NachhaltigkeitNachhaltigkeit trifft Tiermedizin

Nachhaltigkeit heißt, Ressourcen zu schonen und die Zukunft nicht zu belasten. Dabei schützt nachhaltiges Handeln nicht nur Umwelt und Tiere, sondern stärkt Vertrauen, Gesundheit und das Praxisimage.

Inhalt
Eine getigerte Katze liegt in ihrem Transportkorb beim Tierarzt und wird von einer Person gestreichelt.
VetTrust AG
Nachhaltigkeit ist auch in der Kleintiermedizin kein Zukunftsthema mehr.

Einleitung

Nachhaltigkeit bedeutet, die Bedürfnisse der Gegenwart zu erfüllen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen einzuschränken. Damit dies gelingt, müssen Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen berücksichtigt und alle Ressourcen bewusst geschützt werden [1].

Auch in der Tiermedizin wird deutlich, wie wichtig dieses Prinzip ist: Abfälle, Lieferwege, Medikamente und Anästhesiegase beeinflussen die Klimabilanz erheblich. Schätzungen zufolge stammen weltweit rund 4,5% der Treibhausgasemissionen aus dem Gesundheitssektor. Dies entspricht 50 Millionen Tonnen CO2-Gasen. Davon resultieren etwa 5 Millionen Tonnen CO2 allein aus der Verwendung von Narkosegasen [2].

Die durch die UNO im Jahr 2015 gewählten 17 Nachhaltigkeitsziele – die Sustainable Development Goals (SDG) – finden sich auch in der Tiermedizin wieder. Die SDG 3 („Gesundheit und Wohlergehen“) wird durch Zoonosen beeinflusst, die SDG 14 („Leben unter Wasser“) und die SDG 15 („Leben an Land“) korrelieren mit der Gabe von Medikamenten und dem Vorhandensein ihrer Rückstände in Wasser und Boden [3].

Nachhaltiges Handeln in der Tiermedizin schützt somit nicht nur unsere natürlichen Ressourcen und das Klima, sondern trägt wesentlich zur Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt bei, was dem One-Health-Ansatz gemäß der WHO entspricht. Ziel des Konzeptes ist es, Zoonosen, Antibiotikaresistenzen und andere globale Gesundheitsrisiken besser zu verhindern und zu bekämpfen [4].

Warum Nachhaltigkeit auch in der Tiermedizin wichtig ist

Für Praxen bedeutet Nachhaltigkeit, Verantwortung gegenüber Umwelt, Gesellschaft und zukünftigen Generationen zu übernehmen, damit auch diese ihre Bedürfnisse vollständig befriedigen können [Abb. 1].

 

Nachhaltigkeit bietet zahlreiche Vorteile: Sie schont Ressourcen, senkt Kosten, stärkt das Unternehmensimage und erleichtert die Rekrutierung neuer Mitarbeitender. Besonders die jüngeren Generationen legen großen Wert auf Klimaschutz, wodurch ein nachhaltiger Arbeitgeber besonders attraktiv wirkt. Auch für viele Kunden spielt das Vorhandensein ökologischer Maßnahmen bei der Wahl ihrer Vertrauenspraxis eine zunehmend wichtige Rolle [5].

Merke

Vertrauen ist in der Tierarztpraxis ein wichtiges Gut – so wählen Kundinnen und Kunden ihre Vertrauenspraxis zunehmend auch anhand der ökologischen Aspekte.

Motivation der Mitarbeitenden

Laut einer internen Umfrage der VetTrust AG, einer Gruppe von knapp 40 Tierarztpraxen in der Schweiz mit rund 400 Mitarbeitenden, ist die Bereitschaft für Veränderung groß. Mitarbeitende wünschen sich Maßnahmen im Alltag und setzen bereits Vieles um, vom Recycling über die Reduktion von Stromverbrauch, die Anpassung des Bestellprozesses bis zur Digitalisierung. Besonders positiv: Fast alle würden zusätzliche nachhaltige Schritte aktiv unterstützen. Durch die Motivation der Mitarbeitenden ist ein entscheidender Grundstein für den Aufbau einer nachhaltigen Zukunft in der Tiermedizin gelegt.

Merke

Motivation ist der Schlüssel, denn Nachhaltigkeit gelingt, wenn die Mitarbeitenden mitziehen.

Ein Nachhaltigkeitsprojekt starten

Aller Anfang ist schwer – doch kleine Schritte zeigen schnell Wirkung. Damit die Erfolge nicht einzeln bleiben, lohnt sich ein klar strukturiertes Vorgehen:

  1.  internes Nachhaltigkeitsteam bilden – motivierte Mitarbeitende einbinden, die als Vorbildfunktion den Rest des Teams mitziehen
  2. Ziele setzen – realistisch und messbar, z. B. 10% weniger Stromverbrauch
  3. Kennzahlen (KPIs) definieren – etwa Recyclingquote, Abfallmenge, Stromverbrauch oder CO2-Bilanz, damit der Erfolg gemessen und sichtbar gemacht werden kann
  4. Pilotprojekte umsetzen – kleine Schritte testen, Ergebnisse evaluieren
  5. Kommunikation sichern – intern und extern über Fortschritte berichten, Erfolge sichtbar machen
  6. Erfolge feiern – auch kleine Erfolge sollen gefeiert werden; das hilft im Marketing und in der Mitarbeitendenmotivation

Solche Projekte schaffen Verbindlichkeit und halten die Motivation hoch, was ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.

Erste Wege zu einer nachhaltigeren Praxis

Nachdem das Nachhaltigkeitsteam definiert wurde, gilt es, Ziele für die eigene Praxis zu wählen. Nachhaltigkeit ist möglich, ohne Abstriche in der medizinischen Qualität und Quantität in Kauf nehmen zu müssen. Besonders wirkungsvoll sind die im Folgenden beschriebenen Bereiche.

Abfallmanagement

Einen positiven Einfluss hat die konsequente Trennung von Glas, Papier, PET und Aluminium. Zusätzlich kann eine Reduktion von Einwegartikeln durch einen bewussten Umgang erreicht werden.

Energieeffizienz

Eine Reduktion des Stromverbrauchs wirkt sich direkt positiv auf das Klima aus. Dies gelingt beispielsweise, indem elektronische Geräte und Beleuchtung nur bei Bedarf genutzt werden. Geräte sollten außerhalb der Praxisöffnungszeiten konsequent ausgeschaltet bleiben und Licht ausschließlich in Räumen eingeschaltet sein, in denen sich Kunden und Patienten oder Mitarbeitende aufhalten. Auch der Betrieb von Geräten im Akkumodus ist sinnvoll, denn er spart Strom und verlängert zugleich die Lebensdauer der Geräte (geräteabhängig). Weitere wirksame Maßnahmen sind die Umstellung auf LED-Beleuchtung sowie, wenn möglich, der Einsatz erneuerbarer Energien. Bei Neuanschaffungen elektronischer Geräte sollte außerdem auf eine gute Energieeffizienzklasse geachtet werden.

Nachhaltiger Medikamenteneinsatz

Durch Sensibilisierung und Aufklärung im Umgang mit Antibiotika und Antiparasitika lässt sich die Umweltbelastung deutlich reduzieren. Ein gezielter und verantwortungsvoller Einsatz verhindert Resistenzen, senkt den Medikamentenverbrauch und trägt dazu bei, Rückstände in Böden und Gewässern zu vermeiden.

Umweltfreundliche Anästhesie

In der Humanmedizin in der Schweiz sind klimafreundlichere Anästhesieverfahren bereits weit verbreitet, in der Tiermedizin dagegen noch wenig etabliert. Besonders relevant ist das häufig genutzte Narkosegas Isofluran: Es gehört zu den Treibhausgasen, wirkt stark klimaaktiv und hat zusätzlich eine ozonschädigende Wirkung. Eine praktikable Alternative ist Sevofluran. Dieses ist weniger klimaschädigend, nicht ozonschädigend, verweilt deutlich kürzer in der Atmosphäre (nur 1 Jahr statt wie Isofluran 3 Jahre) und kann teilweise aus Absorbern zurückgewonnen und recycelt werden. Zum Vergleich: Isofluran ist 510-fach und Sevofluran 130-fach klimaaktiver als CO2. Für den Einsatz sind allerdings spezielle Sevofluran-Verdampfer notwendig. Darüber hinaus lässt sich der Klimaeinfluss durch Low-Flow-Anästhesie deutlich senken, da weniger Frischgas benötigt wird [6] [7] [8].

Digitalisierung

Digitale Prozesse sparen nicht nur Papier, sondern auch Zeit und Kosten. Elektronische Patientenakten, digitale Terminplanung, Rechnungsstellung und Quittungen reduzieren den Ressourcenverbrauch spürbar. Auch papierlose Formulare, digitale Röntgenarchivierung sowie Impf- oder Medikamentenerinnerungen per App oder E-Mail bieten großes Potenzial. Schon kleine Schritte, wie etwa der Verzicht auf Ausdrucklisten, summieren sich zu einer spürbaren Entlastung, sowohl für die Umwelt als auch für die Geldbörse.

Vorteile für die Tierarztpraxis

Mit der Umsetzung der oben genannten Maßnahmen haben Praxen gleich 2 Vorteile: Zum einen werden Ressourcen und Kosten gespart, zum anderen nehmen sie eine wichtige Vorbildrolle ein. Da 44% der Haushalte in Deutschland mindestens ein Haustier haben, erreicht die Tiermedizin eine große Öffentlichkeit [9]. Wer Nachhaltigkeit im Praxisalltag sichtbar lebt und kommuniziert, sensibilisiert nicht nur Mitarbeitende, sondern auch Patientenbesitzer und stärkt gleichzeitig das Vertrauen und die Bindung zur eigenen Praxis [5].

Eine Auflistung möglicher Maßnahmen, um die Praxis nachhaltiger zu gestalten, ist in [Tab. 1] zu finden.

 

Tab. 1 - Maßnahmenübersicht für eine nachhaltige Praxis.
Maßnahme Nutzen Aufwand
Recycling-System einführen Abfallreduktion, positive Außenwirkung gering
Low-Flow-/Sevofluran-/TIVA-Anästhesie weniger Treibhausgase, Kosteneinsparung mittel (Schulung/Technik)
Stromverbrauch optimieren Energie- und Kostenreduktion gering
Geräte im Akkubetrieb nutzen spart Strom, verlängert Geräte-Lebensdauer gering
Umstellung auf LED-Beleuchtung weniger Energieverbrauch, längere Haltbarkeit gering–mittel
digitale Patientenakte & Quittungen Papier- und Ressourcenschonung mittel (EDV)
Impf- und Medikamentenerinnerungen per App oder E-Mail höhere Compliance, weniger Papier, bessere Betreuung gering–mittel
Schulung zum Medikamenteneinsatz weniger Umweltbelastung, höhere Sicherheit gering–mittel
Sammelbestellungen organisieren reduzierte Transportwege und Verpackungsmaterialien gering

Nächster Schritt: Key Performance Indicators (KPIs) wählen

Nachhaltigkeit funktioniert, wenn Fortschritte messbar und sichtbar sind. Key Performance Indicators (KPIs) sind dafür ein unverzichtbares Werkzeug: Sie zeigen, welche Maßnahmen Wirkung zeigen, wo Verbesserungen möglich sind, und machen Erfolge für das ganze Team sichtbar.

Ein zentraler KPI ist der CO2-Fußabdruck der Praxis. Er fasst die Auswirkungen aller Maßnahmen zusammen und gibt Aufschluss darüber, ob die Praxis insgesamt klimafreundlicher arbeitet. Zur Berechnung können Praxen externe Zertifizierungen nutzen oder interne Bilanzierungen durchführen, z. B. nach dem Greenhouse Gas Protocol, das Emissionen in 3 Bereiche (Scope 1 – 3) unterteilt. Energieverbrauch, Medikamentenkäufe oder Fahrzeugkilometer werden in CO2-Äquivalente umgerechnet, wodurch die Erfolge direkt sichtbar werden [5].

Durch eine Zertifizierung wird der ökologische Erfolg der Praxis für Mitarbeitende und Kunden nachvollziehbar. Es existieren derzeit keine speziellen Umweltzertifizierungen für die Tiermedizin, doch externe Zertifikate können helfen, das nachhaltige Engagement der Praxis nach außen glaubwürdig zu kommunizieren. Externe Zertifikate wie ISO 14 001 dokumentieren ein funktionierendes Umweltmanagementsystem und signalisieren Kundinnen und Kunden, Mitarbeitenden und Partnern, dass Nachhaltigkeit in der Praxis ernst genommen wird [10].

KPIs motivieren das Team, schaffen Transparenz und helfen, Nachhaltigkeit langfristig im Praxisalltag zu verankern. So können auch eigene, interne KPIs genutzt werden. Diese können unabhängig von einer externen Fachstelle etabliert und auf Erfolg geprüft werden. Mögliche praxisinterne KPIs sind in [Tab. 2] aufgeführt.

 

Tab. 2 - Auswahl möglicher KPIs, um Nachhaltigkeit messbar und sichtbar zu machen.
KPI Nutzen Aufwand
CO2-Fußabdruck der Praxis Gesamtwirkung aller Maßnahmen sichtbar, Verbesserung der Klimabilanz mittel–hoch (Daten sammeln, Berechnung nach Greenhouse Gas Protocol oder externe Zertifizierung)
Recyclingquote zeigt, wie konsequent die Abfalltrennung umgesetzt wird gering–mittel (regelmäßige Kontrolle der Abfalltrennung)
Stromverbrauch pro Monat/ pro Patient Energieeinsparungen und Effizienz sichtbar machen gering–mittel (Stromzähler auswerten, ggf. Software nutzen)
Papierverbrauch reduziert Ressourcenverbrauch, zeigt Wirkung digitaler Prozesse gering (Papierverbrauch protokollieren)
Verbrauch Einwegartikel/ Medikamente unterstützt nachhaltigen Material- und Medikamenteneinsatz mittel (Bestell- und Verbrauchsdaten erfassen)
Mitarbeitendenbeteiligung Motivation und Engagement sichtbar machen gering–mittel (Feedback, Beteiligung an Projekten dokumentieren)

Merke

Nur wer seine Erfolge sichtbar macht, kann Nachhaltigkeit dauerhaft etablieren.

Fazit

Nachhaltigkeit ist auch in der Kleintiermedizin kein Zukunftsthema mehr. Abfälle, Energieverbrauch, Anästhesiegase und Lieferketten belasten Klima und Umwelt, doch es gibt zahlreiche praktikable Lösungen, die bereits heute in der Praxis umgesetzt werden können. Besonders ermutigend ist die hohe Motivation in Tierarztpraxen: Erste Erfolge wie Recycling, Stromreduktion, Digitalisierung oder nachhaltiger Medikamenteneinsatz zeigen, dass Veränderung möglich ist und dies oft schon durch kleine, gezielte Schritte.

Wer jetzt handelt, schützt Ressourcen, verbessert die Wettbewerbsposition seiner Praxis und motiviert Mitarbeitende sowie Kunden gleichermaßen. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Investment in die Zukunft. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in gut geplanten Projekten, messbaren Fortschritten (KPIs) und einem motivierten Team, das gemeinsam Verantwortung übernimmt.

 

  1. Schweizer Eidgenossenschaft – Bundesamt für Raumentwicklung ARE. (2012) Nachhaltige Entwicklung in der Schweiz – Ein Wegweiser. https://www.are.admin.ch/dam/de/sd-web/CAOSvTrIePFh/nachhaltige_entwicklunginderschweizeinwegweiser.pdf (Access: ) Stand: 05.11.2025
  2. Müller S, Wulf H. Einfluss der Anästhesiegase auf den Klimawandel. Anästh Intensivmed 2023; 64: 418-427
  3. Adrian-Kalchhauser I, Mevissen M. Zugänge zu Nachhaltiger Entwicklung Veterinärmedizin (2023). https://www.bne.unibe.ch/unibe/portal/microsites/BNE/content/e497824/e504014/e1361413/e1361414/pane1361415/e1460724/Veterinarmedizin_NE_Zugange_ger.pdf (Access: ) Stand: 05.11.2025
  4. World Health Organization. One Health (2017). https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/one-health?utm_source=chatgpt.com (Access: ) Stand: 05.11.2025
  5. Watson JA, Klupiec C, Bindloss J. The path to Net Zero carbon emissions for veterinary practice. Front Vet Sci 1023; 10: 1240765
  6. Alef M. Zurück in die Zukunft? Gedanken zur Nachhaltigkeit in der Anästhesie. Kleintier konkret 2025; 28: 17-26
  7. USZ – Universitätsspital Zürich. Nachhaltigkeit in der medizinischen Versorgung. https://www.usz.ch/ueber-das-usz/nachhaltigkeit/nachhaltigkeit-in-der-medizinischen-versorgung/ (Access: ) Stand: 05.11.2025
  8. Zacharowski K. Green Hospital – Medizin ohne CO2-Fußabdruck?. Anästh Intensivmed 2023; 64: 433-437
  9. Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V.. Der deutsche Heimtiermarkt T. Struktur & Umsatzdaten 2024. https://www.zzf.de/marktdaten/heimtiere-in-deutschland (Access: ) Stand: 19.11.2025
  10. SWISO GmbH. ISO 14001 Zertifizierung. https://www.swiso.ch/de/zertifizierungen-ueberpruefungen/iso-14001-zertifizierungen?gad_source=1&gad_campaignid=1625311590&%20gclid=Cj0KCQjwu7TCBhCYARIsAM_S3NiEkOLxLehgxVNFuVrukuehz6PVZYn8kyHL84Euhxrb0IBeAKbNuI8aAkzWEALw_wcB (Access: ) Stand: 05.11.2025

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

Rohner J. Nachhaltigkeit trifft Tiermedizin. kleintier konkret 2025; 28(06): 50 - 53. doi:10.1055/a-2672-9935

(JD)

Janine Rohner ist Senior Operations Manager bei VetTrust, einer tiermedizinischen Gesundheitsgruppe in der Schweiz.

Ihr Originalbeitrag„Nachhaltigkeit trifft Tiermedizin“ erschien in der Kleintier konkret.