BlogGlücklich und zufrieden – Wege aus dem Hamsterrad im tierärztlichen Alltag

Wie kann ein psychisch gesunder Mensch sein Gefühlsleben durch positive Psychologie selbst steuern?

Konzeptzeichnung, junge Frau umgeben von Stressfaktoren
Mary Long - stock.adobe.com
Unsere Charakterstärken sind eng mit unserem beruflichen und persönlichen Alltag verwoben.

Glück und Zufriedenheit sind Themen, die uns alle bewegen. Im letzten Beitrag haben wir bereits die ersten Tugenden der Positiven Psychologie nach Martin Seligman beleuchtet, die wesentlich zur persönlichen Zufriedenheit beitragen. Heute stelle ich die verbleibenden 3 Tugenden vor.

Martin Seligman geht in seinem Konzept der Positiven Psychologie davon aus, dass ein psychisch gesunder Mensch sein Gefühlsleben weitgehend selbst steuern kann. Er beruft sich auf die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, dass wir lebenslang lernen und auch unseren Charakter schulen können. Diese Einstellung kann ich nur unterstreichen. Auch in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen erlebe ich immer wieder, was an Veränderungen möglich ist, wenn man es möchte!
Seligman empfiehlt, in der Auswahl der Tugenden und Eigenschaften die persönlichen Stärken zu ermitteln und weiter auszubauen. Es geht nicht um Vollständigkeit, sondern um Individualität. Nicht jede Person kann jede Eigenschaft zu 100% ausfüllen.

Wiederholung: Die 6 Tugenden nach Martin Seligman

Martin Seligman unterscheidet in seinem VIA Modell 6 Tugendbereiche (virtues). Unter jeder Tugend liegen mehrere Charakterstärken (character strengths), also konkrete, beobachtbare Qualitäten.

Die 6 Tugenden sind:

1.    Weisheit und Wissen

2.    Mut

3.    Menschlichkeit

4.    Gerechtigkeit

5.    Mäßigung

6.    Transzendenz

Diese 6 Bereiche sind die „Dächer“, unter denen die einzelnen Stärken gruppiert sind. Die ersten 3 Stärken habe ich im Blogartikel angesprochen. Heute geht es um Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz.

Die Tugend Gerechtigkeit

Gerechtigkeit als Tugend umfasst Fairness, Teamfähigkeit und Führungsstärke. Sie beschreibt die Fähigkeit, Gruppen zu leiten, Entscheidungen transparent zu treffen und Gleichbehandlung zu fördern.

Loyalität
Loyalität beschreibt die Verlässlichkeit, mit der wir zu Menschen, Werten und Aufgaben stehen. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Beziehungen zu schützen und auch in schwierigen Momenten hinter anderen zu stehen. Loyalität ist kein blinder Gehorsam, sondern eine bewusste Entscheidung für Integrität und Verbundenheit. Sie schafft Vertrauen, Stabilität und ein Gefühl von Zugehörigkeit – im Team ebenso wie in langfristigen beruflichen Beziehungen.

Fairness
Fairness bedeutet, Menschen gleichwertig zu behandeln, Entscheidungen transparent zu treffen und eigene Vorurteile kritisch zu hinterfragen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen und Gerechtigkeit nicht als abstrakten Wert, sondern als gelebte Haltung zu verstehen. Fairness schafft Räume, in denen sich Menschen sicher fühlen, weil sie wissen, dass ihre Stimme zählt und ihre Bedürfnisse gesehen werden.

Führungsqualität
Führungsqualität ist die Stärke, andere zu leiten, ohne sie zu dominieren. Sie zeigt sich in Klarheit, Orientierung und der Fähigkeit, Menschen zu befähigen, statt zu kontrollieren. Gute Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig die Potenziale anderer zu erkennen und zu fördern. Sie ist weniger ein Titel als eine Haltung: präsent, zugewandt und verlässlich. 
In der Praxis zeigt sich Führungsqualität, wenn wir Aufgaben klar verteilen, Rückhalt geben und gleichzeitig Raum für eigenständiges Arbeiten schaffen.
(Wenn du dich genau in dieser Qualität weiterentwickeln möchtest, besuche gerne meine Homepage. Denn genau hier liegt mein Wissen und meine Expertise, die ich gerne an dich weitergebe: www.lisaleiner.de)

Die Tugend Mäßigung

Diese Tugend schützt vor Übertreibung: Selbstregulation, Bescheidenheit, Vergebung und Umsicht. Sie hilft, Konflikte zu entschärfen und sich selbst im Gleichgewicht zu halten.

Selbstkontrolle
Selbstkontrolle beschreibt die Fähigkeit, Impulse zu regulieren und bewusst zu handeln, statt reflexhaft zu reagieren. Sie zeigt sich in Momenten, in denen wir innehalten, bevor wir sprechen, oder uns entscheiden, nicht jeder Emotion sofort Ausdruck zu verleihen. Selbstkontrolle schafft innere Stabilität und ermöglicht es, auch in herausfordernden Situationen klar und respektvoll zu bleiben.
Selbstkontrolle zeigt sich im tierärztlichen Alltag z.B., wenn wir trotz Stress freundlich bleiben – etwa bei schwierigen Besitzer*innen oder unerwarteten Komplikationen.

Klugheit
Klugheit ist die praktische Weisheit des Alltags – die Fähigkeit, abzuwägen, vorausschauend zu handeln und Risiken realistisch einzuschätzen. Sie zeigt sich in Entscheidungen, die nicht nur kurzfristig sinnvoll sind, sondern langfristig tragen. Klugheit ist weniger theoretisches Wissen als gelebte Erfahrung, die uns hilft, besonnen und verantwortungsvoll zu handeln.

Bescheidenheit
Bescheidenheit bedeutet, die eigene Bedeutung realistisch einzuschätzen, ohne sich kleinzumachen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Erfolge anzuerkennen, ohne sie in den Mittelpunkt zu stellen, und Fehler einzugestehen, ohne sich dafür zu verurteilen. Bescheidenheit schafft Authentizität und öffnet Räume für echte Begegnung, weil sie frei von Überheblichkeit und Selbstdarstellung ist.
In der Praxis zeigt sich Bescheidenheit, wenn wir Kolleg*innen um Rat fragen oder offen zugeben, dass wir eine zweite Meinung einholen möchten.

Die Tugend Transzendenz

Transzendenz meint die Fähigkeit, Sinn zu finden und sich mit etwas Größerem verbunden zu fühlen — z. B. durch Dankbarkeit, Hoffnung, Humor oder Sinnorientierung. Nicht spirituell, sondern psychologisch: Was gibt dir Halt und Richtung.

Schönheitssinn
Schönheitssinn beschreibt die Fähigkeit, das Gute und Schöne im Leben wahrzunehmen – in der Natur, in Begegnungen, in kleinen Momenten. Er öffnet den Blick für das, was nährt und inspiriert. Menschen mit ausgeprägtem Schönheitssinn finden Kraft in Ästhetik, Harmonie und Bedeutung, selbst in herausfordernden Zeiten.
Im Praxisalltag zeigt sich Schönheitssinn, wenn wir uns an den stillen, berührenden Momenten erfreuen – etwa an der Bindung zwischen Tier und Mensch.

Dankbarkeit
Dankbarkeit ist die bewusste Wahrnehmung dessen, was gut ist. Sie richtet den Fokus auf Ressourcen statt auf Mangel und schafft eine innere Haltung der Wertschätzung. Dankbarkeit verbindet uns mit anderen, stärkt Resilienz und macht das Leben reicher, weil sie das Positive sichtbar macht, das sonst leicht übersehen wird.
Dankbarkeit zeigt sich, wenn wir uns über kleine Fortschritte freuen – etwa über eine gelungene Wundheilung oder das ehrliche Dankeschön eines Besitzers.

Optimismus
Optimismus ist die Zuversicht, dass Herausforderungen bewältigbar sind und dass die Zukunft Möglichkeiten bereithält. Er ist kein naives Schönreden, sondern eine Haltung, die Hoffnung mit Realismus verbindet. Optimismus stärkt Mut, Ausdauer und die Fähigkeit, auch in schwierigen Phasen handlungsfähig zu bleiben.
Optimismus zeigt sich, wenn wir auch bei komplexen Fällen realistische Hoffnung vermitteln und gemeinsam nach Lösungen suchen. Sie ist eine wichtige Ressource, wenn wir unsere Resilienz trainieren. – Möchtest Du mehr über Resilienz lesen? Dann klicke HIER 

Spiritualität
Spiritualität beschreibt das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein – sei es durch Werte, Naturverbundenheit, Rituale oder persönliche Sinnquellen. Spiritualität hat nicht per se etwas mit Esoterik oder das in den sozialen Medien gern verwendete Wort „Geschwurbel“ zu tun. Sie schenkt Orientierung, Trost und Tiefe – ganz individuell und vielfältig, und immer verbunden mit der Frage: Was trägt mich?
Im tierärztlichen Alltag zeigt sich Spiritualität z.B., wenn wir uns bewusst machen, dass unsere Arbeit mehr ist als Diagnostik und die Behandlung von Krankheiten – nämlich ein Beitrag zu Tierschutz, Lebensqualität und Verbundenheit zwischen Mensch und Tier. Wir in der Tiermedizin haben damit einen sehr sinnhaften Beruf. Und darum geht es.

Vergebung
Vergebung ist die Fähigkeit, Verletzungen loszulassen, ohne sie zu vergessen. Sie bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen, sondern sich von der Last des Grolls zu befreien. Vergebung schafft inneren Frieden und ermöglicht es, Beziehungen oder Situationen neu zu betrachten, ohne in alten Mustern gefangen zu bleiben.
Vergebung zeigt sich, wenn wir uns selbst Fehler verzeihen und daraus lernen, statt uns dauerhaft dafür zu verurteilen. Es zeigt sich, wenn wir Dinge, die nicht gut gelaufen sind, verstehen, ohne damit einverstanden sein zu müssen. Dennoch schaffen wir es, loszulassen.

Humor
Humor ist die Kunst, das Leben mit Leichtigkeit zu betrachten. Er schafft Distanz zu Schwierigkeiten, verbindet Menschen und öffnet Räume für Entspannung und Perspektivwechsel. Humor ist nicht Zynismus, sondern eine liebevolle Art, die Welt zu betrachten – mit einem Augenzwinkern und einem offenen Herzen.
Humor zeigt sich, wenn wir im Team gemeinsam lachen – gerade an Tagen, die eigentlich viel zu schwer sind.

Leidenschaft
Leidenschaft beschreibt die tiefe Begeisterung für ein Thema, eine Aufgabe oder eine Idee. Sie schenkt Energie, Kreativität und Ausdauer. Leidenschaft ist der Funke, der uns antreibt, über uns hinauszuwachsen, und gleichzeitig die Kraftquelle, die uns lebendig fühlen lässt.
Leidenschaft zeigt sich, wenn wir trotz langer Tage immer wieder spüren, warum wir diesen Beruf gewählt haben…

Fazit

Mit den Tugenden Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz schließt sich der Kreis der positiven Psychologie nach Martin Seligman – und zugleich öffnet er neue Perspektiven. Denn in ihnen zeigt sich, wie tief Charakterstärken in unserem beruflichen und persönlichen Alltag verwoben sind: in Entscheidungen, in Beziehungen, in Momenten der Belastung und der Freude. Sie erinnern uns daran, dass tierärztliche Arbeit weit mehr ist als Diagnostik und Therapie. Sie ist ein menschliches Handwerk, getragen von Haltung, Verbundenheit und innerer Klarheit. Wer diese Stärken kultiviert, stärkt nicht nur das eigene Wohlbefinden, sondern auch die Qualität der Arbeit, die Atmosphäre im Team und die Fürsorge für Tier und Mensch.

So wird die Praxis zu einem Ort, an dem Professionalität und Menschlichkeit einander nicht ausschließen, sondern ergänzen.