
Glück und Zufriedenheit sind etwas, wonach wir grundsätzlich streben. Wir wünschen uns Erfolg im Beruf, eine glückliche Familie, Leichtigkeit und Geselligkeit. Doch häufig stehen wir uns dabei selbst im Weg: durch schlechte Laune, Meckern, Mutlosigkeit, Eifersucht, Ärger, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Wir landen in einem Hamsterrad, das sich immer schneller dreht und uns kaum noch Fluchtmöglichkeiten lässt, ohne zu fallen. Doch die gute Nachricht ist: auch wenn man fällt, kann man wieder aufstehen!
In meinen letzten beiden Artikeln Wertschätzung im Team zeigen - doch wie? – Die „Sprache der Wertschätzung“ am Arbeitsplatz habe ich über die Wertschätzung im Team gesprochen – ein Thema, das für alle Beteiligten wichtig und nicht als alleiniges Führungsthema zu betrachten ist. Daran möchte ich heute anknüpfen, denn Wertschätzung ist nichts, was nur im „Außen“ passieren muss oder soll, sondern auch im „Innen“ können wir mehr für uns tun, um glücklich und zufrieden – und nicht mehr in einem Hamsterrad gefangen – zu sein.
Martin Seligman, ein amerikanischer Psychologe von der University of Pennsylvania beschäftigte sich in den 1990er Jahren genau mit solchen Fragen:
- Was macht einen Menschen zufrieden?
- Welche Tugenden helfen ihm dabei, ein erfülltes Leben zu führen?
- Wie bleibt der Mensch im Einklang mit sich selbst?
Durch seine Forschung wurde die sogenannte „positive Psychologie“ ins Leben gerufen.
Die positive Psychologie
Die positive Psychologie spielt inzwischen in der Coaching-Szene eine große Rolle, denn ihre Erkenntnisse können gezielt zur Selbstmotivation eingesetzt werden. (Fun Fact: An der Elite-Universität Harvard wird diese Fachrichtung sogar als Kurs angeboten – inzwischen auch online. Er gilt als der populärste Kurs in der Geschichte Harvards, mit über 1.400 eingeschriebenen Studierenden im Jahr 2006.)
Im Mittelpunkt stehen dabei die persönlichen Stärken, Tugenden und Ressourcen, die jeder Mensch besitzt. Ziel der positiven Psychologie ist es, diese positiven Eigenschaften bewusst zu fördern und so das seelische Wohlbefinden zu steigern. Sie zeigt Wege auf, wie wir durch Wertschätzung, Optimismus und Resilienz nicht nur unsere eigene Lebensqualität verbessern können, sondern auch das Miteinander im beruflichen und privaten Umfeld.
Kurz: Ihr Ziel ist nicht Optimierung, sondern Befähigung.
Die 6 Tugenden nach Martin Seligman
Martin Seligman unterscheidet in seinem VIA Modell 6 Tugendbereiche (virtues). Unter jeder Tugend liegen mehrere Charakterstärken (character strengths), also konkrete, beobachtbare Qualitäten.
Die 6 Tugenden
- Weisheit und Wissen
- Mut
- Menschlichkeit
- Gerechtigkeit
- Mäßigung
- Transzendenz
Diese 6 Bereiche sind die „Dächer“, unter denen die einzelnen Stärken gruppiert sind.
Im heutigen Blogbeitrag gehe ich auf die ersten 3 Tugenden ein, und nächsten Monat folgen die anderen 3.
Die Tugenden Weisheit und Wissen, und ihre Charakterstärken
Die Tugenden Weisheit und Wissen beschreiben die Fähigkeit, die Welt zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Sie umfasst Stärken wie Neugier, Lerneifer, Urteilskraft, Erfindergeist, emotionale Intelligenz und Weitblick. Menschen mit dieser Tugend verbinden Wissen mit praktischer Lebensweisheit und -erfahrung.
Neugier
Neugier ist die innere Haltung, die Welt immer wieder neu sehen zu wollen. Sie öffnet Räume für Fragen, für Staunen und für das ehrliche Interesse an Zusammenhängen. In der tierärztlichen Praxis zeigt sie sich, wenn wir nicht nur Symptome abarbeiten, sondern aufmerksam beobachten, nachhaken und uns für die Geschichte hinter dem Fall interessieren.
Lerneifer
Lerneifer beschreibt die Freude daran, Wissen zu vertiefen und Neues aktiv zu integrieren. Er ist der Motor, der uns fachlich und auch persönlich wachsen lässt, ohne dass es sich nach Pflicht anfühlt. Im tierärztlichen Alltag zeigt er sich, wenn wir neue Studien lesen, Fortbildungen besuchen, Kommunikationstechniken ausprobieren oder uns bewusst Feedback einholen.
Urteilskraft
Urteilskraft ist die Fähigkeit, Informationen nüchtern zu sortieren, abzuwägen und zu einer begründeten Entscheidung zu kommen. Sie schützt vor vorschnellen Schlüssen und hilft, komplexe Fälle strukturiert zu betrachten. In der Praxis zeigt sie sich, wenn wir trotz Zeitdruck differenziert bleiben und Diagnosen transparent kommunizieren.
Erfindergeist
Erfindergeist ist die Freude am kreativen Problemlösen. Er zeigt sich, wenn wir neue Wege ausprobieren, statt an starren Routinen festzuhalten. In der tierärztlichen Realität bedeutet das oft, Abläufe zu vereinfachen oder zu modernisieren, Besitzerkommunikation verständlicher zu gestalten oder manchmal auch mutig zu sein und neue Dinge auszuprobieren.
Emotionale Intelligenz
Emotionale Intelligenz umfasst die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Im tierärztlichen Alltag ist sie essenziell: Sie hilft, schwierige Gespräche zu führen, Grenzen zu setzen und gleichzeitig empathisch zu bleiben – gegenüber Tierhaltern wie auch im Team. Zum Thema Emotionale Intelligenz habe ich bereits einen Artikel geschrieben. Wenn Du mehr wissen möchtest, findest Du ihn HIER!
Weitblick
Weitblick bedeutet, über den Moment hinauszudenken – langfristige Tiergesundheit, Teamkultur und die eigene Belastbarkeit im Blick zu behalten. Er hilft, Entscheidungen nicht nur für heute, sondern für die Zukunft zu treffen.
Die Tugend Mut und Ihre Charakterstärke
Mut bedeutet, trotz Angst oder Widerstand zu handeln. Dazu gehören Tapferkeit, Durchhaltevermögen und Integrität — also das Einstehen für das, was man für richtig hält.
Tapferkeit
Tapferkeit beschreibt die Fähigkeit, sich Herausforderungen zu stellen, auch wenn Angst, Unsicherheit oder Widerstand im Raum stehen. Sie zeigt sich nicht nur in großen, dramatischen Momenten, sondern oft im Stillen: wenn wir eine unbequeme Wahrheit aussprechen, Verantwortung übernehmen oder uns für ein Tier oder einen Menschen einsetzen, obwohl es Konflikte auslösen könnte. Tapferkeit ist die innere Bereitschaft, das Richtige zu tun, selbst wenn es emotional oder sozial riskant ist.
Durchhaltevermögen
Durchhaltevermögen ist die Stärke, dranzubleiben, auch wenn der Weg mühsam wird. Es bedeutet, sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen, sondern Schritt für Schritt weiterzugehen. Diese Stärke zeigt sich in der Fähigkeit, langfristige Ziele zu verfolgen, komplexe Fälle geduldig zu begleiten oder in herausfordernden Zeiten die eigene Professionalität zu bewahren. Durchhaltevermögen ist weniger heroisch als Tapferkeit, aber ebenso kraftvoll: es ist die stille Ausdauer, die - auch persönliche - Erfolge möglich macht.
Integrität
Integrität ist die Übereinstimmung zwischen inneren Werten und äußerem Handeln. Sie zeigt sich, wenn wir ehrlich, verlässlich und authentisch bleiben – auch dann, wenn niemand zuschaut. Integrität bedeutet, Entscheidungen nicht nach Bequemlichkeit, sondern nach Überzeugung zu treffen. Sie schafft Vertrauen, Klarheit und innere Stabilität. Menschen mit hoher Integrität handeln konsistent, transparent und verantwortungsvoll, weil sie wissen, wofür sie stehen.
Wenn Du mehr über Vertrauen lesen möchtest, und wie dieses Entsteht, empfehle ich Dir diesen Artikel.
Die Tugend Menschlichkeit und Liebe
Hier geht es um zwischenmenschliche Wärme: Liebe, Freundlichkeit, Mitgefühl und die Fähigkeit, echte Verbindungen aufzubauen. Diese Tugend stärkt Beziehungen und Teamdynamiken.
Freundlichkeit
Freundlichkeit ist die Bereitschaft, anderen wohlwollend zu begegnen – nicht aus Pflicht, sondern aus einer inneren Haltung der Verbundenheit. Sie zeigt sich in kleinen Gesten ebenso wie in großen Taten: im geduldigen Zuhören, im respektvollen Umgang, im ehrlichen Interesse am Gegenüber. Freundlichkeit ist kein „Nettsein um jeden Preis“, sondern eine bewusste Entscheidung, die Welt ein Stück weicher zu machen. Sie wirkt verbindend, entschärft Spannungen und schafft Räume, in denen Vertrauen entstehen kann. Menschen mit ausgeprägter Freundlichkeit handeln aus Mitgefühl und Großzügigkeit, ohne sich selbst zu verlieren.
Liebesfähigkeit
Liebesfähigkeit beschreibt die Fähigkeit, tiefe, tragfähige Beziehungen zu gestalten – Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit, Wärme und Verlässlichkeit beruhen. Sie umfasst sowohl das Geben als auch das Annehmen von Zuneigung, Unterstützung und Nähe. Liebesfähigkeit zeigt sich in der Art, wie wir Bindungen pflegen, wie wir uns auf andere einlassen und wie wir emotionale Resonanz zulassen. Sie ist eine Stärke, die Mut erfordert, denn sie macht uns verletzlich und gleichzeitig reich. Menschen mit hoher Liebesfähigkeit schaffen Beziehungen, die Halt geben, Wachstum ermöglichen und ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln.
Liebesfähigkeit gehört zwar nicht in den beruflichen Kontext, wer aber im Privaten gute Bindungen pflegt, schafft eine emotional stabile Basis, auf der Herausforderungen im tierärztlichen Alltag besser bewältigt werden können.
Fazit
Wenn wir die Tugenden Weisheit und Mut betrachten, wird spürbar, wie sehr Charakterstärken unser professionelles und persönliches Handeln prägen. Sie wirken leise, aber kraftvoll – in Entscheidungen, in Begegnungen, in Momenten, die uns fordern oder wachsen lassen. Und sie erinnern uns daran, dass fachliche Exzellenz immer auch eine Frage innerer Haltung ist. Mit der Tugend Menschlichkeit endet dieser erste Teil, doch das Bild ist noch nicht vollständig: im nächsten Blogbeitrag widmen wir uns den Stärken, die unser Miteinander formen, unsere Balance schützen und uns mit etwas Größerem verbinden. So entsteht Schritt für Schritt ein Gesamtverständnis davon, wie positive Psychologie den tierärztlichen Alltag nicht nur erleichtert, sondern von jeder Person aus bereichern kann.


