…

Wirksamer sind gezielte und konkrete Rückmeldungen. Diese wirken persönlicher und werden somit auch sehr viel eher wahrgenommen. Formulierungen aus der Ich Perspektive (z. B. „Ich fand es richtig gut, wie Sie die Anästhesie heute gemanaged haben.“) sind zudem weniger angreifbar und vermitteln Authentizität.

Ein gut verfasstes, ehrliches und konkretes Lob kann bereits Einiges bewirken. Und viele wären schon froh, wenn ihre Führungskraft überhaupt ein anerkennendes Wort über die Lippen brächte.  
Wer sich mit Wertschätzung am Arbeitsplatz noch intensiver beschäftigen möchte, sollte allerdings tiefer in das Thema eintauchen. Denn richtiges Loben ist quasi „Level 1“.

Wertschätzung – Level 2

Wertschätzung wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Oft greifen wir auf Methoden zurück, die uns vertraut sind oder die wir persönlich gut finden. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass andere diese als anerkennend empfinden. Es kann passieren, dass wir glauben, dem Gegenüber Anerkennung zu zeigen, obwohl dies bei ihm oder ihr gar nicht so ankommt. Und hier kommen wir auf die „Fünf Sprachen der Wertschätzung“ von Gary Chapman zu sprechen, einem US-amerikanischem Pastor, Anthropologen und Beziehungsexperten, der sie ursprünglich aufgrund seiner Erfahrungen mit kriselnden Paarbeziehungen entwickelte. 

Chapman beschrieb in seinen Beobachtungen, dass innerhalb einer Paarbeziehung unterschiedliche Ausdrucksformen der Zuneigung auftreten können. Während eine Person ihre Zuneigung beispielsweise häufig verbalisiert und dem Partner Komplimente macht, fällt es der anderen Person schwer, solche Worte zu äußern. Stattdessen zeigt diese ihre Wertschätzung durch kleine Aufmerksamkeiten oder Geschenke. Diese „ungleiche Sprache“ kann trotz der guten Absichten beiderseits zu Unzufriedenheit führen, schlicht, weil keine emotionale Verbindung aufgebaut werden kann. Jede Seite ist in der eigenen Sprache „gefangen“. Es folgen Missverständnisse, Konflikte, gar Verletzungen. Und dieses Phänomen ist nicht nur auf Liebesbeziehungen beschränkt. Es kommt auch in anderen Beziehungskonstellationen häufig vor, nicht zuletzt im Job. 

So übertrug Chapman seine Erkenntnisse aus der Paarberatung gemeinsam mit dem Psychologen und Führungstrainer Paul White auf die Arbeitswelt. Daraus entstanden die „Fünf Sprachen der Wertschätzung am Arbeitsplatz“.

Die 5 Sprachen der Wertschätzung am Arbeitsplatz

Das Modell unterscheidet 5 Arten, wie Menschen Wertschätzung wahrnehmen. Es lohnt sich, diese Präferenzen im Team zu kennen. Welche Bereiche gilt es zu unterscheiden?

1. Anerkennung als Sprache der Wertschätzung

Verbale Anerkennung stellt laut Chapman und White für 46 % der Mitarbeitenden die bevorzugte Form der Wertschätzung dar und ist damit die am häufigsten genutzte Ausdrucksweise im beruflichen Kontext. Menschen, die dieser Kategorie zugeordnet werden, fühlen sich gesehen, wenn ihre Leistungen, Charaktereigenschaften, ihre Persönlichkeit oder ihr Engagement mündlich oder schriftlich benannt und gewürdigt werden – und zwar auch dann, wenn es keinen besonderen Anlass gibt. Für sie zählt vor allem, dass positives Feedback offen ausgesprochen wird. Besonders wirksam wird diese Form der Wertschätzung, wenn sie konkrete Beobachtungen oder Beispiele enthält.

2. Zeit als Ausdruck echter Wertschätzung

Für 25 % der Mitarbeitenden ist investierte Zeit die Form der Wertschätzung, die sie am stärksten wahrnehmen. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während Frauen insbesondere intensive Gespräche als Anerkennung empfinden, legen Männer häufiger Wert auf gemeinsame Erlebnisse oder berufliches Vorankommen. Für beide Gruppen gilt jedoch gleichermaßen, dass echtes Interesse entscheidend ist – sei es an ihren Ideen, an Projekten oder an neuen Aufgaben, die durch aufmerksam begleitete Verantwortung unterstützt werden. Zeit zu schenken, bedeutet hier vor allem, Präsenz zu zeigen und sich bewusst einem Menschen zuzuwenden.

3. Die Sprache der Taten: Hilfsbereitschaft als Wertschätzung

Der Grundsatz „Taten sagen mehr als tausend Worte“ prägt diese Form der Wertschätzung besonders stark. Für 22 % der Menschen ist praktische Unterstützung im Alltag oder Beruf ein zentraler Ausdruck von Anerkennung – idealerweise freiwillig und ohne Aufforderung. Entscheidend ist, dass diese Hilfe ehrlich, verlässlich und bedingungslos erfolgt. Wer unterstützt, um eine Gegenleistung zu erwarten, verfehlt den Kern dieser Wertschätzung. Im Mittelpunkt steht das aufrichtige Bedürfnis, anderen das Arbeiten oder den Alltag zu erleichtern.

4. Geschenke als persönliche Form der Wertschätzung

Für etwa 6 % der Menschen sind Geschenke die Form der Wertschätzung, die sie am stärksten berührt. Dabei geht es weniger um den materiellen Wert als um die Idee, die Aufmerksamkeit und die persönliche Bedeutung hinter der Geste. Ein Geschenk wirkt dann wertschätzend, wenn es zeigt: „Ich habe an dich gedacht.“ Deshalb lohnt es sich, bewusst auszuwählen und nicht einfach irgendetwas zu überreichen. Entscheidend ist die Passung – und dass das Geschenk die Person wirklich meint.

5. Körperliche Nähe im beruflichen Kontext – sensibel eingesetzt

Körperkontakt („Physical Touch“) ist eine Form der Wertschätzung, die im beruflichen Kontext besonders sensibel gehandhabt werden muss. Viele Menschen empfinden körperliche Nähe als unangenehm, weshalb etwas, das für die eine Person akzeptabel ist, für eine andere bereits ein Tabu darstellen kann. Laut Chapman und White spielt körperliche Wertschätzung ohnehin nur für etwa 1 % der Menschen eine Rolle. Umso wichtiger ist es, das eigene Team gut zu kennen und individuelle Grenzen konsequent zu respektieren. Nähe darf niemals vorausgesetzt werden. Ein kurzes, unverbindliches High Five nach einem gelungenen Einsatz ist für die meisten unproblematisch – darüber hinaus braucht es viel Fingerspitzengefühl.

Erstes Fazit

Die „Sprache der Wertschätzung“ am Arbeitsplatz verdient besondere Aufmerksamkeit. Zahlreiche Studien zeigen, dass Mitarbeitende, die sich wertgeschätzt fühlen, engagierter sind, mehr Ideen einbringen und mit größerer Zufriedenheit, Loyalität sowie Widerstandsfähigkeit überzeugen.

Wie sich die 5 Formen der Wertschätzung konkret in den Arbeitsalltag integrieren lassen, erfährst du im nächsten Artikel . Also, bleib dran.

Zum Weiterlesen

Buch zum Weiterlesen: The 5 Languages of Appreciation in the Workplace / Gary Chapman & Paul White