NeurologieDas Vestibularsyndrom – Alles über Klinik & Diagnostik

Wenn sich bei Hunden und Katzen plötzlich alles dreht und schwankt, kommt oft das Vestibularsyndrom als Ursache infrage. Doch wie genau stellt es sich klinisch dar & was ist bei der Diagnostik sinnvoll?

Inhalt
Ein brauner Magyar Viszla mit langen Schlappohren sitzt vor einer herbstlichen Hecke.
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Bei einem Vestibularsyndrom handelt es sich um eine Erkrankung des Gleichgewichtsapparates.

Plötzliche Gleichgewichtsstörungen sind häufige Vorstellungsgründe in der Kleintierpraxis, insbesondere im Notdienst. Wie Sie zwischen einem peripheren und zentralen Vestibularsyndrom unterscheiden, was für Differenzialdiagnosen infrage kommen und welche diagnostischen Schritte sinnvoll sind, erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Kardinalsymptome eines Vestibularsyndroms

Der Vestibularapparat hält das Gleichgewicht aufrecht und ist zusammen mit dem visuellen und dem propriozeptiven System für die Orientierung und Koordination des Körpers und Kopfes im Raum sowie für die Augenposition und -bewegung in Relation zur Position und Bewegung des Kopfes verantwortlich. Dies wird durch die Verarbeitung von Informationen der Schwerkraft und Beschleunigung aus der Kopfposition und -bewegung erreicht.

Bei einem Vestibularsyndrom handelt es sich um eine Erkrankung des Gleichgewichtsapparates, das sich i. d. R. durch die Kombination folgender Kardinalsymptome recht einfach erkennen lässt:

  • Kopfschiefhaltung
  • Nystagmus
  • Ataxie
  • Übelkeit/Erbrechen

Kopfschiefhaltung

Das Tier zeigt eine deutliche Kopfschiefhaltung, bei der bis auf wenige Ausnahmen das Ohr der gesunden Seite deutlich höher gehalten wird als das Ohr der erkrankten Seite. Die Kopfschiefhaltung erfolgt also i. d. R. zur Läsion hin und der Kopf kippt zur erkrankten Seite [Abb. 1].

 

Nystagmus

Zudem zeigen die Patienten i. d. R. unfreiwillige, rhythmische Augenbewegungen (Nystagmus). Dieser kommt in verschiedenen Richtungen vor: horizontal, rotatorisch und vertikal. Meist kann man eine schnelle und eine langsame Phase beobachten. Beim horizontalen Nystagmus geht die schnelle Phase weg von der Läsion.

Merke

Ein vertikaler Nystagmus ist immer ein Hinweis auf eine zentrale Läsion.

Ataxie

Durch die Gleichgewichtsstörung zeigen die Tiere eine generalisierte Ataxie. Diese kann in manchen Fällen so stark ausgeprägt sein, dass das Tier nicht mehr gehfähig ist und sich entlang der Längsachse rollt. Bei noch gehfähigen Patienten tritt nicht selten auch ein Kreislaufen in eher kleinen Kreisen auf, dies erfolgt auch in Richtung der Läsion. Auch zur Seite Driften kann beobachtet werden.

Übelkeit/Erbrechen

Aufgrund der durch den Schwindel ausgelösten Übelkeit speicheln die Tiere oft vermehrt, zeigen eine Inappetenz oder sogar Vomitus.

Neurolokalisation – peripheres oder zentrales Vestibularsyndrom?

Das Vestibularsystem besteht aus einem peripheren und einem zentralen Anteil. Das Innenohr und der periphere Anteil des Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) bilden den peripheren Anteil. Die Kerngebiete der Nerven im Hirnstamm sowie die vestibulären Projektionen zum Kleinhirn, Rückenmark und rostralen Hirnstamm gehören zum zentralen Anteil des Vestibularsystems.

Die Neurolokalisation und damit die Beantwortung der Frage, ob es sich um ein peripheres oder zentrales Vestibularsyndrom handelt, ist insofern wichtig, dass die Lokalisation für die weiterführende Diagnostik, Therapie und Prognose von entscheidender Bedeutung ist. Das periphere Vestibularsyndrom kommt wesentlich häufiger vor und hat auch eine bessere Prognose.

Merke

Die Frage nach der Neurolokalisation kann meist mit einer gründlichen neurologischen Untersuchung beantwortet werden.

Neurologische Untersuchung

Zuerst sollte das Bewusstsein des Tieres beurteilt werden. Dies ist bei einer peripheren Erkrankung normal, kann aber bei einer zentralen Erkrankung mit Beteiligung des Hirnstamms abnormal bzw. reduziert sein.

Als nächstes werden die Haltung und der Gang beurteilt. Die Tiere zeigen i. d. R. eine Kopfschiefhaltung und eine generalisierte Ataxie, diese Symptome sind bei beiden Lokalisationen vorhanden. Bei einem zentralen Vestibularsyndrom können zusätzlich aber komplette oder halbseitige Lähmungen (ipsilateral) vorkommen und die Propriozeption ist bei zentralen Ursachen auch häufig ipsilateral beeinträchtigt (reduziert bis ausgefallen), hingegen beim peripheren Vestibularsyndrom normal.

Bei der Beurteilung der Kopfnerven fällt häufig ein Nystagmus auf. Dieser kann horizontal, rotatorisch oder vertikal sein. Ein vertikaler Nystagmus spricht für eine zentrale Ursache. Alle anderen Formen können bei beiden Lokalisationen vorkommen, genau wie der ventrale Strabismus. Ein besonderes Augenmerk sollte auf zusätzliche Kopfnervenausfälle gelegt werden. Bei einem peripheren Vestibularsyndrom ist eine gleichseitige Fazialisparese möglich. Auch ein gleichseitiges Horner-Syndrom – erkennbar als eine Kombination aus Miosis, Enophthalmus mit Nickhautvorfall und Ptosis – kommt mitunter vor. Beide Ausfälle werden durch das Übergreifen der Mittelohrpathologie auf das naheliegende Nervengewebe verursacht. Bei einem zentralen Vestibularsyndrom sind zusätzliche Hirnnervenausfälle (V., VI., VII., IX., X., XII.) aufgrund der Nähe der Kerngebiete im ZNS zueinander möglich, da die ursächliche Erkrankung diese Regionen mit beeinträchtigt. [Tab. 1] fasst noch einmal die wichtigsten Befunde der neurologischen Untersuchung beim peripheren und zentralen Vestibularsyndrom zusammen.

 

neurologische Untersuchung peripheres Vestibularsyndrom zentrales Vestibularsyndrom
Bewusstsein normal evtl. abnormal
Kopfschiefhaltung vorhanden vorhanden
Gangbild generalisierte Ataxie generalisierte Ataxie, Hemi- oder Tetraparese
Propriozeption normal abnormal
Nystagmus horizontal, rotatorisch horizontal, rotatorisch und vertikal
Strabismus ventral ventral
Kopfnervenausfälle VII., (Horner-Syndrom) V., VI., VII., IX., X., XII.

Wie genau ist die Neurolokalisation aufgrund der neurologischen Untersuchung?

In einer Studie, in der die Neurolokalisation bei Hunden mit Vestibularsyndrom anhand der neurologischen Untersuchung mit der anschließenden Diagnosestellung mittels MRT-Untersuchung verglichen wurde, konnte nachgewiesen werden, dass die Identifikation des zentralen Vestibularsyndroms mit rund 98% sehr gut gelang. Beim peripheren Vestibularsyndrom wurden rund 77% der Hunde richtig als peripher eingeschätzt. Knapp ¼ der als peripher eingestuften Hunde stellten sich dann in der Diagnostik als zentral heraus.

Merke

Bei Patienten, die Anzeichen eines zentralen Vestibularsyndroms zeigen, kann anhand der neurologischen Untersuchung recht sicher eine zentrale Lokalisation diagnostiziert werden; fehlen diese Hinweise in der Untersuchung jedoch, kann eine zentrale Genese nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Sonderform: bilaterales Vestibularsyndrom

In einigen Fällen kann es zu einer beidseitigen Erkrankung des Vestibularsystems kommen, die beidseits auch annähernd gleich schwer ausgeprägt ist. Diese Patienten zeigen zwar eine generalisierte Ataxie und einen breitbeinigen Stand, aber keine Kopfschiefhaltung, sondern eher eine pendelnde (oder „suchende“) Bewegung des Kopfes. Zudem fällt bei diesen Patienten der physiologische Nystagmus, der durch ein Hin- und Her-Bewegen des Kopfes überprüft werden kann, aus.

Sonderform: paradoxes Vestibularsyndrom

In wenigen zentralen Fällen tritt ein paradoxes Vestibularsyndrom auf, bei dem die Seite der Kopfschiefhaltung und des Nystagmus und die Seite der propriozeptiven Ausfälle sich nicht decken. In diesen Fällen liegt die (meist neoplastische) Läsion im zerebellopontinen Winkel.

Peripheres Vestibularsyndrom: Differenzialdiagnosen

Idiopathisches Vestibularsyndrom

Die häufigste Ursache für ein peripheres Vestibularsyndrom beim Hund stellt das idiopathische Vestibularsyndrom dar. Oft wird es auch als geriatrisches Vestibularsyndrom beim Hund bezeichnet, da es v. a. bei älteren Hunden vorkommt. Bei der Katze kommt das idiopathische Vestibularsyndrom in allen Altersklassen vor und stellt die zweithäufigste Ursache für ein peripheres Vestibularsyndrom dar.

Ohrenentzündung

Eine der häufigsten Ursachen beim Hund und die häufigste Ursache für ein peripheres Vestibularsyndrom bei der Katze ist die Otitis media et interna. Diese kommt v. a. bei der Katze oft im Zusammenhang mit nasopharyngealen und auralen Polypen vor.

Neoplasien

Bei Hund und Katze werden regelmäßig Neoplasien als Ursache des peripheren Vestibularsyndroms festgestellt. Eine Sonderform stellt hier das Cholesteatom dar, da dies keine echte Neoplasie darstellt. Die gutartige, aber aggressiv wachsende Epidermoidzyste kann zu chronischen Entzündungen des Mittelohres und des angrenzenden Gewebes führen und somit ein peripheres Vestibularsyndrom auslösen.

Weitere Ursachen

Beim Hund kann auch eine Hypothyreose zu einem peripheren Vestibularsyndrom führen und sollte daher als Ursache mit abgeklärt werden. Eine Behandlung mit ototoxischen Substanzen kommt ebenfalls als Ursache in Betracht und sollte anamnestisch ausgeschlossen werden. Bei Jungtieren kommt das kongenitale Vestibularsyndrom meist im Zusammenhang mit angeborener Taubheit vor. In [Tab. 2] werden die gängigsten Ursachen eines peripheren Vestibularsyndroms geordnet nach dem VETAMIN-D-Schema zusammengefasst.

 

Ätiologie Differenzialdiagnosen
V (vaskulär) /
E (entzündlich) Otitis media et interna, nasopharyngealer Polyp
T (traumatisch) Trauma Bulla/Innenohr, Fremdkörper im Gehörkanal mit nachfolgender Entzündung
A (angeboren) kongenitales Vestibularsyndrom
M (metabolisch) ototoxische Substanzen (Metronidazol), Hypothyreose
I (idiopathisch) idiopathisches/geriatrisches Vestibularsyndrom
N (neoplastisch) Neoplasie des Gehörgangs oder des Knochens, Neurofibrom des N. vestibulocochlearis, Cholesteatom
D (degenerativ) /

Zentrales Vestibularsyndrom: Differenzialdiagnosen

Die häufigsten Ursachen für ein zentrales Vestibularsyndrom stellen Neoplasien und (Meningo-)Enzephalitiden dar. Bei Letzteren handelt es sich meist entweder um aszendierende bakterielle Entzündungen aufgrund von einer Otitis media et interna oder um autoimmunbedingte (Meningo-)Enzephalitiden (MUO, Meningoencephalitis of Unknown Origin). Zudem kommen vaskuläre Ursachen wie Hypertension und Infarkt in Betracht. Bei Katzen trifft man auch regelmäßig auf eine Thiaminmangel-Enzephalopathie, die zu teils hämorrhagischen, teils ödematös-spongioformen, bilateral symmetrischen Veränderungen u. a. in den Vestibulariskernen führt. [Tab. 3] fasst die wichtigsten Ursachen eines zentralen Vestibularsyndroms geordnet nach dem VETAMIN-D-Schema zusammen.

 

Ätiologie Differenzialdiagnosen
V (vaskulär) Infarkt, Blutung, hypertensive Enzephalopathie
E (entzündlich) (Meningo-)Enzephalitis: autoimmun (MUO, Meningoencephalitis of Unknown Origin), infektiös (aszendierende bakterielle Otitis media et interna, FIP, Toxoplasmose, Neosporose, Kryptokokkose, Staupe, andere Infektionen)
T (traumatisch) Schädel-Hirn-Trauma (erhöhter intrakranieller Druck)
A (angeboren) Hydrocephalus internus, quadrigeminale arachnoidale Zyste, arachnoidale Zysten im Kleinhirn, Chiari-like-Malformation, Dandy-Walker-Syndrom
M (metabolisch) Thiaminmangel, Metronidazol-Intoxikation, metabolisches Koma
I (idiopathisch) /
N (neoplastisch) Lymphom, Meningiom, Gliazelltumore, Choroid-Plexus-Tumore, Knochenneoplasien, Medulloblastom, Metastasen
D (degenerativ) angeborene neurodegenerative Erkrankungen: lysosomale Speicherkrankheiten, zerebelläre Abiotrophie

Diagnostik

Nach der neurologischen Untersuchung und der darauf basierend erfolgten Neurolokalisation sollte in der Allgemeinuntersuchung auf Hinweise einer zugrunde liegenden Erkrankung geachtet werden. Nachträglich sollten auch Symptome wie Ohrenkratzen oder rezidivierende Otitiden erfragt werden. Auch der zeitliche Verlauf (akut einsetzend, langsam progressiv) kann bei der Wertung der Differenzialdiagnosen und damit der Auswahl der richtigen diagnostischen Schritte hilfreich sein.

Zur diagnostischen Aufarbeitung eines Patienten mit Vestibularsyndrom empfiehlt es sich, ein Blutbild und eine Blutchemie inklusive der Schilddrüsenwerte durchzuführen. Zudem ist es immer ratsam, den Blutdruck zu kontrollieren, wobei der derzeitige Stress des Tieres durch die Gleichgewichtsstörung berücksichtigt werden muss.

Bei Verdacht auf ein peripheres Vestibularsyndrom sollte eine Otoskopie durchgeführt werden. Hier können neben Rötungen und Entzündungen im äußeren Gehörgang ggf. auch eine Vorwölbung sowie eine milchige Trübung des Trommelfells (hinweisend auf eine Mittelohrerkrankung) festgestellt werden.

Röntgenologisch könnte eine Mittelohrpathologie durch das Röntgen der Bulla tympanica in Schrägaufnahmen und durch eine rostroventrale-kaudodorsale Projektion durch den geöffneten Fang diagnostiziert werden. Dies wird allerdings zunehmend durch moderne Schnittbildverfahren wie die Computertomografie abgelöst [Abb. 2]. Als Goldstandard zur Abklärung von Mittelohrpathologien wird derzeit eine Kombination aus CT des Kopfes und einer nachfolgenden Endoskopie der Ohren empfohlen.

 

Für die Darstellung zentraler Ursachen und damit die Beurteilung des Gehirnparenchyms, aber auch für die Darstellung der Innenohren ist eine Magnetresonanzuntersuchung das Mittel der Wahl. Zur vollständigen Abklärung zentraler Ursachen sollte auch immer eine Liquoruntersuchung erfolgen [Abb. 3]. Dies wird auch bei Patienten mit einer Otitis media et interna empfohlen, bei denen klinisch oder nach der Bildgebung der Verdacht auf einen Durchbruch der bakteriellen Entzündung ins zentrale Nervensystem besteht.

 

Zur Überprüfung der Funktion des Innenohres – insbesondere des Hörvermögens – kann eine spezielle Form der Elektrodiagnostik, die sogenannte BAER (Brainstem Auditory Evoked Response), durchgeführt werden.

 

Mehr zum Thema:

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

Gutmann S. Wenn es plötzlich dreht und schwankt – das Wichtigste zum Vestibularsyndrom bei Hund und Katze. kleintier konkret 2025; 28(05): 20 - 27. doi:10.1055/a-2692-4921

(JD)

 

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Dr.med. vet. Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit den Zusatzbezeichnungen Neurologie sowie Physiotherapie. Zudem ist sie Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Medizin und Rehabilitation für Hunde. 
Ihre Patienten betreut sie in ihrer eigenen Praxis „NEUROVETMOVE - Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie“, Hauptstraße 35 in 04416 Markkleeberg.

Ihr Originalbeitrag „Wenn es plötzlich dreht und schwankt – das Wichtigste zum Vestibularsyndrom bei Hund und Katze“ erschien in der Kleintier konkret.