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Bereits 2300 v. Chr. waren die Tollwut und deren Übertragung vom Hund auf den Menschen bekannt. Louis Pasteur zeigte zu Beginn der 1880er-Jahre, dass das von ihm als Straßenvirus bezeichnete Agens an Kaninchen adaptiert und als Impfvirus verwendet werden kann. Das Tollwutvirus ist eines der ganz wenigen Viren, die durch Kontakt mit dem Menschen auf diesen effizient übertragen werden können.
Eigenschaften des Virus
Das Tollwutvirus(Lyssavirus, Rabiesvirus) gehört zur Familie Rhabdoviridae; es hat die Form eines einseitig abgerundeten Stabes und enthält eine einsträngige RNA, welche mehrere Innenkörperproteine und das Hüllglykoprotein kodiert. Mittels monoklonaler Antikörper können Isolate differenziert werden.
In austrocknendem Speichel verliert das Tollwutvirus seine Infektiosität innerhalb weniger Stunden. Während das Virus in ungekühlten Kadavern nach etwa 1 Tag inaktiviert ist, überlebt es in gekühltem Gewebe bis zu mehreren Tagen. Wie die meisten behüllten RNA-Viren ist das Tollwutvirus gegenüber den üblichen Konzentrationen von Desinfektionsmitteln (Formalin, Laugen, Säuren, quaternären Ammoniumbasen) empfindlich.
Pathogenese
Auf die Katze wird die Infektion hauptsächlich durch Bisse (perforierende Hautverletzungen) von infizierten Wildtieren übertragen; die Infektion kann aber auch über Schleimhäute der Maulhöhle (Fressen von infiziertem Gewebe) angehen. Auch sind Infektionen beschrieben, welche durch Verwendung von attenuierten, für die Katze nicht zugelassenen Lebendimpfstoffen verursacht wurden. Nach Bissverletzungen wird das Virus zunächst in Muskelzellen repliziert und wandert – nach Übertritt in die Nervenendigungen – entlang der Axone zum Rückenmark und zum Gehirn.
Die Inkubationszeit ist abhängig vom Alter der Katze, von der Inokulationsstelle, der Inokulationsdosis, vom Virusstamm und von der Dichte der Nervenendigungen an der Inokulationsstelle. Sie dauert 2 Wochen bis zu mehreren Monaten; in Einzelfällen sogar länger als 1 Jahr.
Die Infektion des limbischen Systems dürfte zu den beschriebenen Verhaltensstörungen führen. Nach Erreichen des Gehirns kommt es zu einer zentrifugalen Ausbreitung des Virus mit Beteiligung der Retina und der Speicheldrüsen. Virusausscheidung beginnt 1 Tag vor bis 3 Tage nach Auftreten der ersten Symptome und dauert bis zum Tod an, der rund 5 Tage nach Auftreten der ersten Symptome eintritt. Die Infektionsrate nach natürlicher Exposition ist unklar; nach experimenteller Infektion erreicht sie nie 100%.
Klinische Symptome und Verlauf
Bei der Tollwutinfektion können 2 Verlaufsformen beobachtet werden, nämlich eine aggressive und eine stumme Form. Bei der aggressiven Form wird meistens eine Prodromal-, Exzitations- und Lähmungsphase beobachtet, wobei diese nicht immer klar erkennbar sind:
- Das Prodromalstadium, welches 1–2 Tage andauert, ist gekennzeichnet durch Verhaltensänderungen (scheue Tiere werden zutraulich, vertraute Tiere werden scheu, Vokalisation), vergrößerte Pupillen und erhöhte Temperatur.
- Das Exzitationsstadium äußert sich in Muskelzuckungen, Koordinationsstörungen der Nachhand, vermehrtem Speichelfluss, aggressivem Verhalten (Fauchen, aufgekrümmter Rücken), Irritabilität und Schluckbeschwerden; es dauert 2–4 Tage.
- Das Exzitationsstadium wird abgelöst vom Lähmungsstadium (Dauer: 1–4 Tage), in welchem die Tiere ihre Aggression verlieren, zunehmend gelähmt werden und nach einer bis zu 1 Tag dauernden Agonie schließlich verenden.
Bei der stummen Verlaufsform werden nur eine Prodromal- und eine Lähmungsphase beobachtet. Die beim Hund beschriebene Kieferlähmung ist bei der Katze nicht bekannt. Die 3 Stadien werden nicht in jedem Krankheitsfall durchlaufen, auch sind sie oft nur unklar voneinander abgrenzbar.
Immunreaktion
Jungtiere geimpfter Katzen nehmen mit dem Kolostrum Antikörper auf, die bis über die 12. Lebenswoche bestehen können. Damit diese nicht mit der Impfung interferieren, dürfen Katzen nicht zu früh geimpft werden. Durch Vakzination können virusneutralisierende Antikörper induziert werden; die Titerhöhe lässt sich direkt mit dem Schutz korrelieren.
Natürliche Infektion führt erst spät zur Bildung von Antikörpern, d. h. nachdem sich das Virus im Nervensystem festsetzen und sich damit der direkten Antikörperwirkung entziehen konnte. Bei den äußerst seltenen Fällen, in denen das Tier die Infektion überstand, konnten hohe Titer virusneutralisierender Antikörper nachgewiesen werden.
Über die Rolle zytotoxischer T-Zellen bei natürlicher Tollwutinfektion der Katze ist nichts bekannt. Die Beobachtung, wonach im Experiment einzelne Katzen eine Tollwutinfektion überleben, ohne eine Serokonversion durchzumachen, deutet darauf hin, dass auch andere Mechanismen als die humorale Immunantwort eine Rolle spielen.
Labordiagnose
Eine verlässliche Labordiagnose ist beim lebenden Tier nicht bekannt. Bei Tollwutverdacht ist der Kopf des Tieres (flüssigkeitsdicht, gekühlt und gut verpackt) an ein auf Tollwutdiagnose spezialisiertes Labor einzusenden. Mittels einer Immunfluoreszenztechnik wird dort im Kleinhirn und im Hippokampus Tollwutvirus-Antigen nachgewiesen. Zusätzlich wird zur Bestätigung ein Zellkulturtest durchgeführt, in welchem Gehirnmaterial des zu untersuchenden Tieres auf Kaninchenzellen gebracht wird. Nach Inkubation lässt sich das Tollwutvirus mittels Immunfluoreszenz nachweisen.
Epidemiologie
Außer in Australien und der Antarktis kommt die Tollwut auf allen Kontinenten vor. Sie wird bei Haustieren nur dort beobachtet, wo Wildtollwut vorkommt; Katzen werden ausschließlich durch Wildtiere infiziert. Seit der obligatorischen Vakzinierung sind Tollwutfälle beim Hund kaum mehr bekannt. Gleichzeitig nahm die Bedeutung der Katze bei der Gefährdung des Menschen zu.
Etwa 80% der in der Schweiz postexpositionell geimpften Personen (n = > 10000) waren von einer Katze gebissen worden. Seit in der Schweiz, Deutschland und Österreich die Füchse erfolgreich gegen Tollwut geimpft werden, ist die Tollwut auch bei der Katze verschwunden.
Gelegentlich werden Katzen aber aus Ländern mit Wildtollwut (Nordafrika, Osteuropa inkl. Süden Russlands) importiert, was in Einzelfällen immer wieder zur Gefährdung der Kontaktpersonen führt. Deshalb ist auch weiterhin immer noch mit Tollwutfällen zu rechnen, die entsprechenden Bekämpfungsmaßnahmen müssen auch weiterhin in Betracht gezogen werden. Ferner ist auch in Ländern ohne terrestrische Tollwut gelegentlich mit Tollwutfällen zu rechnen, die durch Fledermäuse übertragen werden. Fledermäuse als Träger des EBLV1 oder 2 (= European Bat Lyssa Virus 1 oder 2) wurden in der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Norwegen nachgewiesen. Seit 1977 wurden in Europa über 1100 Tollwutinfektionen beim Menschen beobachtet, die durch EBLV bedingt waren [51].
Pathologie
Die feststellbaren Veränderungen sind minimal. Makroskopisch sind allenfalls während des Exzitationsstadiums eingetretene Verletzungen erkennbar. Mikroskopisch können im Hirnstamm und im Rückenmark perivaskuläre Leukozyteninfiltrationen beobachtet werden. Bei einem großen Teil der infizierten Tiere lassen sich im Zytoplasma von Neuronen des Hippokampus und des Kleinhirns Negri-Einschlusskörperchen nachweisen.
Impfung und Therapie
Impfung
Heute sind verschiedene hochwirksame inaktivierte Impfstoffe erhältlich. Wegen der Gefahr der Infektionsübertragung auf den Menschen ist die Anwendung der Tollwutvakzinen amtlich besonders streng geregelt. Obwohl die Biologie der Tollwutinfektion in ganz Europa sehr ähnlich sein dürfte, bestehen jedoch länderabhängige Unterschiede in den Impfvorschriften. Die Ländervorschriften sind strikt einzuhalten.
Die Erstimpfung sollte allgemein mit 12 Wochen erfolgen. Werden Jungtiere vor der 12. Woche geimpft, ist die Impfung mit 6 Monaten zu wiederholen; dies wegen der Unsicherheit vorbestehender maternaler Antikörper. Wiederholungsimpfungen sind heute meistens nach 3 Jahren empfohlen. Auch hier sind jedoch die Angaben des Herstellers zu beachten. In verschiedenen Ländern sind verschiedene Impfstoffe zugelassen, bei denen die Revakzinierungsintervalle kürzer sein können. Die Tollwutvakzinierung führt auch zu einem gewissen Schutz gegen die Fledermaus-Tollwut [51]. Bei einer vermuteten vorbestehenden Immunschwäche (z.B. FeLV- oder FIV-Infektion) ist die zu impfende Katze sorgfältig zu untersuchen und das Revakzinierungsintervall eventuell zu verkürzen.
Merke
Bei Grenzübertritt sind unbedingt die lokalen Vorschriften der Grenzbehörden zu beachten.
Therapie
Wegen der Gefährdung des Menschen ist von Therapieversuchen abzusehen.
Zoonotische Bedeutung
Das Tollwutvirus ist eines der ganz wenigen Viren, die durch Kontakt mit dem Menschen auf diesen effizient übertragen werden können. Etwa 80% der in der Schweiz postexpositionell geimpften Personen (n = > 10000) waren von einer Katze gebissen worden.
Dies ist ein Auszug aus:
Tollwutvirus. In: Lutz H, Kohn B, Forterre F, ed. Krankheiten der Katze. 6., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
(JD)



